Relotius-Skandal beim „Spiegel“

Betrug, Eitelkeit, Versagen

Der „Spiegel“ hat die Relotius-Untersuchung abgeschlossen. Doch der Skandal hatte systemische Ursachen, sagen zwei ehemalige Redakteure.

Ein Füllfederhalter

Die Edelfedern blieben lieber unter sich Foto: Art Lasovsky/Unsplash

Es ist nun die Aufgabe von Steffen Klusmann, zu versprechen, dass nach der Katastrophe alles besser wird. Am Samstag saß der Spiegel-Chefredakteur in Hamburg auf einem Podium und musste sich quälenden Fragen stellen. Zum Fall des Fälschers Claas Relotius, zur Redaktionskultur des Spiegel, zum Umgang seines Hauses mit Wahrheit und Dichtung.

Der Anlass, die Verleihung des Nannen-Preises, die am Abend folgen sollte, war mal ein Hochamt des deutschsprachigen Journalismus, ein Stelldichein der Edelfedern des Landes. Dieses Mal aber hing wie eine teerschwarze Gewitterwolke der Abschlussbericht der Relotius-Untersuchungskommission über der Veranstaltung.

Und Chefredakteur Klusmann versuchte auch gar nicht erst, die Katastrophe zu beschönigen. „Ziemlich verheerend“ nannte er die Dimension des Skandals und bekannte auch, dass sein Haus bisweilen „zu selbstverliebt“ gewesen sei „in die Art, wie wir Geschichten präsentiert haben“.

Seit Herbst ist Klusmann Chefredakteur des Spiegel. Er kam vom Manager-Magazin, und kaum hatte er sein Büro bezogen, fiel ihm die Affäre Relotius vor die Füße – der Fall eines vielfach dekorierten Jungreporters, der etliche seiner Geschichten teilweise oder komplett gefälscht hatte. Mitte Dezember machte der Spiegel den Fall von sich aus öffentlich und beauftragte eine dreiköpfige Arbeitsgruppe mit der Aufarbeitung. Eine Wahrheitskommission sozusagen. Am Freitag nun hat das Magazin den Bericht veröffentlicht. Er ist erstaunlich selbstkritisch, hofft darauf, durch akribische Analyse die systemischen Fehler ausmerzen zu können. Wenn all das den Spiegel besser mache, heißt es in der Einleitung, dann könne man vielleicht später von einem „heilsamen Schock“ sprechen.

Vieles dessen, was heute kritisch angemerkt wird, war intern immer wieder Gegenstand von Debatten

Wenn es so einfach wäre. Die Autoren dieses Textes kennen den Spiegel aus eigener Erfahrung, arbeiteten beide rund zwei Jahrzehnte lang in den Bonner und Berliner Hauptstadtbüros. Vieles dessen, was heute kritisch angemerkt wird, war intern immer wieder Gegenstand von Debatten. Auch von den beiden Autoren vorgetragen. Folgen hatte es so gut wie keine. Bis zur Causa Relotius.

Man muss der Kommission zugestehen: Ihr Abschlussbericht unterscheidet sich deutlich vom ersten Versuch im Dezember. Von jenem Text, der gleichzeitig mit der Bekanntgabe des Betrugsfalls erschien und der sich las wie ein Roman: gefühlig, dramatisch, preisverdächtig. Verfasst hatte ihn Relotius-Entdecker und -Förderer Ullrich Fichtner, auch er vielfach preisgekrönt. Jetzt, fünf Monate später, gibt es Schwarzbrot statt Torte, Report statt Reportage: nüchtern und schnörkellos, trocken und penibel – ein starkes Stück, ganz in der Tradition des alten Nachrichtenmagazins Der Spiegel.

Aber schon der Titel, „Der Fall Relotius“, ist falsch. Zutreffender wäre „Der Fall Spiegel“ gewesen. Der neue Report widerlegt nämlich die bis dahin verbreitete Version, das Magazin sei Opfer des raffinierten Tricksers Relotius geworden. Der Bericht ist vielmehr ein erschütterndes Dokument über das Verständnis von Journalismus in einem der führenden deutschen Medienhäuser, aber auch in den Ausbildungsstätten der Branche.

