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Social-Media-VerbotKapitulation vor TikTok und Meta

Gastkommentar von

Nina Kolleck

Einstiegsalter für Social Media erst mit 16 Jahren? Das ist hochgefährlich. Stattdessen sollten Staat und EU endlich ihre Regeln durchsetzen.

Früher gab es keine Probleme mit Social Media auf Handys, da gab es nur Telefone Foto: Egon Steiner / dpa

D ie Politik macht Tempo. Bundesrat und Bundestag wollen strengere Regeln; Altersgrenzen für soziale Medien rücken näher. Der Schritt ist nachvollziehbar: Hass, Pornografie, Radikalisierung, Selbstverletzungen – die Risiken sind real. Ein entschiedenes Vorgehen signalisiert Jugendschutz und Handlungsfähigkeit. Es vermittelt, dass demokratische Institutionen den digitalen Raum gestalten und den Einfluss der Big Tech begrenzen können. In einer Zeit, in der politische Steuerungsfähigkeit häufig infrage steht, liegt darin ein Moment der Selbstvergewisserung.

Diese Attraktivität erklärt die Dynamik der aktuellen Debatte. Ein Verbot ist leicht zu vermitteln – greift aber zu kurz. Soziale Medien sind längst mehr als Kommunikationsräume. Sie sind Teil des sozialen Lebens, auch für Erwachsene. Vor allem aber sind sie Orte, an denen Menschen herausfinden, wer sie sind, wer sie sein wollen und wer sie sein dürfen.

Die aktuelle Debatte richtet sich auf den Zugang und verfehlt damit den Kern des Problems. Denn die entscheidende Wirkung sozialer Medien entsteht nicht punktuell, sondern im Alltag, in wiederkehrenden Erfahrungen, in der Art, wie Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit organisiert werden. Was früher vor allem in Familie, Schule und Freundeskreis entstand, entfaltet sich heute zusätzlich im Feed. Dort entsteht ein Gefühl dafür, was als normal gilt, was gesagt werden darf, was Aufmerksamkeit erhält und wer dazugehört. Soziale Medien eröffnen Räume, in denen Menschen (digitale) Nähe, Sichtbarkeit und Teilhabe erfahren sowie Anschluss finden.

Bild: Marc-Steffen Unger
Nina Kolleck

Nina Kolleck ist Bildungsforscherin und Politikwissenschaftlerin. Seit 2023 ist sie Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Sie war Expertin für die „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“, die von Thomas de Maizière, Julia Jäkel, Peer Steinbrück und Andreas Voßkuhle initiiert wurde.

Die meisten Plattformen setzen dort an, wonach sich Menschen sehnen. Am Wunsch nach Nähe, nach Anerkennung und danach, etwas zu bewirken. Sichtbar wird, was Aufmerksamkeit bindet. Inhalte, die emotionalisieren, zuspitzen oder polarisieren, setzen sich durch. Im Feed entsteht eine verzerrte Wirklichkeit. Konflikte erscheinen radikaler, Grenzüberschreitungen alltäglich. Extremistische, menschenfeindliche oder gewaltverherrlichende Inhalte tauchen nicht als Ausnahme auf, sondern eingebettet zwischen Unterhaltung, Trends und scheinbar harmlosen Clips. Ideale eines Körpers, die kaum erreichbar sind, werden zur Norm. Was schockiert, wird konsumierbar. Was irritiert, wird vertraut. Und was einmal als Norm galt, verschiebt sich. Schritt für Schritt.

Plattformen sind darauf ausgelegt, das zu verstärken, was Menschen suchen: Nähe, Aufmerksamkeit, Bestätigung. Jedes Like, jeder Kommentar, jedes kurze Aufblinken von Resonanz fügt sich zu einem System, das nicht nur reagiert, sondern bindet. Es ist ein Kreislauf aus Reiz, Rückmeldung und dem Versprechen von mehr. Nähe wird hier nicht einfach erlebt, sondern organisiert und an Bedingungen geknüpft, die sich den Nut­ze­r:in­nen entziehen.

