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Rücktritt von Keir StarmerAlternativlos – und doch ist kein Problem gelöst

Dominic Johnson

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Dominic Johnson

Das ging dann doch schnell: Der britische Premierminister ist zurückgetreten. Und ergänzt damit eine Reihe glückloser Regierungsversuche.

A m Ende fällt es schwer, kein Mitleid zu empfinden. Wieder einmal verlässt ein britischer Premierminister keine zwei Jahre, nachdem er unter großen Erwartungen und Hoffnungen die Regierung übernommen hatte, das Amt als gescheiterter Politiker. Wieder ein Abschied – vom „Land, das ich liebe“. Und von seiner Einsicht, dass er nicht mehr der Richtige sei, um es zu führen. Wieder einmal bringt sich ein frisches, unverbrauchtes Gesicht in Stellung, auf das jetzt alle Erwartungen und Hoffnungen neu projiziert werden.

Die Rede ist von Keir Starmer, dem zurückgetretenen britischen Labour-Premierminister, und von Andy Burnham, seinem so gut wie sicheren Nachfolger. Aber genauso lief es 2019 ab, als die freud- und glücklose Theresa May dem fröhlichen und energischen Boris Johnson wich. Oder 2022, als der hoffnungslos versagende Boris Johnson der ambitionierten Liz Truss wich, die wiederum verpuffte wie ein nasses Feuerwerk und dem technokratischen Rishi Sunak Platz machte. Bis der nicht einmal zwei Jahre später 2024 dem strahlenden Wahlsieger Keir Starmer von Labour weichen musste.

Was genau Keir Starmer seitdem falsch gemacht hat, ist angesichts dieser Vorgeschichte gar nicht so leicht zu erkennen. Eigentlich nichts – und eigentlich alles. Die unangekündigten Sparmaßnahmen, die nach dem Wahlsieg plötzlich alternativlos waren. Der Hang, Dinge anzukündigen und dann das Gegenteil zu machen. Das Unvermögen, sich den Menschen verständlich zu machen. Die Nähe zu halbseidenen Gönnern und diskreditierten Blair-Veteranen aus der politischen Mottenkiste. Und Starmers Neigung, für diese Fehler immer andere verantwortlich zu machen: Berater, Minister, Abgeordnete, Spitzenbeamte – alle außer sich selbst. Und dann irgendwann erstaunt festzustellen, dass ihn niemand mehr mag. Was am Anfang als Haltung daherkam, erschien am Ende als Selbstgerechtigkeit.

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Starmers Rücktritt fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum erinnert daran, dass die britische Politik sich von dem Schock dieses Volksaufstandes bis heute nicht erholt hat. Der Brexit ist nicht die Ursache der Probleme Großbritanniens – er war 2016 ein unbeholfener Versuch, sie zu lösen. Das hat nicht geklappt, und seitdem werden Premierminister andauernd in der vergeblichen Hoffnung ausgewechselt, irgendjemand regiere mal überzeugend.

Starmers Rücktritt war alternativlos. Aber Großbritanniens Krise ist kein Personalproblem. Sie ist ein Strukturproblem, mit einem kurzatmigen Politbetrieb, der langfristiges Handeln im Sinne der Menschen so gut wie unmöglich macht. Solange das so bleibt, können wohl weder der Brexit noch sein Gegenteil und weder Starmer noch Burnham das Land glücklich machen.

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Dominic Johnson

Dominic Johnson Ressortleiter Ausland

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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7 Kommentare

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  • ".... Großbritanniens Krise ist kein Personalproblem. Sie ist ein Strukturproblem, mit einem kurzatmigen Politbetrieb, der langfristiges Handeln im Sinne der Menschen so gut wie unmöglich macht. ....." Ich glaube das ist das Hauptproblem aller freiheitlichen Demokratien. Man hat in den letzten Jahrzehnten im Namen des Neoliberalismus der Bevölkerungsmehrheit zu Gunsten einer kleinen superreichen Mehrheit so viele Einschränkungen zugemutet, dass jetzt keiner mehr mit einem ernsthaften langfristigen Plan für Reformen kommen braucht, weil die Leute es Leid sind und dann lieber rechten Rattenfängern, die alle Probleme mit kurzfristig Ausländerhass lösen wollen ihre Stimme geben. Die Macht der paar Superreichen über Lobbyismus und direkte Verbindungen in die Politik ist mittlerweile so groß, dass sie auch die Demokratie über die Planke schicken, denn eins wissen Sie, auch wenn sie sich in Diktaturen weiter bereichern passiert anschliessend nichts, irgendwie kommen sie immer durch und werden bei jeder Krise und jedem Krieg noch reicher.

  • Auch wenn man sich nicht besonders für Großbritannien interessiert, fragt man sich: was ist da los ?



    Im Nachbarartikel steht, dass der drohenden Nachfolger nicht viel besser wird.



    Kürzlich gab´s, glaube ich Krawalle mit brennenden Autos ...

    "Aber Großbritanniens Krise ist kein Personalproblem. Sie ist ein Strukturproblem, mit einem kurzatmigen Politbetrieb, der langfristiges Handeln im Sinne der Menschen so gut wie unmöglich macht."

    Langfristiges Handeln im Sinne der Menschen ? Der Brexit war ein aufgeheiztes Referendum, die Krawalle kürzlich waren diese Menschen...

    Wähler und Gewählte sind sich doch ähnlich.

    "The English may not like music, but they absolutely love the noise it makes"—is attributed to the famously witty British conductor Sir Thomas Beecham.

  • Der Brexit nicht die Ursache?



    Ich kann mich noch gut an die ganzen Artikel von Dominic Johnson erinnern, die forderten Get Brexit done! ohne eine rationale Begründung zu liefern.



    Wie Stäuber schreibt, taz.de/Krawalle-in-Belfast/!6189372/ gibt es seitdem rassistische Angriffe noch und nöcher.



    Das BIP ist geschrumpft, wie Paul Krugman vorrechnet und nach 2016 wurden sehr viele neue Migranten zur Arbeit angeworben.



    Englands Lage und die seiner Working Class und die der Kommunen geben Ausblick auf das, was sich hier ebenfalls breitmachen wird - siehe den heutigen Aktionstag „Kommunen am Limit“, mit dem Städten und Gemeinden auf die dramatische Finanznot hinweisen.



    Verarmung ist Unvernunft pur.

  • Starmer hatte verängstigt sich selbst den Handlungsspielraum kleinversprochen. Corbyn, der in einem unbeobachteten Moment Labourvorsitzender hatte werden können, hätte aus dem unvermeidlichen Wahlsieg gegen die Tories wenigstens etwas gemacht. Starmer hielt sich zu sehr zurück. Das war nicht mal Blair.



    Jetzt wird der/die Neue aber noch Jahre zum Gestalten haben: bitte im Sinne der Vielen auch nutzen.

  • Labour hat mit Starmer deutlich weniger Stimmen bekommen als mit Corbyn. Den hat Starmer mit ziemlich üblen Methoden beseitigt. Was blieb? Wie fast überall in Europa, ein Haufen Konservative light, Totengräber der Sozialdemokratie.

  • Wieso konnte Trump der den Rücktritt ja schon einen tag vorher verkündet hat so sicher sein ? Weil er Kompromat aus den Epstein files gegen Starmer eingesetzt hat. Bei Merz werden wir dieses Glück wohl kaum haben ;)

  • Schade das solche Rücktritte nicht auch bei uns möglich sind.