So heißt es dort: „Die Reportage wurde zur ‚Königsdisziplin‘ erklärt. Journalistenschüler lernten, … Widersprüchliches und Sperriges wegzulassen, schwarz-weiß zu erzählen, Grautöne zu meiden, die Wirklichkeit der Dramaturgie unterzuordnen.“ Oder auch: „Die Erzählweise, die in Reportageseminaren, zum Beispiel dem des ‚Reporterforums‘, gelehrt wurde und wird, bedient sich dabei aus dem Werkzeugkasten des Films, der Comics und der Literatur, also der Fiktion.“

Der Bericht ist ein erschütterndes Dokument über das Verständnis von Journalismus in einem der führenden deutschen Medienhäuser, aber auch in den Ausbildungsstätten der Branche

Und schließlich steht dort noch: „Sie [Die Reporter] erzählten dann auch aus ihren Reportagen solche Beispiele, die dann eben mal mehr und mal weniger die wahre Geschichte verfälschten. Aber Einigkeit bestand immer, dass das erlaubt sei.“

Gewiss: Claas Relotius war Einzeltäter, er hat gefälscht und betrogen, und das gezielt und kunstvoll. Daran besteht kein Zweifel. Ermöglicht habe ihm dies allerdings ein Umfeld, das ihn geradezu ermunterte, Geschichten zu erfinden und Fakten zu fälschen: Ressortleiter, die ihn anstachelten, Chefredakteure, die sich mit den Preisen schmückten; ein Dokumentar, der nicht pingelig genug prüfte; Juroren von Journalistenpreisen, die sich von der literarischen Wucht der Texte blenden ließen. Dass in diesem Wettlauf der Eitelkeiten die Kontrollinstanzen des Magazins versagten, ist nicht verwunderlich. Im System Spiegel wurden Reporter zu Sonnenkönigen, denen man vieles, zu vieles durchgehen ließ.

Als die Geschichte aufflog, gab sich Klusmann zwar entsetzt. Er kassierte auch die geplante Beförderung der Autoren und Chef-Reporter Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, wollte sie zunächst aber weich landen lassen und verwies fortan auf die Aufklärungskommission. Das strukturelle Versagen, so schien es, sollte hinter dem Fälscher Relotius verschwinden.

Zweifel an dieser Version gab es von Anfang an. „Der Betrug hat System“, schrieb der Medien­experte Torsten Geiling. „Wir sollten bei den Preisen wieder mehr aufs Handwerk achten und weniger auf die Show“, forderte der Zeit-Reporter Wolfgang Bauer.

Ohne Frage hat sich das Spiegel-Gesellschaftsressort, für das Relotius tätig war, jenseits aller Preise große Verdienste erarbeitet. Es setzte journalistische Maßstäbe. Reporter des Ressorts und des Hauses leisteten oft hervorragende Arbeit. Sie waren zur Stelle, wenn komplexe Sachverhalte in kürzester Zeit zu verarbeiten waren. Lange vor anderen Blättern hatte der Spiegel eine preisbestückte Geschichte zum Thema afrikanische Migration nach Europa im Heft. Kurz vor dem Pariser Gipfel 2015 machte das Ressort die globale Klimakrise zum Titel. Bis dahin hatte das Blatt dieses Thema beharrlich ignoriert.

Das Gesellschaftsressort als Staat im Staat

Entstanden ist die Abteilung im Jahr 2001, gegründet vom damaligen Chefredakteur Stefan Aust und Cordt Schnibben. Schnibben, Tausendsassa des deutschen Journalismus, zuvor Werbetexter, preisgekrönter Zeit-Reporter, war bis dahin Chefredakteur des Spiegel-Magazins Reporter, das 2001 nach nur zwei Jahren eingestellt wurde. Als Chef des Gesellschaftsressorts gründete er das Reporterforum, erfand den Reporterpreis und später die Reporterfabrik. Er war der Zauberlehrling, der sich nach der Enttarnung von Relotius erschüttert abwandte. Die nüchterne journalistische Form „Report“ habe er schon immer für mindestens so wichtig wie die Reportage gehalten, teilte er mit. Erstaunlich, dass das all die Jahre niemand mitbekommen hat.

