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Religion und Umgang mit Armut Der verrückte Franz

Ambros Waibel

Kommentar von

Ambros Waibel

Am 3. Oktober vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. Ist seine vor Jahrhunderten verkündete Botschaft heute noch gültig?

D ie Liebe wird nicht geliebt.“ Das ist so ein Satz, der einen begleiten kann über Jahrzehnte. Was bedeutet er? Und warum spricht er einen unmittelbar emotional an, verströmt Trauer und fast schon wilde Sehnsucht, obwohl man ihn nicht versteht?

Dass die Liebe selbst nicht geliebt wird, geht jedenfalls weit über zwischenmenschliche Unstimmigkeiten hinaus. Wer sich für die Liebe entscheidet, sagt der Satz, der entscheidet sich für sie ohne Aussicht auf Gegenliebe.

Die Liebe verbindet einen nicht mit, sie trennt einen von den Mitmenschen. Die Liebe ist radikal. So radikal, wie sich vom Besitz zu lösen und die Armen, die Leprakranken zu umarmen, ihre körperliche Nähe zu suchen, jenseits aller Ekel-, Ehrgeiz- und Eitelkeitsgrenzen.

Auf unseren Wegen durch die Stadt treffen wir täglich auf die modernen Armen und Leprösen

Am 3. Oktober ist Franz von Assisi, dem der Satz zugeschrieben wird und der all das tat, gestorben, vor 800 Jahren. Das ist unfassbar lange her. Mein kleiner Sohn lernt gerade die Zahlen und verwechselt regelmäßig meine achtundfünfzig Jahre mit fünfundachtzig: Die Frage „Papa, bist du wirklich schon 85?“, ist die Frage, ob wir überhaupt in der selben Welt leben.

Die Liebe, sie wird nicht geliebt

Auf unseren Wegen durch die Stadt treffen wir täglich auf die modernen Armen und Leprösen, und ich lehre mein Söhnchen, einen Bogen um sie zu machen. Einmal, am heißesten Tag des Sommers, klatscht ein Mensch direkt vor uns aufs Gesicht und bleibt liegen. Mein Sohn guckt aus dem Kindersitz, Menschen schlendern vorbei. Ich fingere mein Handy raus und rufe den Notarzt. Niemand geht ran. Mein Sohn hat Angst, der Mann stinkt nach Urin. Dann steht er ruckartig auf und torkelt weg, der Notarzt ruft zurück, wir sollen warten, wir warten, der Mann ist nicht mehr zu finden. Hatte er keinen Bock auf das, was wir ihm zu bieten haben?

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Die Liebe, sie wird nicht geliebt. Was sind 800 Jahre gegen diesen Satz? Zu Beginn der Neuzeit schreibt der italienische Philosoph Niccolò Machiavelli, „die christliche Religion“ wäre ohne den Heiligen Franz „vollkommen erloschen“. Denn er habe diese durch seine vorgelebte Armut überhaupt erst ins Bewusstsein der Menschen zurückgeführt.

Soweit es eine solche Franz-Botschaft noch gibt, die uns über die Jahrhunderte erreicht, ist es keine christliche oder überhaupt religiöse. Sie hat sich aber auch nicht ins rein Politische drehen lassen: Zwar wählten in den ärmsten Kiezen Berlins die Menschen weit überdurchschnittlich die Linke, die Wahlbeteiligung blieb aber weiterhin vergleichsweise gering. In ganz Berlin gab es eine Wahlbeteiligung von 74 Prozent. Im Wahlbezirk 3G in Neukölln lag sie nur bei 50.

Die Ärmsten dürstet es möglicherweise überhaupt nicht in erster Linie nach Lösungen. Sie wollen leben und in ihrer Lebensweise akzeptiert werden. Wenn wir dem Beispiel von Franziskus folgen wollten, müssten wir erst mal „die Prekarität als Form des evangelischen Lebens“ anerkennen, wie es in der links-katholischen italienischen Zeitung Avvenire in einem Artikel zum Jahrestag heißt. Wir müssten aufhören, auf die Armen herablassend zu blicken, sondern im Gegenteil zu ihnen aufschauen, aufschließen. Also praktisch gesagt nicht die Schrottimmobilie sozialisieren, sondern mit ihnen in der Schrottimmobilie leben.

