Rücktritt des ADAC-Verkehrspräsidenten: Shitstorm? Leckt uns am Auspuff!
Der Rücktritt des ADAC-Verkehrspräsidenten treibt unseren Autor um: Warum folgen wir den pöbelnden Minderheiten? Und wer hält dagegen?
A n die Toilettenwand in meiner Schule hatte ein weiser Mensch mit Filzstift den Satz geschrieben: „Ein kluges Wort, und schon ist man Kommunist“. Im Westberlin meiner Kindheit hatte man noch Angst vor den Kommunisten im Osten. Und Kritik oder abweichende Gedanken wurden gern mit „Geh doch rüber!“ beantwortet.
Kommunisten sind als Massenbewegung, die auch mal die Welt retten wollte, inzwischen ausgestorben. Ein paar Restposten gibt es noch. Aber die Sitte, jemanden für rationale Aussagen zu beschimpfen und vom Hof zu jagen, hat sich in der mächtigsten Massenbewegung Deutschlands noch gut erhalten.
Der Verkehrspräsident des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs ADAC, Gerhard Hillebrand, trat diese Woche nach einer Wut- und Kündigungswelle von Mitgliedern zurück. Sein Vergehen: Er hatte ein paar einfache Wahrheiten ausgesprochen: Höhere Spritpreise würden Menschen zum Umstieg auf klimafreundliche Alternativen bringen. Der CO2-Preis sei ein „richtiges Mittel, um die Klimaschutzziele zu erreichen“, diese Ziele sollten nicht gelockert werden. Für den Umstieg brauche es aber soziale Abfederung, günstige E-Autos, Ladeinfrastruktur. Kurz: Hillebrands Aussagen waren etwa so spektakulär wie „Die Sonne geht im Osten auf“.
Wobei wir wieder bei Kommunisten und Sündenböcken wären. Denn Hillebrand schmiss sein Ehrenamt hin, weil es nach einer orchestrierten Wut- und Empörungswelle bei der Bild-Zeitung und anderen asozialen Medien 60.000 Austritte aus dem ADAC gab. Klingt gewaltig. Sind aber nur 0,3 Prozent der 22,7 Millionen Mitglieder. Gleichzeitig gab es im Januar 100.000 Eintritte, was für den größten Autoclub Europas ziemlich normal ist. Die Austritte waren merklich, aber keine Bedrohung. Also nicht so, als würden 60.000 Menschen ihr taz-Abo kündigen.
Demokratie lebt vom Mehrheitsprinzip
„Dieses Land ist dabei, das Zuhören zu verlernen“, klagte deshalb die Süddeutsche Zeitung. Ich sehe das anders: Dieses Land hat verlernt, einen Arsch in der Hose zu haben, wenn eine Mini-Minderheit laut und aggressiv rumpöbelt. Der ADAC hätte ja auch sagen können: Leckt uns am Auspuff! 99,7 Prozent unserer Mitglieder beschweren sich nicht. 60.000 Wutlenker lassen wir einfach auf der Standspur stehen. Beim nächsten platten Reifen sind sie sowieso wieder Mitglied.
Überall kuschen wir vor lauten Minderheiten: Wenn ein paar Unternehmer fordern, für die Bevölkerung Bürgergeld oder Krankenversicherung zu kürzen. Wenn die AfD mit 20 Prozent der Stimmen die Politik vor sich hertreibt. Wenn Bauern ganz nach Laune Straßen blockieren dürfen, was bei KlimaschützerInnen als Terrorismus gilt. Wenn Trump der Welt auf der Nase rumtanzt.
Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit bestimmt. Und sich nicht der „Tyrannei der Minderheit“ beugt, wie der Titel eines der besten Politik-Bücher der letzten Jahre lautet. Strittige Fragen kann man im Zweifel mit 50,01 Prozent Zustimmung durchsetzen. Und mit 99,7 Prozent erst recht. Dafür braucht es aber eben Mut: auf das Recht zu bestehen, dem lauten Geblöke zu widersprechen, einen Shitstorm durchzustehen und den Willen der Mehrheit durchzusetzen.
Deshalb hätten die Pannenhelfer des ADAC zu Gerhard Hillebrand stehen sollen. Und damit zu allen, die noch keine totale Panne haben.
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