Diese Form der digitalen Nähe ist jederzeit verfügbar, unmittelbar und zugleich instabil. Sie wirkt intensiv im Moment und verliert doch schnell an Wert. Sie erzeugt Verbindung, bleibt aber brüchig, weil sie von ständiger Bestätigung abhängt. Wer dazugehören will, reagiert, passt sich an und orientiert sich an dem, was Zugehörigkeit verspricht. So entsteht Anschluss an Inhalte, die zuvor irritiert hätten.

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Kinder und Jugendliche werden diesen Plattformen begegnen – früher oder später. Ein Verbot verschiebt nur den Einstieg, mehr nicht. Und selbst das nur, wenn es überhaupt durchgesetzt werden kann. Darin liegt ein großes Risiko. Wer erst mit 16 einsteigt, trifft auf die volle, hochoptimierte Wirkung sozialer Medien – in einer Lebensphase, in der Zugehörigkeit, Selbstbild und Vergleich besonders wichtig sind. Was lange eingeschränkt ist, wird attraktiver. Der Einstieg erfolgt intensiver, in einem Alter, in dem viele Jugendliche über Schule kaum noch erreichbar sind. Zugleich ist es ein trügerisches Signal, soziale Medien seien nur bis 16 riskant. Denn viele der Räume, in denen Jugendliche tatsächlich Risiken wie sexuelle Übergriffe oder gezielte Ansprache erleben, etwa auf Plattformen wie Roblox oder Discord, fallen oft gar nicht unter solche Regelungen.

Dabei gäbe es mit dem Digital Services Act und der Datenschutz-Grundverordnung längst Instrumente. Doch sie werden politisch nicht konsequent durchgesetzt. Plattformen ignorieren zentrale Transparenzpflichten seit Jahren, ohne ernsthafte Konsequenzen. Konzerne wie Meta oder TikTok scheinen zu wissen, dass sie wenig zu befürchten haben und treiben die Logiken von Aufmerksamkeit und Zuspitzung weiter voran. Die Verantwortung ist zwischen EU und Mitgliedstaaten aufgeteilt, aber niemand greift durch. Das ist kein Vollzugsdefizit, sondern ein politisches Versagen im Umgang mit der Macht globaler Tech-Konzerne. Der Konflikt ist längst da, nur wird er nicht geführt.

Tech-Giganten greifen tief in die Persönlichkeitsentwicklung ein

So entsteht eine Öffentlichkeit, eine TikTok-Demokratie, die sich demokratisch nennt und doch ihre eigenen Grundlagen untergräbt. Denn hier setzt sich nicht das bessere Argument durch, sondern das mit der größten Reichweite. Darin liegt das Paradox: Was nach außen wie Teilhabe und Meinungsfreiheit wirkt, folgt einer Logik, die demokratische Prinzipien schleichend aushöhlt.

Wir sind längst mittendrin und sehen, wie sich die Maßstäbe verschieben: ein Hitlergruß als „Witz“, ein rassistischer oder sexistischer Satz als Meme. Was einmal schockiert hat, wird zur Gewohnheit. Während über Altersgrenzen diskutiert wird, verschiebt sich die Öffentlichkeit weiter. Tech-Giganten greifen tief in die Persönlichkeitsentwicklung ein. Sie schreiben mit an den Antworten junger Menschen auf die entscheidenden Fragen: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Es ist ein Kampf in den Köpfen unserer Kinder und Jugendlichen, der leise und oft unsichtbar verläuft, aber darüber entscheidet, wie junge Menschen fühlen, denken und sich selbst sehen. Die Politik muss ihn endlich austragen. Denn wer ihn gewinnt, entscheidet über die Zukunft unserer Gesellschaft.

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10 Kommentare

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  • "Was früher vor allem in Familie, Schule und Freundeskreis entstand, entfaltet sich heute zusätzlich im Feed."

    Dieser Satz ist insofern problematisch, als es in der Realität einiger Jugendlicher so aussieht, dass sich Kontakte, "Freundschaften", Wertvorstellungen etc. nicht "zusätzlich", sondern fast ausschließlich im Feed abspielen.



    Dieser Mammutanteil indirekter Kommunikation im Leben von Kindern und Jugendlichen führt dazu, dass sie oft gar nicht mehr richtig wissen, wie sie im realen Leben kommunizieren können, wie sie sich sozial in einer Gruppe verhalten sollen.