Welche Institution wollen wir retten?

Mit dieser Art von radikaler Hingabe – Machiavelli sagte es – hat Franz eine Institution gerettet, die Kirche. Er hat sie dazu gezwungen, sich zu seinem extremen Beispiel zu positionieren. Und das gelang, weil Franz die Institution selbst nicht frontal angriff, sodass sein Vor-Leben integriert werden konnte.

Welche Institution würden wir durch unser Beispiel retten wollen? Die bürgerliche Demokratie? Oder warten wir mal lieber wieder auf den Erlöser, den armen Irren, der sich opfert, damit alle anderen leben können?

Was wir uns und Franz jedenfalls nicht antun sollten, ist, ihn uns näherzurücken, ihn unmystischer, unmittelalterlicher, weniger fanatisch gläubig und verrückt zu machen, als er war. Franz, so heißt es in Avvenir, liebte die Armut mehr als die Armen: „Er ging nicht zu den Leprakranken, um ihnen zu helfen oder um ein Leprakrankenhaus zu errichten. Nein: Er ging zu ihnen, um so zu werden wie sie. Wir hingegen stellen uns Armut, wenn wir überhaupt an sie denken, vor als ein Übel, das es zu beseitigen gilt, denn die Armen zu lieben bedeutet, die Armut zu hassen. Und das tun wir zu Recht.“

Dass die Liebe nicht geliebt wird, können wir insofern auch als Aufforderung verstehen in den banalen politischen Mühen. Andrea Nahles hat in ihrem Kampf um den heute selbstverständlichen Mindestlohn vor gut 10 Jahren keine Liebe erfahren, sondern sah sich einer üblen Kampagne von Union und Arbeitgebern ausgesetzt. Und wenn wir heute daran arbeiten, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch auch dem Wohle der Allgemeinheit dient, wie es im Grundgesetz steht, dann dürfen wir uns nicht davon abschrecken lassen, dass uns dafür Ablehnung, ja Hass entgegenschlägt.

Anders gesagt: Wenn wir uns das Leben einfach machen wollen, suchen wir uns lieber einen anderen Heiligen als Franz.

Ambros Waibel

Ambros Waibel taz2-Redakteur

Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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21 Kommentare

  • Martin Rees

    Nicht umsonst gab es eine Bezugnahme zu Franz von Assisi durch den Papst Franziskus:



    "Br. Thomas Freidel OFM Conv.: Dass ein Jesuit und somit eben auch ein Ordensmann, so wie wir Franziskaner auch, Papst wurde, das war alleine schon eine große Überraschung und noch mehr natürlich, dass er sich den Namen Franziskus gegeben hat. Warum er das getan hat, hat er ja dann auch immer wieder deutlich gemacht: Franz von Assisi, für ihn der Mensch des Friedens, der Mann der Armen, der auf die am Rande schaut, der sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt, das hat sein ganzes Pontifikat durchzogen und hat sich nach außen hin auch gezeigt durch seine sechs Besuche hier in Assisi."



    www.vaticannews.va...ssisi-freidel.html



    "Gleich in seinem ersten Amtsjahr am Franziskusfest, dann auch zum interreligiösen Gebet, dann zur Unterzeichnung der Enzyklika ,Fratelli Tutti` und zu verschiedenen anderen Anlässen - zum letzten Mal dann bei dem Treffen von jungen Wirtschaftsmanagern aus aller Welt, Economy of Francesco, wo er den angehenden Führungskräften in der Wirtschaft Impulse gegeben hat."



    Was wurde aus diesen Impulsen dann...?

  • Hans - Friedrich Bär

    Lepra spielt schon ein Rolle. Dino Buzzati schreibt in "Der Mann, der gesund werden wollte", dass jemand freiwllig im Leprosarium bleibt, obwohl er es verlassen dürfte. Er wollte da bleiben, wo er gesund geworden war. Er wollte nicht zurück dahin wo er krankgeworden war: in der gesunden Gesellschaft.



