Siedlergewalt im Westjordanland: Erneut Palästinenser von Siedler erschossen
Ein 25-Jähriger ist das nächste Opfer einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Im Anschluss nimmt das israelische Militär Dutzende Palästinenser fest.
Foto: Mohammed Torokman/reuters
Ein Mann in den Zwanzigern ist das neueste Opfer der Gewalt radikaler Siedler im Westjordanland. Odeh Awawda wurde laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa von einem Siedler am Rande des Dorfes Deir Dibwan nahe Ramallah in den Rücken geschossen. Er verstarb kurz nach seiner Ankunft im Krankenhaus am Mittwochabend. Zeitgleich stürmten israelische Truppen das Dorf und nahmen Dutzende Palästinenser fest. Ein Video zeigt über 30 Männer, die in einer Reihe entlang einer Straße abgeführt werden.
Das israelische Militär bestätigt, dass seine Truppen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern verhindern wollten. Nach Angaben der israelischen Zeitung Times of Israel hätten sie jedoch keinen Schuss auf die Dorfbewohner*innen abgefeuert. Daher könne die Kugel, die Awawda getroffen hat, nur aus der Waffe eines Siedlers stammen.
Die Soldat*innen haben dann die Israelis aus dem Dorf „evakuiert“ und in die nächste Polizeistation gebracht, so das Militär weiter. Es ist unklar, ob jemand für die Tötung zur Rechenschaft gezogen wurde. Außerdem schreibt das Militär, man habe mehrere Palästinenser festgenommen, die im Verdacht standen, Steine geworfen zu haben. Auf welchen Beweisen eine derartige Massenfestnahme beruhte, ist unklar. Die Behörden haben alle Inhaftierten kurze Zeit später wieder freigelassen.
Letzter Siedlerangriff vor weniger als 48 Stunden
Weniger als 48 Stunden zuvor hatten Siedler zwei weitere Menschen im Westjordanland umgebracht. Einer von ihnen war noch ein Kind, 14 Jahre alt. In al-Mughajir, einem Dorf nördlich von Ramallah, das immer wieder von Gewalt betroffen ist, hatten Siedler am Montag in der Nähe einer Schule das Feuer eröffnet. Dabei starben der 14-Jährige sowie ein 32-jähriger Verwandter eines Schülers. Vier weitere Menschen wurden verletzt.
Laut Augenzeugenberichten wurden die Siedler von Soldaten begleitet. Ein Video zeigt einen Mann in Uniform, der mehrere Sekunden lang aus einem Gewehr feuert. Palästinensische Medien identifizierten ihn nach eigenen Angaben als Reservisten; laut Medienberichten wurde er anschließend vom Dienst suspendiert. Ob er verhaftet wurde, ist unbekannt.
Das israelische Militär hatte nach Berichten über Steinwürfe auf ein Fahrzeug von Israelis seine Truppen ins Dorf geschickt. Der Reservist soll sich zunächst in dem Auto befunden und im Anschluss das Feuer auf „Verdächtige“ im Dorf eröffnet haben.
Neun Tote durch Siedlergewalt in zwei Monaten
Seit dem Beginn des Irankriegs Ende Februar ist die Gewalt im Westjordanland weiter entflammt. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten kamen bis Sonntag 28 Palästinenser*innen um, mindestens neun davon durch Siedler. Etwa 300 Menschen wurden bis Ende März verletzt, mehr als die Hälfte durch israelische Zivilist*innen. Das israelische Militär selbst dokumentierte für das Jahr 2025 im Schnitt 2,4 Siedlerangriffe pro Tag.
Sehr selten werden indes Siedler und israelische Soldaten für Verbrechen gegen Palästinenser angeklagt, geschweige denn verurteilt. Laut der israelischen Nichtregierungsorganisation Yesh Din endeten lediglich 3 Prozent aller Anzeigen von Palästinenser*innen gegen Israelis bis Anfang 2025 mit einer Verurteilung.
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