    Ganz subjektiv scheint mir auch der Anteil echter, tiefer Freundschaften unter Jugendlichen nicht mehr so hoch zu sein wie noch vor einigen Jahren.



    Die meisten Leute haben ja nicht mit vielen Kindern und Jugendlichen zu tun. Wenn man aber in der Schule arbeitet, erlebt man täglich, dass sich Grundlegendes verändert hat in der Interaktion zwischen Jugendlichen. Viele hängen in den Pausen allein an ihren Handys und in Gruppen zeigt man sich irgendwelche Videos, Memes etc. und lacht. Mit Gesprächen in dem Sinne hat das wenig zu tun.



    All das trägt dazu bei, dass es vielen Jugendlichen psychisch nicht gut geht.

  • Wichtigster Satz:



    Dabei gäbe es mit dem Digital Services Act und der Datenschutz-Grundverordnung längst Instrumente. Doch sie werden politisch nicht konsequent durchgesetzt.

    Das gilt leider für viele Bereiche:



    Steuerdiebstahl (nicht nur cum ex: "Werkzeugkasten" zur Steuerhinterziehung geliefert vom BMF..).



    Tempo 30 in Tempo 30 Zonen.



    Kartellrecht (Kraftstoff, Lebensmittel"einzel"-handel, Stromnetzkartelle).



    Grundwasser- und Gewässerschutz.



    etc. pp.

    Einfach mal bestehende Gesetze anwenden und durchziehen?

    • @So,so:

      Richtig. Beinahe hätte ich geschrieben: Hier erodiert schleichend eine Gesellschaft...

      Falsch. Die erodiert nicht mehr schleichend sondern rasant. Nahebei steht ein Halteverbotsschild an der Straße. Das interessiert lange schon niemanden mehr, weil ein naher Kindergarten eben nicht genug Parkraum für den Kinderlieferservice hat. Der Stadt ist das klar, die schaut halt nicht hin, obwohl z.B. eine Feuerwehr nicht mehr schadlos dran vorbei käme...



      Der Eine ignoriert das Hundeverbot im Park, die Anleinpflicht sowieso, da meint der Andere eben: "Warum soll ich meinen Müll nicht irgendwo in die Landschaft kippen?" Der Nächste dröhnt mit gleicher Begründung verkehrt herum durch die Einbahnstraße, fast jeder ohnehin mit dem Fahrrad ungebremst über den Bürgersteig...

      Regeln und Ordnung - wozu das? Im Netz ist alles sagbar und schreibbar, das setzt sich nun lediglich zeitlich etwas verschoben in der Realwelt fort...



      Das schnelle Wachstum extremer Parteien und Raumgreifen irrer "Meinungen" sind auch ein Resultat und Ergebnis der schönen freien Netzwelt samt asozialer Medien...

      Pandoras Box war vermutlich nichts dagegen.

    • @So,so:

      Ganz genau so ist es. Es scheint längst gesellschaftsfähig zu sein, unliebsame Regeln wie oben beschrieben einfach zu ignorieren. Die Politik setzt solche Vorgaben deshalb auch nicht konsequent durch - es könne bei der nächsten Wahl schädlich sein. Diese Luschigkeit der Verantwortlichen schadet der Allgemeinheit jedoch sehr erheblich - doch das kommt erst weit hinter den eigenen Interessen....

  • Der Text enthält kein stichhaltiges Argument gegen ein Socialmediaverbot unter 16 Jahren.

    Natürlich greift ein Verbot zu kurz: es ist mit allgemeiner Datensparsamkeit und Medienkompetenz zu ergänzen.

    STATT eines Verbotes aber NUR auf Medienkompetenz o.ä. zu verweisen ist ungefähr so, als sage man:

    "Alkohol für Kinder ist schon OK, die Eltern müssen das eben gut begleiten. So lernen Kinder, mit Alkohol umzugehen."

    De facto gibt es eben zu wenig Begleitung durch Eltern, zu wenig Medienkompetenz in der Schule, usw. Socialmedia ist eine schnell wirkende, stark süchtig machende und die kognitive Leistungsfähigkeit reduzierende Droge. Wie bei jeder anderen Droge auch, müssen Kinder davor geschützt werden. Und wenn sie dann damit umgehen dürfen, braucht es -klar- Begleitung und Anleitung.

