Rücktritt von Ministerin Anne Spiegel: Zwischen den Krisen

Die zurückgetretene Familienministerin Spiegel erklärte ihren Urlaub mit persönlichen Gründen. Muss während privater Krisen eine Auszeit möglich sein?

Portrait

Familienministerin Spiegel am 10. April vor der Presse. Am Tag darauf tritt sie von ihrem Amt zurück Foto: Annette Riedl/dpa

Abgekämpft sieht Anne Spiegel aus, als sie am Sonntagabend um 21 Uhr vor die Kameras tritt, um ihr Verhalten nach der Flutkatastrophe im Ahrtal vergangenes Jahr zu erklären. Sie spricht langsam und sucht nach Worten, im Lauf des siebenminütigen Statements bricht ihr mehrfach die Stimme. 2019, beginnt sie, habe ihr Mann einen Schlaganfall erlitten. Dazu kam die „wahnsinnige Herausforderung“ der Pandemie, die die vier kleinen Kinder „ganz klar mit Spuren versehen“ habe. Da habe sie einen Fehler gemacht: Neben ihrem Amt als Familienministerin in Rheinland-Pfalz und der Spitzenkandidatur für die Grünen ab 2021 übernahm sie auch noch das Amt als geschäftsführende Umweltministerin.

„Das hat uns als Familie über die Grenze gebracht“, sagt Spiegel, „es war zu viel“. Zum ersten Mal hätten sie die gemeinsame Zeit dringend gebraucht. Die Abwägung zwischen ihrer Verantwortung als Ministerin und Mutter von vier kleinen Kindern habe sie sich nicht leicht gemacht. Und doch: „Es war ein Fehler, dass wir in Urlaub gefahren sind.“

Spiegels Auftritt wird in Erinnerung bleiben. Als ein in der bundesdeutschen Politik singuläres und hochemotionales Statement, das bis weit ins Private die Gründe für ihr berufliches Verhalten offenlegt. Sofort wird es hitzig, zum Teil hämisch debattiert. Authentisch, sagen die einen – überfordert, nennen es die anderen. So oder so wirft es Fragen auf: Längst nicht nur die nach der Notwendigkeit von Spiegels am Montag erfolgtem Rücktritt, um die es in diesem Text auch nicht gehen soll. Sondern auch und vor allem größere: die nach Vereinbarkeit von Politik und Familie.

Drei Jobs, das lässt sich wohl festhalten, sind so gut wie immer zwei Jobs zu viel. Doch die Gnadenlosigkeit des politischen Geschäfts, in dem es vor allem Frauen noch immer schwer gemacht wird, an die Spitze zu kommen, potenziert den Druck enorm. Viele erfolgreiche Frauen in der Politik haben keine Kinder, Angela Merkel zum Beispiel oder Claudia Roth. Nur gut ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten sind überhaupt Frauen. Weibliche Bundestagsabgeordnete bekommen weniger Kinder als andere Frauen, so eine Studie der Hanns-Seidel-Stiftung. Die Gründe: hohe zeitliche Belastung und Rechtfertigungsdruck nach allen Seiten.

Leben in klaren Rollen

Die, die mit oder trotz Kindern oben ankommen, leben häufig in klaren Rollen: Der Mann übernimmt das Private. Anne Spiegel organisiert ihr Leben so, Annalena Baerbock ebenfalls. Aber muss während privater Krisen nicht auch für Spitzenpolitikerinnen eine Auszeit möglich sein? Warum ist es so schwer vorstellbar, dass eine vierfache Mutter – oder ein Vater – in einer Extremsituation Zeit braucht für die Familie? Ein Ministerium, eine Partei, eine funktionierende Organisation muss in der Lage sein, das aufzufangen. Sonst kann sie im 21. Jahrhundert nicht als funktionierende Organisation gelten.

Ist Symbolpolitik, ist Repräsentanz in der Ausnahme­situation so wichtig, dass nicht auch die Staats­se­kre­tä­r:in übernehmen kann?

Die Art und Weise wie Medien funktionieren, wie sie auf Skandalisierung aus sind, macht die Sache nicht einfacher. Wäre Baerbock aus privaten Gründen derzeit nicht in Sachen Ukraine präsent, wäre sie längst verhöhnt und verrissen. Dasselbe hätte wohl für Anne Spiegel gegolten, hätte sie direkt nach der Flut erklärt, aus privaten Gründen eine Auszeit zu brauchen. Das jedoch sagt mehr über bestehende Strukturen als über Spiegel selbst. Ist Symbolpolitik, ist Repräsentanz in der Ausnahmesituation so wichtig, dass nicht auch die Staats­se­kre­tä­r:in übernehmen kann? Denken wir Führung so autoritär, dass nur die starke Frau, der starke Mann uns in Sicherheit wiegt?

Man darf und muss einer sich als aufgeklärt verstehenden Gesellschaft zumuten, auch mal mit Stell­ver­tre­te­r:in­nen klarzukommen. Unser Verständnis von Politik, von Arbeit und Care steht in Frage, wenn es keinen Raum dafür gibt, andere, belastbare Modelle zu diskutieren. Den aber muss es geben, damit Entscheidungen zwischen zwei Krisen wie bei Anne Spiegel nicht an der einzelnen Person hängenbleiben.

Belastung und Schwäche

Erst jetzt, nach der Kam­pagne von Bild und CDU, entschied sich Anne Spiegel, einen Einblick zu geben in das Dilemma, in dem sie sich befand und mit privaten Details zu ihrem Mann, Krankheit und Kindern an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch das wiederum erregt Missfallen: Muss das sein, das Private so ins Licht zu zerren? Und liegt nicht auch eine Instrumentalisierung, ein Hauch von Inszenierung sogar noch in diesem Statement?

Gewohnt sind wir solche Statements als Gesellschaft bisher jedenfalls nicht. Der politische Diskurs ist weitgehend frei von Privatem, von Authentizität sowieso. Um aber miteinander ins Gespräch zu kommen, braucht es wohl manchmal Einblicke in Sphären, die auch Berührungsängste auslösen. Um herauszufinden und offenzulegen, welches die Bruchstellen sind in der Welt, wie wir sie organisieren, braucht es Einsichten in das, was selten an die Oberfläche dringt.

Frei von Privatem, von Belastung und Schwäche – so kaltschnäuzig und unverfroren etwa wie Scheuer, Amthor und Co – ist Politik ohnehin absolut nicht wünschenswert. Politik genau sowie Gesellschaft sollten das aushalten und eine Debattenkultur mitprägen, die nach Wegen sucht, existenzielle Krisen wie die Anne Spiegels in Zukunft abfedern zu können.

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