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Schattenseiten der digitalen ModerneIm Alter wird's dann eng

Die Digitalisierung rationalisiert menschliche Kontakte weg. Die Alternative der Zukunft wird heißen: Pflegeroboter oder ein soziales Dienstjahr.

Vielleicht plauscht der Postbote schon mit dem Nachbarn? Foto: imago

E ine gute Idee, dachte ich, als ich das Video der französischen Post sah: Renée Barbet, eine ältere, aber sehr selbstbewusste Dame, sitzt an ihrem Küchentisch in einem Dorf irgendwo im Département Hauts-de-France. „Wissen Sie, wenn man so allein ist wie ich, ist es sehr angenehm, wenn man regelmäßig besucht wird, und deshalb warte ich an jedem Dienstag schon mit Ungeduld auf den Besuch von Jocelyne.“ Jocelyne, das ist die Postbotin, die in dem Werbefilmchen aufs Stichwort durch die Tür kommt. „Wir plaudern über alles und nichts“, sagt Renée. „Jocelyne erzählt mir, was es in der Nachbarschaft Neues gibt, bringt mit das Lokalblättchen, ich zeige ihr Fotos von meinen Enkeln.“

Jocelyn ist Teil des von der französischen Post angebotenen Dienstes „Veiller sur mes parents“ (auf meine Eltern Acht geben). Eingeführt wurde das Angebot 2017, rund 70 000 Briefträgerinnen und Briefträger wurden damals geschult. Sie sollten auf ihren Rundgängen kurze Besuche abstatten, sich erkundigen, ob etwas akut benötigt wird, falls nötig, die Verwandten benachrichtigen, oder den Kontakt zu Handwerkern herstellen, Bestellungen aufnehmen, offizielle Briefe erklären – kurz, alles, was so anfällt und in einer Viertelstunde zu erledigen ist. Das alles können die älteren Menschen oder ihre Kinder abonnieren: Ein Kurzbesuch pro Woche kostet 19,90 Euro im Monat, soll die Briefträgerin jeden Tag kommen, 139 Euro.

Die Post kümmert sich um ältere Menschen – eine gute Idee, dachte ich, geboren aus zwei strukturellen Problemen: einer anwachsenden Zahl einsamer älterer Menschen und einer Post, die nur noch einen kleinen Teil ihres Umsatzes mit Briefbeförderung macht. Dazu noch die Möglichkeit, den Beruf des Briefträgers aufzuwerten.

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Das war 2017. Heute liest man nur noch wenig über das Programm; ein paar Tausend Abonnenten hat es vielleicht noch, und in den Werbeprospekten der Post spielt es kaum noch eine Rolle, da werden jetzt eher Telefonberatung und Notfallmeldesysteme angeboten, mehr Digitales statt Persönliches.

Es gilt: mehr arbeiten im produktiven Kern, der menschliche Kontakt wird dazugebucht

Warum klappen gute Ideen nicht? Es gab Einwände der Gewerkschaften: dass die Postboten keinen Zusatzlohn erhielten; von den Sozialverbänden, dass der Dienst nicht den Kriterien für gute Sozialarbeit genüge; von Kulturkritikern, die menschliche Zuwendung gegen Geld ablehnen.

Der harte Grund hingegen dürfte in der Betriebswirtschaft liegen: Irgendwann hat jemand gerechnet und herausgefunden, dass sich durch die Verdichtung der Zeittakte beim Zustellen höhere Gewinne erreichen lassen als durch eine menschenfreundliche Ausweitung der Aufgaben. Das Ganze ist ein Musterbeispiel für die perfide Moderne: Erst wegrationalisieren, was früher vor allem vom Landpostboten nebenbei und kostenfrei mitgeliefert wurde, dann auf dem sozialen Mangel einen neuen Geschäftszweig gründen – und ihn wieder einstellen, wenn er sich nicht „rechnet“.

Das Verschwinden analoger Beziehungen – zu Deutsch: direkter menschlicher Kontakte – aus dem Gewebe der Gesellschaft ist, so glaube ich, das folgenreichste, anthropologisch tief wirkende Merkmal der digitalen Zeitenwende.