    Es sind Verwandlungen. Lepra, Tuberculose, Buruli Ulcus sind entstellend. Das Ende der Verwandlung erklärt den Sinn der Geschichte. Es geht um die Teilnahmslosigkeit und das Unübersehbare. Das ist so.

  • Philippo1000

    Erst spät wurde mir bewusst, wie arm die Großeltern Generation war.



    Der Garten wurde nicht bestellt, weil es nur ein Hobby war, sondern Notwendigkeit, um noch zum Teil Selbstversorger zu sein.



    "Kaffeekränzchen", als spießig verschrien, waren eine günstige Art, durch eigene Arbeit, nämlich z.B. Kuchen backen, etwas Besonderes zu schaffen, nämlich zu feiern, obwohl man nicht Viel hatte.



    Obst wurde eingelegt, nicht weil es "interessant" war, sondern die Not linderte und Kartoffeln eingelagert, damit der Garten möglichst lange zur Ernährung der Familie beitragen konnte.



    Das hat wenig mit den Kirschtomaten zu tun, die Irgendwo auf einem Balkon gezogen werden.



    Doch selbst da merkt man*frau, dass das mit "Aufwand" verbunden ist.



    Sprich Arbeit.



    Es bleibt abzuwarten, wie sich die Bedeutung entwickelt, denn gerade geht ja einige Arbeit verloren.



    Grundsätzlich findet allerdings eine Entfremdung von der Arbeit statt, im Gegensatz zur Freizeit, die erstrebenswert scheint.



    Ist es nicht mehr schön, den Lohn der Arbeit zu sehen?



    Ist Anerkennung einer Leistung nicht das erstrebenswerte?



    Ein leckeres Essen?



    Die Liebe im kleinen erkennen, das Wunder der Natur, Gemeinschaft als Wert an sich.

  • Bambuspanda

    Liebe ist das wichtigste und größte was der Mensch für mich zu lernen und zu erreichen hat, wie es im 1.Korinther im "Hohelied der Liebe" bereits geschrieben steht.

    Damit meine ich die universelle Liebe zu jedem Ding und Wesen, welches mit allem einverstanden ist, wie es ist.



    Eine solche Liebe hatte ich zu allererst in der Natur erfahren können, womit damals auch meine Spiritualität began.

    Nur auf meinen Reisen, fernab unserer Gesellschaft, erfuhr ich dann welch Wunder diese Liebe, dieser Frieden zu bewirken vermag.



    Ein Geist, verbunden mit allem, ohne dem ICH was meint das beste für einen zu wissen. Alles geschieht wie von selbst zum besten für einen, ganz ohne diesem besser wissenden ICH.

    Wieviel besser die Liebe einen selbst und die Welt macht, hat so gut wie jede/r zum erstenmal in seinem ersten Verliebt sein erfahren können - die Welt erscheint einen in Rosarot (so man denn kein Narzisst oder Soziopath ist).

    Niemand kann also leugnen, dass Liebe als solches im Menschsein die größten Glücksgefühle hervorbringt, auch wenn dieses Verliebtsein flüchtig ist oder gar zu Unglück führen kann.

    Tja nur leider schwer zu erreichen die universelle Liebe in Gesellschaften wie diese..

    • Bernardo Januar

      @Bambuspanda:

      Das Hohelied der Liebe ist eine Aneinanderreihung von weitgehend unwidersprechbaren moralischen Allgemeinplätzen, deren eigentliche Funktion darin besteht, die korinthische Gemeinde (die einfach nicht wollte, wie Paulus wollte) indirekt zu kritisieren und auf Linie zu bringen. Ich gestehe Paulus zu, ein brillanter Rhetoriker und Machttaktiker gewesen zu sein. Die Liebe zur Liebe nehme ich ihm jedoch nicht ab.

