Social-Media-Verbot: Kapitulation vor TikTok und Meta
Einstiegsalter für Social Media erst mit 16 Jahren? Das ist hochgefährlich. Stattdessen sollten Staat und EU endlich ihre Regeln durchsetzen.
D ie Politik macht Tempo. Bundesrat und Bundestag wollen strengere Regeln; Altersgrenzen für soziale Medien rücken näher. Der Schritt ist nachvollziehbar: Hass, Pornografie, Radikalisierung, Selbstverletzungen – die Risiken sind real. Ein entschiedenes Vorgehen signalisiert Jugendschutz und Handlungsfähigkeit. Es vermittelt, dass demokratische Institutionen den digitalen Raum gestalten und den Einfluss der Big Tech begrenzen können. In einer Zeit, in der politische Steuerungsfähigkeit häufig infrage steht, liegt darin ein Moment der Selbstvergewisserung.
Diese Attraktivität erklärt die Dynamik der aktuellen Debatte. Ein Verbot ist leicht zu vermitteln – greift aber zu kurz. Soziale Medien sind längst mehr als Kommunikationsräume. Sie sind Teil des sozialen Lebens, auch für Erwachsene. Vor allem aber sind sie Orte, an denen Menschen herausfinden, wer sie sind, wer sie sein wollen und wer sie sein dürfen.
Die aktuelle Debatte richtet sich auf den Zugang und verfehlt damit den Kern des Problems. Denn die entscheidende Wirkung sozialer Medien entsteht nicht punktuell, sondern im Alltag, in wiederkehrenden Erfahrungen, in der Art, wie Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit organisiert werden. Was früher vor allem in Familie, Schule und Freundeskreis entstand, entfaltet sich heute zusätzlich im Feed. Dort entsteht ein Gefühl dafür, was als normal gilt, was gesagt werden darf, was Aufmerksamkeit erhält und wer dazugehört. Soziale Medien eröffnen Räume, in denen Menschen (digitale) Nähe, Sichtbarkeit und Teilhabe erfahren sowie Anschluss finden.
Nina Kolleck ist Bildungsforscherin und Politikwissenschaftlerin. Seit 2023 ist sie Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Sie war Expertin für die „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“, die von Thomas de Maizière, Julia Jäkel, Peer Steinbrück und Andreas Voßkuhle initiiert wurde.
Die meisten Plattformen setzen dort an, wonach sich Menschen sehnen. Am Wunsch nach Nähe, nach Anerkennung und danach, etwas zu bewirken. Sichtbar wird, was Aufmerksamkeit bindet. Inhalte, die emotionalisieren, zuspitzen oder polarisieren, setzen sich durch. Im Feed entsteht eine verzerrte Wirklichkeit. Konflikte erscheinen radikaler, Grenzüberschreitungen alltäglich. Extremistische, menschenfeindliche oder gewaltverherrlichende Inhalte tauchen nicht als Ausnahme auf, sondern eingebettet zwischen Unterhaltung, Trends und scheinbar harmlosen Clips. Ideale eines Körpers, die kaum erreichbar sind, werden zur Norm. Was schockiert, wird konsumierbar. Was irritiert, wird vertraut. Und was einmal als Norm galt, verschiebt sich. Schritt für Schritt.
Plattformen sind darauf ausgelegt, das zu verstärken, was Menschen suchen: Nähe, Aufmerksamkeit, Bestätigung. Jedes Like, jeder Kommentar, jedes kurze Aufblinken von Resonanz fügt sich zu einem System, das nicht nur reagiert, sondern bindet. Es ist ein Kreislauf aus Reiz, Rückmeldung und dem Versprechen von mehr. Nähe wird hier nicht einfach erlebt, sondern organisiert und an Bedingungen geknüpft, die sich den Nutzer:innen entziehen.
Diese Form der digitalen Nähe ist jederzeit verfügbar, unmittelbar und zugleich instabil. Sie wirkt intensiv im Moment und verliert doch schnell an Wert. Sie erzeugt Verbindung, bleibt aber brüchig, weil sie von ständiger Bestätigung abhängt. Wer dazugehören will, reagiert, passt sich an und orientiert sich an dem, was Zugehörigkeit verspricht. So entsteht Anschluss an Inhalte, die zuvor irritiert hätten.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Kinder und Jugendliche werden diesen Plattformen begegnen – früher oder später. Ein Verbot verschiebt nur den Einstieg, mehr nicht. Und selbst das nur, wenn es überhaupt durchgesetzt werden kann. Darin liegt ein großes Risiko. Wer erst mit 16 einsteigt, trifft auf die volle, hochoptimierte Wirkung sozialer Medien – in einer Lebensphase, in der Zugehörigkeit, Selbstbild und Vergleich besonders wichtig sind. Was lange eingeschränkt ist, wird attraktiver. Der Einstieg erfolgt intensiver, in einem Alter, in dem viele Jugendliche über Schule kaum noch erreichbar sind. Zugleich ist es ein trügerisches Signal, soziale Medien seien nur bis 16 riskant. Denn viele der Räume, in denen Jugendliche tatsächlich Risiken wie sexuelle Übergriffe oder gezielte Ansprache erleben, etwa auf Plattformen wie Roblox oder Discord, fallen oft gar nicht unter solche Regelungen.
Dabei gäbe es mit dem Digital Services Act und der Datenschutz-Grundverordnung längst Instrumente. Doch sie werden politisch nicht konsequent durchgesetzt. Plattformen ignorieren zentrale Transparenzpflichten seit Jahren, ohne ernsthafte Konsequenzen. Konzerne wie Meta oder TikTok scheinen zu wissen, dass sie wenig zu befürchten haben und treiben die Logiken von Aufmerksamkeit und Zuspitzung weiter voran. Die Verantwortung ist zwischen EU und Mitgliedstaaten aufgeteilt, aber niemand greift durch. Das ist kein Vollzugsdefizit, sondern ein politisches Versagen im Umgang mit der Macht globaler Tech-Konzerne. Der Konflikt ist längst da, nur wird er nicht geführt.
So entsteht eine Öffentlichkeit, eine TikTok-Demokratie, die sich demokratisch nennt und doch ihre eigenen Grundlagen untergräbt. Denn hier setzt sich nicht das bessere Argument durch, sondern das mit der größten Reichweite. Darin liegt das Paradox: Was nach außen wie Teilhabe und Meinungsfreiheit wirkt, folgt einer Logik, die demokratische Prinzipien schleichend aushöhlt.
Wir sind längst mittendrin und sehen, wie sich die Maßstäbe verschieben: ein Hitlergruß als „Witz“, ein rassistischer oder sexistischer Satz als Meme. Was einmal schockiert hat, wird zur Gewohnheit. Während über Altersgrenzen diskutiert wird, verschiebt sich die Öffentlichkeit weiter. Tech-Giganten greifen tief in die Persönlichkeitsentwicklung ein. Sie schreiben mit an den Antworten junger Menschen auf die entscheidenden Fragen: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Es ist ein Kampf in den Köpfen unserer Kinder und Jugendlichen, der leise und oft unsichtbar verläuft, aber darüber entscheidet, wie junge Menschen fühlen, denken und sich selbst sehen. Die Politik muss ihn endlich austragen. Denn wer ihn gewinnt, entscheidet über die Zukunft unserer Gesellschaft.
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