Schnibben machte das Gesellschaftsressort zum Staat im Spiegel-Staat, zu einer Einheit mit enormer Machtfülle, mit der sich kein Chefredakteur anlegen wollte. Ihre Chefs verfügten über informelle Macht weit über das Ressort hinaus. Sie redeten in Personalfragen mit, sie vergaben die Noten für guten und schlechten Journalismus.

Die Privilegien der Reporter waren umfassend: opulente Gehälter, Befreiung von Pflichtthemen, alle Reisemöglichkeiten, bei Bedarf Auslandsposten nach Wahl – die Nickeligkeiten des Alltags fanden anderswo statt. Kleine Meldungen für die Pa­norama-Seiten produzieren? Nicht doch im Gesellschaftsressort. Zuarbeiten für andere Kollegen? Nur im Ausnahmefall. Ein schneller Beitrag für Spiegel Online? Ausgeschlossen.

Kleine Meldungen für die Pa­norama-Seiten produzieren? Nicht doch im Gesellschaftsressort. Zuarbeiten für andere Kollegen? Nur im Ausnahmefall. Ein schneller Beitrag für Spiegel Online? Ausgeschlossen

Als der Berliner Chef des Deutschland-II-Ressorts einmal darum bat, an den Konferenzen der Edelfedern teilzunehmen, um die eigenen Debatten aufzumuntern, wurde das abgelehnt. Man blieb lieber unter sich. Von regelrechtem „Hass auf das Gesellschaftsressort“ im Hause berichtet denn auch der Report.

In diesem Universum blühte ein Korpsgeist, der im deutschen Journalismus seinesgleichen sucht. Entsprechend traten die Autoren, insbesondere die männlichen, auf – wissend, erhaben, unantastbar. Inhaltliche Kritik prallte ab, auch mit Hilfe der Spiegel-Chefs. Warnungen erfahrener Mitarbeiter vor dem „gefühlten Journalismus“ der Reportergilde wurden als neidgetriebenes Genörgel abgetan. Als Kollegen von Spiegel TV 2017 bei Recherchen im Irak Unstimmigkeiten in Relotius’ preisgekrönter Geschichte „Löwenjungen“ auffielen, versandeten ihre Hinweise. Den 2016 erschienenen hauseigenen „Innovationsreport“, der die internen Verkrustungen des Magazins ausleuchtete und auch das Gesellschaftsressort nicht aussparte, legte die damalige Chefredaktion zügig zur Seite.

Selbstkritische Reflexion oder offene Fehlerkultur vermisste man vor dem Relotius-Skandal. Und so verwundert es auch nicht, dass die Kritik, die zwei Einwohner des von Relotius beschriebenen US-Örtchens Fergus Falls per Tweet an den Spiegel sandten, das Gesellschaftsressort entweder nicht erreichte (unwahrscheinlich) oder dort einfach ignoriert wurde (sehr wahrscheinlich).

Zentrallabor der deutschen Schönschreiber

Das Gesellschaftsressort entwickelte sich zu einem ganz eigenen Kosmos im deutschen Journalismus. Kaum ein preisgekrönter Schreiber, kaum eine ausgezeichnete Autorin, die nicht Angebote dieses Ressorts bekam. Und die wenigsten schlugen aus. Das Gesellschaftsressort des Spiegel war das Zentrallabor der deutschen Schönschreiber, der Olymp der schreibenden Branche. So sahen sie sich selbst, und so wurden sie von außen gesehen.

In diesem Kosmos zählten und zählen nur zwei Währungen: die elegant erzählte Geschichte und der Journalistenpreis. Und weil der Henri-Nannen-Preis nicht reichte, kreierten Schnibben und andere 2009 den Deutschen Reporterpreis, „von Journalisten für Journalisten“. Wenn dann der Spiegel, was selten vorkam, weder vom Nannen- noch vom Reporterpreis Trophäen mitbrachte, brach in Chefredaktion und Gesellschaftsressort Nervosität aus.

Horand Knaup und Hartmut Palmer waren Mitarbeiter im Bonner und Berliner Hauptstadtbüro des Spiegel, Palmer 23 Jahre, Knaup 19 Jahre.