    Zu sagen, mit 16 sei die sensible Phase schon vorbei erscheint seltsam - impliziert es doch, lieber höchst sensible, völlig unreife Jugendliche dieser Droge und den sozialen, durch schädliche Algorithmen befeuerten, (Un-)Trieben auszusetzen.

    Übrigens gibt es mittlerweile, entgegen der Aussage im Text, auch auf Roblox und Discord vergleichbare Regelungen.

  • Ich stimme der Autorin in vielem zu. Etwa, dass die Altersbeschränkung eine Scheinlösung wäre (sofern man die Annahme teilt, hier müsse etwas reguliert werden), die unter Umständen das Problem (sofern hier eines vorliegt) möglicherweise noch zuspitzen würde. An einer Stelle scheint jedoch der Wunsch und ein idealisiertes Weltbild doch die Erzählung sehr zu beeinflussen. Nämlich da, wo kontrastiert wird zwischen einer Welt, in der sich das bessere Argument durchsetzt und jener Social-Media-Welt, da – dem entgegengesetzt – die Reichweite das Argument übertrupmft. Auf die Gefahr hin zu spoilern: Erstere gibt es nicht! Man zeige mir, wo das bessere Argument triumphiert. Meistens ist es die Autorität, die darüber entscheidet, welches sich durchsetzt; meistens haben wir es nicht einmal mit Argumenten zu tun sondern mit Gefühligkeiten und trotzigem Bestehen auf eigenen Interessen. Noch häufiger mit Fehlannahmen und zurecht gebastelten Konsistenzen. Von Fehlschlüssen und kruden "Stimigkeiten" ganz zu schweigen. Ist dies nun besser als eine Entscheidung qua Massenenvotum? Letztere hätte immerhin das Potental zur echten Deliberation, wenn die Masse im Wesentlichen rational wäre und frei...

  • Also ich lese aus dem Text eher eine Kapitulation gegenüber digitaler Persönlichkeitsentfaltung heraus.



    Wie soll sich aber in einer sich sukzessiv entwickelnden digitalen "Blase" eine Persönlichkeit entwickeln, wenn das gesamte feedback sich aus Extrempositionen zusammensetzt? Denn diese werden bekanntlich durch die Algorithmen bevorzugt ausgespielt.



    Die Reglementierung der Social Media Anbieter kann ja trotz, bzw. mit einer Altersbeschränkung stattfinden

  • Aber DSA und DSGVO lassen sich seit Jahren aber eben gerade nicht gegen die Big Tech-Konzerne durchsetzen. Von der geradezu absurd anmutenden Vorstellung, dass die ja möglicherweise auch von selbst und ganz ohne Zwang geltende Gesetze einhalten könnten.



    Die logische Konsequenz wäre deshalb weniger der x-te Versuch nun endlich doch durchzusetzen, was man seit Jahren nicht durchsetzen konnte, sondern ein Social Media-Verbot und zwar nicht nur für Kinder und Jugendliche sondern für alle. Der damit verbundene Wegfall von Netzwerkeffekten und die entstehende Marktlücke würde es dann auch ermöglichen europäische Alternativen zu etablieren die sich an europäisches Recht halten oder zumindest für europäische Rechtsdurchsetzung greifbar sind.

  • Hier wird -wieder einmal- deutlich um was es geht: Macht und Geld. Die EU kneift, die Regierungen ebenso. Es ist leicht, den Kids Verbote vor die Nase zu setzen, es ist sehr schwierig, den Tech-Giganten Grenzen aufzuzeigen. Die wehren sich mit Erpressung oder einfach nur durch das Ignorieren von Auflagen. Dagegen kommt man nicht an, zumal die Lobby für permananten Druck auf alle Regierungen diesen Zustand aufrechterhält.

  • "...Dabei gäbe es mit dem Digital Services Act und der Datenschutz-Grundverordnung längst Instrumente. ..."



    Wie? Kann mir das jemand erklären? Wie kann man diesem Kommunikationswahnsinn der Tec.Bros Einhalt gebieten?