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Siedlergewalt im WestjordanlandSiedlermilizen außer Rand und Band

Am Wochenende haben Siedler erneut palästinensische Dörfer angegriffen. Auslöser soll in diesem Fall der Tod eines 18-jährigen Siedlers gewesen sein.

Sechzehn palästinensische Dörfer sind in einer Nacht angegriffen worden. Das schreibt am Sonntagnachmittag der palästinensische Botschafter in Deutschland, Laith Arafeh, auf X. Videos, die Nut­ze­r*in­nen und Medien verbreiten, zeigen lichterloh brennende Autos und Häuser, schreiende, herumrennende Männer, Blaulicht und Sirenen sowie wegfahrende Krankenwagen. Menschen eilen zu den Bränden mit Eimern in der Hand.

Auslöser soll der Tod eines 18-jährigen Siedlers gewesen sein. Laut israelischen Medien fuhr der junge Mann am Samstagnachmittag in einem Geländefahrzeug mit seinem Bruder und einem weiteren Israeli in der Nähe des illegalen Außenpostens Shuva Yisrael Farms nahe Nablus, als es zur Kollision mit einem palästinensischen Wagen kam. Den Vorfall stufte die Polizei zunächst als Verkehrsunfall ein.

Israelische Politiker*innen, darunter Finanzminister Bezalel Smotrich, bezeichneten ihn jedoch als Angriff. Sicherheitskräfte teilten laut der israelischen Zeitung Haaretz mit, der Vorfall werde nun als möglicher Terroranschlag untersucht. Auf Nachfrage spricht die israelische Polizei von einem „parteiischen und ungenauen Framing der Ereignisse“. Man habe die Informationen nach und nach aktualisiert, als neue Erkenntnisse ans Licht kamen. Die Untersuchung laufe noch.

Auf X sprach Smotrich indes bereits von „Mord“, der junge Mann sei „gefallen, als er unser Land verteidigte, indem er am Land von Samaria [biblischer Name für einen Teil des Westjordanlands, Anm. d. Red.] festhielt“. Der rechte Politiker hat in der Vergangenheit immer wieder für eine Annexion des Westjordanlands plädiert.

King David’s Bataillons im Westjordanland unterwegs

Der Regionalrat für Samaria schrieb in einer Mitteilung auf Facebook, nach Angaben der Überlebenden hätte das palästinensische Fahrzeug vor der Kollision beschleunigt. Bestätigt ist das nicht. Doch die Aussagen haben Öl ins Feuer gegossen. In Online-Gruppen von Siedlern wird der Unfall als Terrorangriff gewertet und zur Rache aufgerufen.

In einem Whatsapp-Kanal verabredeten sich Sied­le­r*in­nen am Sonntag um 17 Uhr an mehreren Kreuzungen im Westjordanland, um gegen den mutmaßlichen Angriff zu protestieren sowie die „Vertreibung des Feindes“ und die Aufhebung der Oslo-Abkommen zu fordern. Im Chat ist zudem von „Vertuschung“ die Rede.

Die Journalistin Matan Golan schrieb in einem Post auf X, einige radikale Siedler bezeichneten sich inzwischen als „King David’s Batallions“, was auf eine Art selbsternannte Miliz hindeutet. Ein Screenshot legt nahe, dass die Gruppe Verantwortung für Angriffe in Jalud, Sebastia und Fandaqumiya beansprucht.

Am Sonntag kam es erneut zu Zwischenfällen. In mehreren Dörfern setzten Dutzende Siedler Autos und Gebäude in Brand. Ein Sprecher des Palästinensischen Roten Halbmondes bestätigt, sie hätten am Wochenende neun Menschen behandelt, einer davon mit Schusswunde.

In den frühen Morgenstunden kamen die Angreifer wieder

Die Angreifer warfen zudem Steine und versperrten Straßen. In Jalud sprühten sie „Rache für Jehuda“, den 18-jährigen Verstorbenen, an eine Wand. Zweimal kamen die Siedler ins Dorf, erzählt Ratsvorsitzender Raed Haj Mohammad, am Samstag und am frühen Sonntagmorgen. Zunächst beschädigten sie vier Autos, versuchten, sie in Brand zu setzen, müssten aber zurückweichen, als die Be­woh­ne­r*in­nen herbeieilten.

Dann kamen sie in den frühen Morgenstunden wieder, über 100 Männer, schlugen Fenster ein, setzten Autos und Gebäude in Flammen. „Sie waren maskiert und wir wissen nicht, wer sie sind, aber sie kamen aus den umliegenden Siedlungen, wie man auf Überwachungskameras sieht.“

Haaretz sprach unter Berufung auf Sicherheitskreise von 20 Attacken. Fünf Israelis soll das Militär inzwischen festgenommen haben. Eine Anfrage zu den Ereignissen am Samstag und Sonntag ließen Polizei und Militär unbeantwortet. Laut einem Bericht der Times of Israel soll indes ein Infanteriebataillon ins Westjordanland geschickt worden sein, das eigentlich für den Einsatz im Libanon gedacht war.

Bereits seit Beginn des Irankriegs ist die Zahl der Angriffe durch radikale Siedler im Westjordanland stark gestiegen. Mindestens sechs Palästinenser wurden dabei getötet. Das Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (OCHA) zählt vom 28. Februar bis Mitte März insgesamt 14 Opfer und 135 Verletzte, mehr als die Hälfte davon werden auf Siedlergewalt zurückgeführt. Im gleichen Zeitraum wurden fünf Israelis verwundet.

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