Revanchismus beim AfD-Nachwuchs: Vorstand der AfD-Jugend will „großdeutsche Lösung“
Luca Maurice Strauf hat am Tag der Wiedervereinigung eine Karte gepostet, auf der Teile vieler Nachbarländer deutsch eingefärbt sind. Das sorgt für Stress – nicht nur in der AfD-Jugend.
Foto: Christian Mang/reuters
Irgendwann finden sich in den X-Kommentarspalten jede Menge französische Accounts, die sich dem rechtsradikalen Umfeld der französischen Rechtspartei Rassemblement National (RN) zuordnen lassen. Die französische Rechtstwitter-Bubble ist über einen Post eines AfD-Politikers empört und postet Gifs von Atompilzen, Bilder von nuklearen Waffen und französischen Soldaten.
Tenor: „Trau dich nur, Kraut!“ oder im Wortlaut: „Die Deutschen waren nie unsere Freunde. Man muss das Saarland und das linke Rheinufer annektieren … und Berlin noch einmal den Erdboden gleichmachen, wenn möglich.“ Die AfD sei pangermanisch, warnt einer, Frankreich müsse aufwachen – denn die Partei führe in den deutschen Umfragen.
Sauer sind die rechten Franzosen vor allem wegen eines bayerischen Vorstands der AfD-Jugend, Luca Maurice Strauf, der sich selbst kurioserweise als „Helmut“ ausgibt und eigentlich aus dem Saarland stammt. Strauf hatte am Tag der Deutschen Einheit eine revanchistische Karte gepostet, welche die aktuellen deutschen Grenzen infrage stellt. Viele Nachbarländer Deutschlands sind in Blautönen als deutsch markiert. Darunter auch Elsass-Lothringen, was die Franzosen so in Wut versetzt.
Strauf hatte anlässlich des Feiertags zur Wiedervereinigung zu dieser Karte geschrieben: „Deutsche Einheit bedeutet ein Deutschland, das das gesamte deutsche Volk in einem Staat vereint. Heute gedenken wir einem Etappen-Sieg auf dem Weg dahin“ (Fehler im Original). Auf der Karte sind nicht nur Teile Frankreichs, sondern auch Österreichs, Teile von Polen, Ungarn, Schweiz, Italien, Frankreich, Luxemburg, Dänemark, Slowakei, Rumänien, Niederlande und Belgien als teils deutsch markiert. Kurz nachdem Strauf die Karte gepostet hatte, löschte er den Beitrag wieder. Dennoch ging das Posting in den sozialen Medien viral.
Vorstand der AfD-Jugend will das „deutlich ansprechen“
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Strauf offen revanchistisch äußert. Bereits am 5. August postete Strauf auf die Frage einer Journalistin, was für ihn Heimat sei – Saarland oder Bayern – mit einem Zitat aus der ersten Strophe der deutschen Nationalhymne, die heute wegen ihres nationalistischen Charakters nur noch von rechtsradikalen Burschenschaften gesungen wird: „Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt.“ Auch hier also: die „großdeutsche Lösung“. Kein Wunder, dass sich Deutschlands Nachbarn mit Blick auf Wahlerfolge der AfD und die gleichzeitig stattfindende Aufrüstung wegen „Pangermanismus“ Sorgen machen.
Der Bundesvorstand der extrem rechten AfD-Jugend, der sich seit der Neugründung als professionell inszeniert, zeigt sich ob des öffentlichen Bildes etwas zerknirscht. Auf Anfrage der taz heißt es, man habe vom Beitrag erst durch Anfrage der taz erfahren, wie der Pressesprecher Wendelin Fessl sagte: „Er entspricht weder unserem Anspruch an Geschichtspolitik noch unserem Verständnis von Realpolitik. Patriotismus braucht keine historischen Landkarten-Fantasien.“ Politik müsse sich daran messen lassen, was sie für die Zukunft unseres Landes konkret erreichen könnte, so Fessl.
Der GD-Vorstand wirkt jedenfalls ähnlich sauer wie die Franzosen: „Wir werden den Vorgang aber in der nächsten Vorstandssitzung sehr deutlich ansprechen. Wer politische Verantwortung trägt, muss mehr im Blick haben als den nächsten provokanten Post.“ Von ernsthaften Konsequenzen ist allerdings nicht die Rede, obwohl Strauf Wiederholungstäter ist.
Komisch dabei: Pressesprecher Fessl ist selbst Österreicher und ruft beispielsweise in einem Propaganda-Video der AfD-Jugend: „Wir sind die deutsche Jugend!“ Auf die Frage, wie er das Strauf-Posting als Österreicher sehe, sagte er: „Ich kann mit solchen Grenzspielereien wenig anfangen. Man kann sein Land lieben, ohne gleich den Atlas neu zeichnen zu wollen.“ Aber er betont auch: „Die deutsche Einheit und die Wiedervereinigung von 1990 sind für mich Anlass genug, den 3. Oktober zu feiern.“
Strauf selbst gibt sich auf taz-Anfrage weniger großspurig als noch in seinem Posting: Mit dem Beitrag wollte er angeblich nicht fordern, dass Deutschland sich Teile der Nachbarländer einverleibe, sondern nur auf die „gemeinsame Geschichte“ und „ein gemeinsames Schicksal“ von Deutschland und Österreich hinweisen, schreibt er. Er habe den Post gelöscht, „weil er keinen Nutzen hatte“. Auch sein Zitat aus der ersten Strophe der Nationalhymne sei nicht als Forderung gemeint, behauptet er.
Strauf ist nicht allein mit Revanchismus
Nun ja: Tatsächlich war die Anerkennung etwa der Oder-Neiße-Grenze noch in den 90 Jahren ein Mobilisierungsthema für Rechtsextreme. Und auch in der AfD gibt es weitere Puzzleteile, die darauf hindeuten, dass Strauf mit seiner Haltung zu den deutschen Grenzen nach 1945 nicht ganz allein sein könnte.
Der völkische Scharfmacher Hans-Thomas Tillschneider etwa feiert jährlich ein Preußenfest. Viele AfD-Politiker stammen aus Familien, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Björn Höcke, dessen Großeltern Ostpreußen waren, trug mehrfach bei AfD-Veranstaltungen eine Preußenflagge am Revers.
Und Parteichefin Alice Weidel weigerte sich in Vergangenheit, den heutigen polnischen Namen Głubczyce des Heimatorts ihrer Vorfahren anzuerkennen, wie sie einem rechtsextremen Magazin sagte: „Weidel ist ein oberschlesischer Name, meine Familie väterlicherseits kommt aus Leobschütz. Ich habe mich immer geweigert, nachzuschauen, wie der polnische Name der Stadt lautet, und diese Stadt umzubenennen.“
Der Historiker Jens-Christian Wagner wertete das damals in der Welt als Infragestellung der nach 1945 gezogenen Grenzen. Die Partei wende sich damit gegen die Aussöhnung mit Polen und damit eine wesentliche Grundlage für ein friedliches Deutschland.
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