Das Fatale daran: Viele Redaktionen und auch manche Journalistenschule machten sich diese Philosophie zu eigen – Geschichten, Ereignisse und Begebenheiten mussten brillant erzählt, komplexe Sachverhalte möglichst anhand handelnder Personen beschrieben werden. Vertieftes Wissen der Materie galt zwar als hilfreich, aber nicht zwingend als erforderlich. Und wenn es dem Autor dann noch gelang, „in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf“, wie Claudius Seidl schon vor Jahren in der FAZ spottete, galt das als journalistische Meisterleistung. Jedenfalls aus Sicht der Reportage-Experten.

Journalismus und Literatur begannen zu verschmelzen. Und niemand intervenierte. In den Redaktionen nicht, in den Ausbildungsstätten nicht, in den Preis-Jurys nicht und auch nicht im wissenschaftlichen Raum. Die Frage, ob das Blatt vor lauter Reportagen und Porträts überhaupt noch ein Nachrichtenmagazin sei, wurde mit Verweis auf die gelegentlichen Scoops der investigativen Kollegen abgebügelt.

Überhöhung der „Königsdisziplin“ Reportage

Es kam zur völligen Überhöhung der „Königsdisziplin“ Reportage. Nicht nur beim Spiegel, sondern auch in anderen Redaktionen. Wenn „gute Ware“ kam, wie Fichtner bekannte, wenn Relotius und andere die perfekt inszenierte Erzählung auf den Tisch blätterten, waren die Macher „begeistert“. Erkenntnisgewinn? Tiefenschärfe? Durchdringung des Problems? Alles egal. Hauptsache, Dramaturgie und Erzählfluss stimmten. Und manchmal auch die politische Richtung.

Auch andere Spiegel-Abteilungen drechselten sich die Wahrheit bisweilen zurecht. Im Berliner Hauptstadtbüro war es zeitweise üblich, bereits am Montagmorgen das Drehbuch für die zentrale Politik-Geschichte am Freitagnachmittag zu entwerfen. Durch die Realität erzwungene Änderungen am Skript waren ungern gesehen und jeweils mit vertieften Diskussionen verbunden.

Begleitet war die Verklärung des Genres immer vom Ehrgeiz, bei den großen Preisverleihungen ganz oben zu stehen. Bei diesen Ereignissen wurden wiederkehrend die Könige der Zunft ausgerufen – unter Beteiligung von Autoren, Chefredakteuren, Moderatoren oder auch Schauspielern. Niemand wagte, Kritik am Genre oder am System zu üben. Auch die Juroren und Festredner, die den Zirkus schmückten, stehen jetzt in der Kritik. „Die Reden der Laudatoren lesen sich heute wie Real­satire“, heißt es nüchtern im Kommissionsbericht.

Branchen-Weihrauch und Glamour

Wer einmal dabei war bei diesen Selbstinszenierungen, konnte nur staunen. Die Branche feierte sich selbst. Oft im Hamburger Schauspielhaus, auch mal in der Elbphilharmonie, immer von viel Branchen-Weihrauch und Glamour umweht, waren die Zeremonien inzestuös anmutende Veranstaltungen. Am vergangenen Samstag beim Nannen-Preis ging es bescheidener zu, die Stimmung sei schlecht gewesen, wird berichtet. Die einstigen Größen des Fachs, insbesondere jene des beschädigten Magazins, waren ohnehin zu Hause ge­blieben.

Diese Inszenierungen und die dabei erbeuteten Trophäen befeuerten die Eitelkeit an der Ericusspitze wie nirgendwo sonst im deutschen Journalismus. Nicht wenige der Spiegel-Autoren legten sich für ihre Auszeichnungen und Buchveröffentlichungen einen Wikipedia-Eintrag zu. Vielen Spiegel-Mitarbeiterinnen innerhalb und außerhalb des Ressorts ging das virile Gehabe lange schon auf den Wecker. „Eine echte Männerwirtschaft“, stöhnte eine noch kürzlich.

Es waren Männer, die Relotius einstellten. Es waren Männer, die die Sache verschleppten, es war am Ende aber eine Frau, nämlich die damalige Co-Ressortchefin Özlem Gezer, die in einer mehrstündigen Nachtsitzung Relotius sein Geständnis abrang.