  • Bernardo Januar

    Es wäre anachronistisch, Franz von Assisi nach heutigen psychiatrischen Kategorien zu diagnostizieren. Gleichwohl zeigen manche seiner überlieferten Verhaltensweisen Merkmale, die bei einem Menschen der Gegenwart Anlass für eine psychologische oder psychiatrische Abklärung geben könnten. Überliefert sind zum Beispiel extreme Askese bis zur Selbstschädigung, Fastenpraktiken mit gesundheitlichen Folgen, eine permanent imaginierte eigene Schuld und Sündhaftigkeit sowie das Streben nach Leiden als Nachfolge Christi. Aus heutiger Sicht eher ungesund.

  • Sam Spade

    "Ist seine vor Jahrhunderten verkündete Botschaft heute noch gültig?"

    Man setze Einfachheit und freiwillige Armut in Kontrast zu Konsumzwang. Begegnung auf Augenhöhe und Dialog in Kontrast zu Selbstbehauptung und Gewalt. Gesellschaftliche Konformität in Kontrast zu Auflehnung und Einmischung.

    Damit dürfte die Frage des Autors hinreichend beantwortet sein.

    Die Aussagen des Autors zu dem Ausspruch "Die Liebe wird nicht geliebt" sind zwar stimmig, Franz von Assisi bezog dieses aber rein auf die Person von Jesus Christus.

    Wäre auch nicht verkehrt gewesen, sich an dieser Stelle mit Franz von Assisis Umweltethik und dem Ökozentrismus zu beschäftigen. Seine Botschaft aus dem "Sonnengesang" ist jedenfalls heute aktueller und dringlicher geboten denn je.

    • Bernardo Januar

      @Sam Spade:

      Sehen wir uns den Sonnengesang doch mal an. Die 1. Strophe:







      Höchster, allmächtiger, guter Herr,



      dein ist das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.



      Dir allein, Höchster, gebühren sie



      und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.







      Schon die erste Strophe ist eine fulminante theologische Bankrotterklärung des Menschen. Gott wird ins Unendliche erhöht, der Mensch bis zur Unwürdigkeit herabgesetzt. Aus humanistischer Sicht stehen Religionen, die Unterwerfung und Selbsterniedrigung zur Tugend erheben, in einem fundamentalen Widerspruch zur Menschenwürde.







      Gleichwohl ist eine Theologie der Unterwerfung ausgesprochen praktisch für diejenigen, die definieren, was dieser göttliche Wille angeblich verlangt. Das sind regelmäßig die Kleriker, die bemerkenswert treffsicher zu wissen scheinen, was Gott möchte. Und was Gott möchte, erweist sich nicht selten als erstaunlich kompatibel mit den Interessen und Privilegien seiner irdischen Sprecher.

  • Bernardo Januar

    Franz von Assisi war einer der sehr seltenen Kirchenheiligen, die das Armutsgelübte wirklich ernst nahmen. Über die Entstehung des Ordens und den rapiden Verfall der hehren Ordensregeln unmittelbar nach Ableben des (nach nur zwei Jahren heilig gesprochenen) Franziskus schrieb Bertrand Russell in »Philosophie des Abendlandes«:







    »Anfangs beobachtete die Kirche die Bewegung einigermaßen argwöhnisch ... Die ersten Missionare ... galten als Ketzer, weil sie tatsächlich besitzlos lebten, statt nur (wie die Mönche) ein Armutsgelübde abzulegen, dass niemand ernst nahm. ... Innozenz III aber war so klug einzusehen, wie wertvoll diese Bewegung sein konnte .... Er erkannte 1209 oder 1210 den neuen Orden an.



    …



    Wenn es den Teufel wirklich gäbe, hätte er an dem weiteren Schicksal des von dem heiligen Franziskus gegründeten Orden seine hellste Freude gehabt.«







    Und Gott hätte sich im Grabe umgedreht.

    • O.F.

