Schau zu Ikebana-Kunst in München: Der Weißkohl im Anthropozän
Der Kunstverein München zeigt in einer Ausstellung die Ikebana-Kunst von Kosen Ohtsubo und Christian Kōun Alborz Oldham.
Vermutlich passiert es nur ganz selten, dass man von einem welken Blatt Kohl tief berührt ist. Wie ihn der Künstler Kosen Ohtsubo da schlaff in der Ausstellung „Flower Planet“ im Kunstverein München auf einem Sockel aus schwarzen Fliesen liegen lässt. Seine dicken Adern ziehen mäandernde Muster auf das weiche Blattgrün, dessen Färbung durch den Wassermangel schon ins Gelbliche übergegangen ist.
Wie die Knackigkeit – wenn man so will: das Leben – aus dem Weißkohlblatt verschwindet, sieht schön aus. Noch schöner wird es durch den Sockel, der ein bisschen wie das postmoderne Design der italienischen Gruppe Memphis daherkommt: total ästhetisch, total emotional.
Der über 80-jährige Ohtsubo macht seit Jahrzehnten vergängliche, pflanzliche Bildhauerwerke und betreibt damit seine eigenwillige, anarchische Form des Ikebana, eine seit Jahrhunderten in Japan kultivierte Kunst des Blumenarrangierens. Die Ästhetik des Ikebana ist reduziert. Ganz anders als die europäische, üppige Floristik, wie sie etwa auf den Blumenstillleben des Barock ihre sehr weltliche Botschaft von der Vergänglichkeit des Lebens vermittelt.
Ursprünglich in buddhistischen Zeremonien eingesetzt, haben klassische Ikebana-Arrangements eine kosmische Symbolik: Die Linien der Blumenstiele sollen den Himmel, die Erde oder die Menschheit darstellen.
Schrein aus Geäst und getrockneten Blüten
Natur und extreme Künstlichkeit kommen beim Ikebana zusammen. Und bei Kosen Ohtsubo, der in einer durch die Kupferindustrie verschmutzten Region Zentraljapans aufwuchs, schleicht sich noch unsere heutige menschengemachte Welt mit hinein, mit all ihrem zivilisatorischen Abfall.
Im Kunstverein München hat er einen kugelförmigen Schrein aus Geäst und getrockneten Blüten zusammengeflochten, darin mengen sich Schrottreste und weggeworfene Haushaltsgegenstände. Metallwolle blitzt unter dem dünnen Geäst auf. Dass die Natur zum Abort der Menschen geworden ist, dieser unheimliche Zustand der Welt, wird hier zur fragilen, gleichsam mahnenden Schönheit.
Gemeinsam mit dem fünfzig Jahre jüngeren Christian Kōun Alborz Oldham, einem Schüler von ihm, hat der Pflanzenkünstler für die Ausstellung eine Reihe Fotografien von vergangenen Arrangements ausgewählt: Man sieht ein Heer trockener Blumen, um eine rostige Metallplatte in einer Wasserlache gruppiert, oder ein welkes Palmenblatt, das sich wie ein dünner Tentakel über eine Glaskugel legt. Die Pflanzen haben hier immer auch etwas Kreatürliches. Ihr kurzweiliges Leben verewigen die beiden dann auf Fotografien, sie arbeiten dem Lauf der Zeit sozusagen durch die technischen Mittel der Abbildung entgegen.
Dennoch ist es das vor den eigenen Augen vergehende Material, das die beiden in München so eindrücklich vorführen. Wandert man an ihren Pflanzenarrangements vorbei, passiert etwas, das die bildende Kunst besonders gut kann: Es entsteht ein ästhetischer Moment, der die Sinne schärft für die vielleicht banalsten Dinge, in denen aber größere Zusammenhänge sichtbar werden, und wenn sie sich nur auf einem Blatt Weißkohl abzeichnen.
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