Bei so viel Lametta war es kein Zufall, dass die legendäre Dokumentation des Hauses keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen vermochte. Normalerweise soll die Dokumentation jeden Sachverhalt, jede Zahl, jeden Namen auf Richtigkeit überprüfen. Gegen Fehler und Verzerrungen, insbesondere bei Geschichten aus dem Ausland, ist sie allerdings nie gefeit.

Für hochdekorierte Reporter war der Check ­ohnehin stets eine eher lästige Sache. „Der ­Dokumentar beim Spiegel ist des Journalisten natürlicher Feind“, notierte im Dezember der ­designierte Chefredakteur Ullrich Fichtner über die Nachkontrolle. Auf Augenhöhe fand diese aber nie statt. Welcher Dokumentar will schon, wenn der Autor nur selbstbewusst genug auftritt, das Zitat eines kriegsversehrten Jungen in Mossul nachprüfen, wer soll erahnen, was Martin ­Walser bewegt, wenn er erfährt, dass Elfriede Jelinek den Literatur-Nobelpreis bekommt, oder was Uli Hoeneß durch den Kopf schießt, wenn er sich zu Vertragsverhandlungen mit Pep Guar­diola trifft?

Keine kritische Aufarbeitung

Dass der Dokumentation Fehler unterlaufen, kam immer wieder vor. Die Spiegel-Berichterstattung zum angeblichen Hufeisenplan im Kosovo war fragwürdig, die Visaaffäre von Joschka Fischer beschäftigte sogar einen Bundestags-Untersuchungsausschuss. Kritisch aufgearbeitet wurden die Schnitzer in der Redaktion nie.

Und es ist auch viel mehr als ein Spiegel-Problem. Während die Reportage im deutschen Journalismus eine enorme Aufwertung erfuhr, wurde die Aufklärung vernachlässigt: Das Erforschen und Beschreiben von Ist-Zuständen, das Aufdecken von Problemen, die nicht gleich Skandale sind, das Aufspüren gesellschaftlicher Fehl­entwicklungen, von Unzulänglichkeiten in Institutionen und ­Ministerien – nicht nur beim Spiegel, sondern überall in der Branche wurde es kleingeschrumpft.

Man hätte den Wandel beobachten können – wenn man es denn gewollt hätte. Während im Jahr 2002 beim Spiegel an die 20 Kolleginnen und Kollegen (ohne Führungskräfte und Reporter) die deutsche Innenpolitik beobachteten, sind es heute laut Impressum noch 10. Während im politischen Berlin sämtliche Pressestellen aufgerüstet haben, wurde vielen Büros der Zeitungen und Zeitschriften systematisch das Personal entzogen – auch dem Hauptstadtbüro des Spiegel.

Ministerien wie die für Forschung oder Entwicklungszusammenarbeit werden nur noch sporadisch beobachtet, Ressorts wie Umwelt, Verkehr oder auch die Bahn nur noch gelegentlich begleitet. Wo sich der Journalismus in seiner Rolle als Wächter politischer Prozesse bewähren soll, werden die Lücken immer größer. Kannte einst in Bonn der Redakteur für Verteidigung noch jeden Piloten der Flugbereitschaft und nahezu jeden General persönlich und stützte einen Großteil seiner Geschichten auf Dokumente aus den Ministerien, werden heute Schlagzeilen mit Politikerzitaten oder Kleinen Anfragen generiert. Die journalistische Leistung ist in beiden Fällen bescheiden.

Wo sich der Journalismus in seiner Rolle als Wächter politischer Prozesse bewähren soll, werden die Lücken immer größer

Entlarvend ist da eine kleine Lästerei, die einem Berliner Spitzenbeamten dieser Tage im Hintergrundgespräch entglitt: „Die Journalisten wissen nichts mehr. Wir halten Lehrstunden ab, wenn wir uns zu Hintergrundrunden mit ihnen zusammensetzen.“ Der Mann ist entspannt: „Für uns macht es das Leben natürlich einfacher.“

Und diese tiefen Lücken, die der Abbau des Journalismus reißt, versucht man zu füllen. Mit Pomp. Und Schönschreiberei. Und wer wusste derweil vorab Bescheid, dass das Bundesverkehrsministerium im Oktober 2020 die Autobahnmaut einführen will? Niemand.

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