      @Bernardo Januar:

      Es herrscht eigentlich kein Mangel an „Kirchenheiligen“, die das Armutsgelübde erst genommen haben (und sogar noch mehr, wenn man sich bewusst macht, was „Armut“ oder „Betteln“ im spätantiken oder mittelalterlichen Kontext bedeutet haben – das gehört aber zum ABC des historischen Arbeitens…). Wenn man wie Russell schreibt, die Mönche hätten nur einen Armutsgelübde abgelegt, „das niemand ernst nahm“, verkennt er nicht nur, dass das Leben in vielen monastischen Gemeinschaften (insbesondere in zisterziensischen und karthusianischen) ziemlich spartanisch war, sondern auch, dass „Armut“ in diesem Kontext einen Verzicht auf persönlichen Besitz, nicht auf kollektiven meinte. Wenn man so argumentiert, wird Kirchengeschichte zur Verschwörungstheorie – was erstaunlich irrational für Kreise ist, die gerne mit ihrer Aufgeklärtheit hausieren gehen.

      • Bernardo Januar

        @O.F.:

        Auf Ihre rhetorischen Ablenkungsmanöver lasse ich mich nicht mehr ein. Und die Pointe des stets feinsinnigen Bertrand Russell möchte ich Ihnen auch nicht erklären.







        Was ich Sie ehrlich gesagt fragen möchte, ist, ob Sie glauben, Katholizismus (wie wir ihn seit Jahrhunderten kennen) und Aufklärung (im Sinne selbständigen Denkens und des Strebens nach Autonomie) unter 1 Hut bringen zu können?

        • O.F.

          @Bernardo Januar:

          Wenn Sie auf meine Einwände nicht eingehen wollen, ist das natürlich auch eine Antwort. Ihre Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil sich hinter beiden Etiketten eine Vielzahl verschiedener Denkansätze verbirgt. Grundsätzlich fühle ich mich allerdings auch nicht berufen, hier die Möglichkeiten einer Synthese auszuloten: Ich finde den Vorschlag allem vortridentinischen Katholizismus als Studienobjekt interessant, d.h. meine Perspektive ist eine historische: ich will spätantike und mittelalterliche Denkansaezso präzise wie möglich beschreiben (und das bedeutet auch, sich auf ihre eigene Logik einzulassen, statt wie Russell die eigene Philosophie als externen Maßstab anzulegen). Ähnliches könnte ich über die Aufklärung schreiben (deren Autonomie-Anspruch ich für unrealistisch halte - neben einigen anderen Einwänden). Ob katholische und aufklärerische Ansätze unter einen Hut gebracht werden können, ist also eine Frage, mit der Sie sich vertrauensvoll Philosophen oder Theologen wenden müssen, nicht an mich als Historiker und Philologen.

          • Bernardo Januar

            @O.F.:

            Man muss weder Philosoph noch Historiker sein, um den fundamentalen Unterschied im Wahrheitsanspruch von Katholizismus und Aufklärung zu erkennen. Der Katholizismus begründet Wahrheit durch Offenbarung und die daraus abgeleitete Autorität. Die Aufklärung erkennt Wahrheitsansprüche nur insoweit an, als sie der vernünftigen und kritischen Prüfung standhalten.

            Das ist kein historischer Streit zweier Schulen, sondern ein Gegensatz zweier Erkenntnisprinzipien, sofern man den Offenbarungsglauben überhaupt als Erkenntnisprinzip bezeichnen möchte. Entweder prüft die Vernunft die Offenbarung, oder die Offenbarung setzt der Vernunft Grenzen. Beides zugleich zu behaupten, erscheint mir weniger als Synthese denn als exegetische Umwolkung eines ungelösten Konflikts. Unter einen Hut bekomme ich beides jedenfalls nicht.

            • O.F.

              @Bernardo Januar:

              Denkschulen können sich auch anhand konkurrierender Epistemologien unterscheiden (das ist sogar ein ziemlich typischer Fall). Ohnehin verschwindet die von Ihnen aufgemachte Dichotomie, wenn man sich die Muehe macht, die Quellentexte genauer zu studieren: katholische Denker haben seit jeher versucht, ihre Glaubenssätze auch rational einzuholen, Aufklärer (die im Allgemeinen auch Christen waren!) haben auch unausgesprochene Voraussetzungen gemacht bzw. diese in den vordiskursiven Raum verschoben (bei Kant ist Gott ein Postulat der reinen Vernunft – ist das wirklich rationaler als die thomasischen quinque viae?). Im Grunde ist es dasselbe Muster: Wir alle haben unsere Grundueberzeugungen, die wir höchstens nachträglich begründen, aber kaum hinterfragen (bei den Katholiken kann man die praktischerweise im Katechismus nachlesen).

