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Rückzieher Erdoğans nach ProtestenAngst vor dem Aufstand

Kommentar von

Sinem Vardar

Der türkische Präsident Erdoğan hat die Schließung der Bilgi-Universität zurückgenommen. Das macht Hoffnung und zeigt: Widerstand ist wirksam.

Die Proteste der Studenten und Lehrkräfte haben gewirkt Foto: Abdullah Tepeli/dpa

D ie Stimmung in der Türkei ist derzeit geprägt von politischer Unberechenbarkeit und einer Justiz im Dienst der Präsidialmacht. Doch der Rückzug von Präsident Erdoğan bei der geplanten Schließung der Bilgi-Universität zeigt: Widerstand ist wirksam.

Am Sonntag wurden sowohl das CHP-Parteigebäude als auch die liberale Bilgi-Universität zu Symbolen des Widerstands gegen die autokratischen Maßnahmen Erdoğans. Die Absetzung des Chefs der größten Oppositionspartei CHP, Özgür Özel, am Donnerstag und die Schließung der Universität am Freitag lösten massive Proteste aus. Denn sie sind nicht nur Angriffe auf die Demokratie, sondern auch Ausdruck eines mafiösen Systems, das sich unter der AKP-Regierung schrittweise etabliert hat.

Doch es gibt Hoffnung: Dass Erdoğan die Schließung der Bilgi-Universität zurückgenommen hat, zeigt, dass er einen gesellschaftlichen Aufstand fürchtet. Auch das Vorgehen gegen den CHP-Chef zeigt die Angst der Regierung vor einem Machtverlust.

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Özel gilt als stärkster Rivale Erdoğans. Er verspricht, die CHP und den Staat von diesem korrupten System zu befreien. Unter seiner Führung wurde die CHP bei den Kommunalwahlen 2024 erstmals seit Jahren stärkste Kraft vor der AKP. Seitdem steht die Opposition massiv unter Druck: Oppositionelle werden politisch ausgeschaltet, darunter Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu, der seit März 2025 inhaftiert ist. Ob auch gegen Özel ein Haftbefehl folgen wird und ob unter diesen Bedingungen 2027 überhaupt freie und demokratische Wahlen möglich sein werden, bleibt offen.

Die Entwicklungen in der Türkei sind nicht nur eine Schande für die Demokratie, sondern auch ein Spiegel europäischer Heuchelei. Außenminister Johann Wadephul (CDU) verwies in seiner Kritik an Erdoğans Vorgehen auf die de facto toten EU-Beitrittsverhandlungen. Obwohl klar ist, dass sie bedeutungslos sind. Auch das weitgehende Schweigen von Grünen und Linken ist enttäuschend. Denn hier geht es nicht um die Unterstützung einer einzelnen Partei, sondern um die Verteidigung demokratischer Grundwerte.

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2 Kommentare

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  • Eine aufgeheizte Situation. Özel und die CHP sollten mit der größtenteils jungen Protestgeneration dafürt kämpfen, dass ein demokratischer Wandel bzw. eine Transition des Landes zur Demokratie möglich wird. Erdogans Verhalten zeigt nur, dass er sich in die Ecke gedrängt fühlt und weiß das er freie Wahlen 2027/28 nur schwer gewinnen würde. Trotzdem muss man sagen, ist die kemalistische Überzeugung nicht allein oder größtenteils nicht die Lösung für eine moderne Türkei. Eine moderne Türkei sollte ein ethnisch pluralistischer Staat unter Berücksichtigung der Minderheiten wie Kurden und Aleviten, sowie vor allem der Armenier sein. Dieser Multiethnizität steht manches in der kamelistischen Überzeugung bzw. im Kemalismus auch entgegen. Özel wird daher klar sein, dass er für eine Lösung der politischen Situation in der Türkei die Kurden und vor allem die Dem benötigen wird. Sei es für eine politische Mehrheit, sei es für eine politische Lösung für eine plurale Türkei.

  • CHP-



    Vor über 20 Jahren begann Herr Erdoğan, Schritt für Schritt alles zu verändern, was ihm nicht passte – vieles davon gelang ihm auch mit Unterstützung der CHP.



    Die CHP-Mitglieder sind Weltmeister im Fahnenschwenken, doch darüber hinaus haben sie bislang wenig erreicht. Vielleicht lernen sie jetzt – nach 100 Jahren der Fixierung auf Fahne und Atatürk –, was Widerstand bedeutet.