Diese Rationalisierung von Nähe und Nachbarschaft spielt in vielen Formen und hat nicht erst jetzt begonnen: Die Abschaffung des Kassierers bei der SPD hat den Mitgliederschwund mit beschleunigt; die Privatisierung der Pflege den Beruf der Gemeindeschwester aussterben lassen; die Schematisierung der „Lernerfolge“ den Lehrer zum Vermittler degradiert. Das Soziale wird immer mehr zum Beiprodukt – oder ausgegliedert: an Personal Coaches, Berater, Animateure, Therapeuten und Gurus aller Art. Kostenpflichtig.

Die Logik heißt: Mehr arbeiten im „produktiven Kern“, damit wir uns menschlichen Kontakt dazubuchen können. Im Alter wird’s dann eng: Vor allem Krankenschwestern, Pfleger, Sozialarbeiter klagen weniger über ihre Löhne als über die Zeitverdichtung. In vielen Institutionen – medizinischen, sozialen, pädagogischen – werden deshalb die Zivildienstler vermisst, die früher für die Lücken im Ablauf sorgen konnten: die Unterhaltung am Krankenbett, die Nachmittagsaufsicht auf dem Spielplatz, der Spaziergang mit Dementen.

Hausbesuche bei Menschen, die nicht mehr laufen können oder einsam sind, so wie Madame Barbet aus dem schönen Werbefilm, sind kein attraktives Feld für Start-ups. Die Alternative der Zukunft heißt: Pflegeroboter und digitale Begleiter – oder ein soziales Dienstjahr (wie immer man es nennen will).

Und das ist nicht nur eine ökonomische, sondern eine kulturelle Wahl: Welche Bereiche unseres Lebens wollen wir rationalisieren lassen? Was kommt auf uns zu – und das nicht nur in der Pflege: Grundschülern beim Schreibenlernen helfen oder Kindern etwas vorlesen, kommunale Gärten anlegen, die Öffnungszeiten von Bädern und Museen stabilisieren oder, natürlich weniger attraktiv, aber lebensnotwendig: Rollstuhlschieben und Windelnwechseln – dieses und noch viel mehr wäre nicht nur ein Ausweg aus vielen Engpässen des verschuldeten Staates.

Es würde vieles überhaupt erst möglich machen. Und es könnte Jugendlichen aus allen Milieus eine erste Erfahrung machen lassen mit dem, was Gesellschaft zusammenhält – durch die Tätigkeit und durch den Kontakt mit anderen sozialen Milieus.

Eine gute Idee – das ist, wenn man so herumfragt, sehr oft die Reaktion. Fast in jedem Sommerloch kommt ein Politiker auf die Idee, ein solches Sozialjahr zu fordern. Und dann kommen ebenso regelmäßig die Bedenken. Aber jetzt – der Krieg ist der Vater aller Dinge – werden wir demnächst wohl kein soziales Jahr für alle kriegen, sondern wieder einen Ersatzdienst, als Anhängsel zum eigentlichen, zum Kriegsdienst für Nation und Freiheit.

Eigentlich aber, denke ich, gehört eine soziale Erfahrungszeit dorthin, wo der Gedanke der Pflicht schon lange unbestritten ist. Wie sagte Willy Brandt: Die Schule der Nation ist die Schule – und sie könnte, neben anderen, ein solches letztes Jahr sehr gut vertragen: am Ende ein bisschen vom Leben lernen.

Warum klappen gute Ideen nicht?

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3 Kommentare

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  • Die Diktatur der Ökonomie frisst sich neben der Arbeitswelt ins Private durch. Alte Menschen leisten wenig, kosten aber viel. Alles wird jetzt durchrationalisiert, von der Pflege bis hin zu sozialen Kontakten. Kein Briefträger mehr, Apotheken werden weniger, Banken haben geschlossene Türen und im Altersheim herrscht satt und sauber. Das Menschliche verschwindet. Und KI ersetzt keine menschliche Zuwendung. Gruselige Zeiten sind angebrochen, es geht nur noch um den Profit, Menschen sind austauschbar bei der Arbeit, alte Menschen werden lästig.

    • @KLaus Hartmann:

      Die gruseligen Zeiten waren nie weg, nur kann das jetzt alles viel konsequenter durchgesetzt werden, da ein Gegenentwurf weit und breit nicht in Sicht ist.

  • Sei's gesungen. Den Alten und den Jungen.



    Oder so: www.stuttmann-kari....de/karikatur/8976