              • Bernardo Januar

                @O.F.:

                Sie bestätigen letztlich genau den Punkt, um den es geht. Die Frage ist nicht, ob katholische Denker vernünftig argumentieren können, sondern welchen Status die Vernunft besitzt.

                Im Offenbarungsglauben steht der Wahrheitsanspruch fest. Die Vernunft hat die Aufgabe, ihn auszulegen und zu verteidigen. Im kritisch-rationalen Denken ist es umgekehrt: Kein Ergebnis ist sakrosankt. Jede Behauptung muss sich der Kritik stellen und kann grundsätzlich verworfen werden.

                Der Unterschied liegt nicht im Inhalt der Überzeugungen, sondern in ihrer Rechtfertigung. Hier muss sich das Argument der Wahrheit anpassen, dort die Wahrheit dem Argument.

                Wenn katholische Denker Glaubenssätze „rational einholen“, bleibt die Rationalität an einen Rahmen gebunden, dessen Voraussetzungen nicht zur Disposition stehen. Deshalb überzeugt mich der Verweis auf Th. von Aquin nicht.

                Bertrand Russell bemerkte sinngemäß, bei Thomas finde sich wenig von jenem „echten Philosophengeist“, der bereit ist, einem Argument auch dann zu folgen, wenn es die eigenen Voraussetzungen erschüttert. Der Philosoph folgt dem Argument, wohin es führt. Der Theologe weiß bereits vorher, wo es ankommen muss. Das geht nicht zusammen.

                • O.F.

                  @Bernardo Januar:

                  Sie weichen meinem Argument aus, weil Sie den zweiten Teil meines Beitrags ignorieren: Es stimmt zwar, dass katholische Denker bestimmte Annahmen nicht in Frage stellen, sondern lediglich im Nachhinein begründen – genau dasselbe machen Russell und Co. unausgesprochen aber auch. Das ist nicht einmal ein Kritikpunkt: Philosophie beginnt im Allgemeinen nicht am Nullpunkt, sondern setzt ein bestimmtes Repertoire an Annahmen über die Welt voraus (dann zumindest, wenn sie nicht in einem heideggernden Ringen mit dem unverfügbaren Anfang ersticken will). Im übrigen beweist die Einlassung von Russell über Thomas von Aquin nicht nur, das Russell selbst seine eigene Philosophie auf recht unreflektierte Weise zur Grundlage seiner Interpretation anderer Denker macht, sondern auch, dass er sich nicht ernsthaft mit dem thomasischen Werk beschäftigt hat: denn das dreht sich um Fragen, die mit dogmatischen Fragen gar nichts zu tun haben. Wer Thomas als Theologen im modernen Sinn wahrnimmt, verkürzt ihn erheblich.

                  • Bernardo Januar

                    @O.F.:

                    Genau an diesem Punkt trennen sich unsere Auffassungen von Philosophie. Selbstverständlich beginnt niemand am erkenntnistheoretischen Nullpunkt. Jeder Denker arbeitet mit Voraussetzungen. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, ob diese Voraussetzungen prinzipiell aufgegeben werden können oder nicht.

                    Für mich ist ein dogmatisches Denkverbot kein nebensächlicher Schönheitsfehler, sondern ein fundamentaler methodischer Mangel. Wer bestimmte Annahmen nicht aufgeben darf, weil sie als geoffenbart gelten, hat die ergebnisoffene Wahrheitsfindung bereits verlassen.

                    Daraus folgt nicht, dass jedes einzelne Argument eines solchen Denkers falsch sein muss. Verloren geht jedoch der Anspruch auf vorbehaltlose philosophische Autorität. Denn sobald an entscheidenden Stellen nicht mehr das Argument, sondern das Dogma die letzte Instanz ist, steht das gesamte Unternehmen unter einem methodischen Vorbehalt.

                    Für einen kritischen Denker ist das kein kleiner Makel, sondern der intellektuelle Sündenfall schlechthin. Wer der Vernunft an einer Stelle Fesseln anlegt, kann sich nicht darauf berufen, sie an anderer Stelle frei gelassen zu haben.

                    • O.F.

                      @Bernardo Januar:

                      Das ist ein schöner Anspruch an Philosophie – nur sehe ich nicht, dass er erfüllt wird oder auch nur erfüllbar ist; Grundannahmen werden kaum in Frage gestellt: teils, weil das methodisch schwierig ist (man kann aus einem Denksystem heraus kaum dessen Voraussetzungen thematisieren), teils, weil man diese oft selbst nicht als Voraussetzungen wahrnimmt (die katholische Dogmatik fällt uns lediglich mehr als solche auf, weil wir nicht an sie glauben und sie uns fremd geworden ist). Kritisches Denken kann sich dieser grundsätzlichen Befangenheit bewusst werden, sich aber nicht aus ihr befreien – und wie gesagt: gerade Heidegger zeigt, dass man mit dem Anspruch, ursprünglich zu denken, auch in einem gedanklichen Hamsterrad endet. Ich weise übrigens auch darauf hin, dass die Dogmatik nur einen begrenzten Teil des Werks katholischer Philosophen betrifft; Thomas hat ausführlich über Fragen geschrieben, die davon gar nicht betroffen waren - von Fesseln merke ich dort nichts (zumal im 13. Jhd. vieles noch offener war als im posttridentinischen Katholizismus).

  • Woodbine

    Etwas mehr vom heiligen Franz würde uns allen - und dem Planeten - sehr gut tun.

    Eine Sandsteinstatue von ihm steht auf unserem Kirchhof. Vor wenigen Jahren ist sie von Randalierern "geköpft" worden. Letztes Jahr malte man ihr mit Eddingstift einen Hitlerbart. In diesem Jahr befreite ich sie von fetten Kaugummis, die man ihr auf die Augen geklebt hatte.



    Ich habe nicht viel Hoffnung.

  • Joachim Petrick

    Friede flüstert der Liebe: „Wir sind der Liebe beide nicht?“ Ein nackter Franz im Flickenkleid Gewand nickt weise. Er liebt die Armut, umarmt den Aussatz, predigt Vögeln das Universum vor. Ein hehrer Pfad zur Gewaltlosigkeit, der alles Lebendige umfängt – doch für uns im Alltag viel zu steil. Da stehen wir Tor, machen lieber einen Bogen um die moderne Misere und zücken das Handy für den Notarzt, der ohnehin nicht abhebt.



    Hier schleicht sich kichernd Sigmund Freud an, obwohl ihn die taz gar nicht eingeladen hatte. Im Gepäck: Das gigantische „Über-Ich“ der Kirche. Ein genialer, fieser Trick! Man nehme ein unerreichbares Ideal – sei es Jesus sei es radikaler Franz –, setze es auf einen Thron und schaue zu, wie die Schäfchenschar Kommunion am Perfektionsanspruch scheitert. Ein ewiger Schuldkomplex himmlischer Kleisterstoff irdischer Macht!



    Machiavelli reibt sich im Grab die Hände: Die Kirche hat diese Radikalität des Sonderlings F. einfach weggeschnupft und als Schlussstein zur Selbstrettung verbaut. Ein absurdes Theater! Das Ideal bleibt unerreichbar, die Achtsamkeit dem Geringsten weicht dem Alltag, und Franz zwinkert uns amüsiert vom Fresko zu. Im Gemüte heiter scheitern wir weiter!

  • Wirrwicht

    Die Wahlbeteiligung ist deshalb so niedrig, weil es wirklich kaum eine Partei interessiert... Die Armen, haben keine Stimme und andere Probleme, als ein Ritual zur Wahl der Ballkönige...