Armut und Hitze: „Hitze hat Folgen für die soziale Teilhabe“
Armutsbetroffene benötigen mehr Plätze zum Abkühlen, Schatten und Trinkmöglichkeiten, sagt Hanna Lichtenberger von der Hilfsorganisation Volkshilfe.
Foto: Willfried Gredler-Oxenbauer/APA
taz: Frau Lichtenberger, in der öffentlichen Diskussion über Hitze stehen oft vulnerable Gruppen wie Senioren und Kinder im Fokus. Was ist für die persönliche Hitzebelastung ausschlaggebender – ob sie zu diesen Gruppen gehören oder ihre ökonomische Situation?
Hanna Lichtenberger: Ich würde Hitzebelastung immer als Zusammenspiel von unterschiedlichen Belastungsfaktoren sehen und nicht einen Faktor gegen einen anderen ausspielen. Aber die ökonomische Situation hat sehr starke Auswirkungen darauf, wie gut jemand mit der Belastung umgehen kann. Wenn ich zum Beispiel chronisch krank bin und es in meiner Wohnung zu heiß wird, kann ich über einen Umzug nachdenken, wenn ich das Geld habe. Man darf die finanziellen Möglichkeiten der Menschen auf jeden Fall nicht aus den Augen verlieren.
taz: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Armut und Hitze?
Lichtenberger: Armutsgefährdete Personen wohnen häufiger in Hitzeinseln. Bei einem Forschungsprojekt der Volkshilfe und dem Institut Gesundheit Österreich haben wir die Daten unserer unterstützten Familien mit der Hitzekarte Österreichs zusammengelegt. Man sieht, dass es eine extreme Konzentration der Adressen unserer Klientinnen und Klienten in den heißesten Straßenzügen gibt. Das sind oft stark befahrene Straßen, Straßen, die weniger begrünt sind, oder Straßen in dicht bebauten Vierteln. Aber es kommt auch auf die Art der Wohnung an. Dadurch, dass armutsgefährdete Personen viel häufiger Mieterinnen und Mieter sind, stehen ihnen die rechtlichen Möglichkeiten für viele Hitzeschutzmaßnahmen, wie Jalousien anzubringen, gar nicht zur Verfügung.
taz: Welche Rolle spielt es, wie viel Geld jemand zur freien Verfügung hat?
Lichtenberger: Die finanziellen Mittel spielen natürlich auch eine große Rolle. Nicht jeder kann eine Klimaanlage kaufen. Viele haben wegen der Stromkosten starke Vorbehalte bei einem Ventilator. Die Möglichkeit, sich anzupassen, ist einfach eingeschränkt.
taz: Was folgt dann daraus?
Lichtenberger: Im gesundheitlichen Bereich berichten Eltern, dass ihre Kinder bei Hitze schlecht schlafen, häufiger weinen und unruhiger und aggressiver sind als sonst. Zudem hat die Hitze Folgen für die soziale Teilhabe: Für die Betroffenen ist es schwierig, Räume aufzusuchen, die vor Hitze schützen, Schwimmbäder zum Beispiel. Das heißt, sie sind, wenn es um die soziale Teilhabe geht, sehr stark darauf angewiesen, wie der öffentliche Raum und die soziale Infrastruktur gestaltet sind.
taz: Macht Hitze soziale Ungleichheit nur sichtbar oder verstärkt sie diese auch?
Lichtenberger: Hitze verstärkt die geringere Möglichkeit der sozialen Teilhabe. Wenn meine Wohnung superheiß ist, lade ich wahrscheinlich niemanden zum Spielen ein. Wenn alle anderen ins Schwimmbad gehen, kann ich es mir vielleicht nicht leisten, daran teilzuhaben. Die Hitze kann sich außerdem auf die Bildungschancen auswirken. Es kann zu Hause so heiß sein, dass man sich nicht konzentrieren und dann vielleicht die Hausaufgaben nicht erfolgreich machen kann. Das kann sich langfristig negativ auf das Leben auswirken.
taz: Welche Veränderungen sind nötig, um armutsgefährdete Menschen besser zu schützen?
Lichtenberger: Mir ist wichtig zu sagen: Es gibt oft in den politischen Debatten ein Bild von passiven Armutsbetroffenen. Aber sie sind sehr aktiv. Sie sind extrem damit beschäftigt, die negativen Effekte der Hitze von ihren Kindern abzuwenden. Eltern geben ihren Kindern zum Beispiel den kühlsten Raum zum Spielen, bauen behelfsmäßige Vorrichtungen zum Kühlen oder sparen oft ganz stark bei den eigenen Bedürfnissen, um dann doch den Schwimmbadausflug zu ermöglichen.
taz: Welche Forderungen haben Betroffene?
Lichtenberger: Bei einer Gruppendiskussion zum Umgang mit Hitze hat eine alleinerziehende Mutter mal einen eindrücklichen Satz gesagt: Sie brauche nicht die 35. Beratung dazu, dass sie in der Nacht lüften und am Tag die Fenster zumachen sollte – das wisse sie schon. Das, was sie brauche, sei mehr Geld, um ihre Wohnung zu verändern. Nicht sie macht etwas falsch, sondern ihre Wohnung ist einfach untragbar. Und diesen Zustand kann sie nur dann verändern, wenn die Politik Rahmenbedingungen schafft, die das möglich machen.
taz: Was wären das für Rahmenbedingungen?
Lichtenberger: Wir haben die Betroffenen gefragt, was sie brauchen. 44 Prozent der Befragten im erwähnten Forschungsprojekt sagen, sie wünschen sich mehr Plätze zum Abkühlen, mehr Schatten und Trinkmöglichkeiten und konsumfreie, geschlossene Räume, die auch im Sommer zur Verfügung stehen. Es gibt sogenannte Cooling Center, das sind einfach gekühlte Räume, in denen es Wasser gibt. Was für Familien häufig attraktiver ist, sind so etwas wie Indoorspielplätze, die gekühlt sind, oder Büchereien, in denen es auch die Möglichkeit gibt, sich zu bewegen. Das klingt vielleicht für viele deutsche und österreichische Ohren absurd, aber in Skandinavien ist es total normal, dass Kinder in der Bibliothek laufen und spielen.
taz: Welche Möglichkeiten gibt es noch?
Man könnte außerdem Wasserspielplätze zugänglicher machen. Das muss nicht immer der High-End-Wasserspielplatz sein, die Feuerwehr kann auch einfach mal eine Stunde lang Wasser sprühen. Die Bedürfnisse von Kindern mitzudenken, kann schon helfen und muss nicht immer unbedingt wahnsinnig viel kosten. Gleichzeitig glaube ich, dass die Investitionen in die soziale Infrastruktur Mittel brauchen.
taz: Welche systematischen Veränderungen bräuchte es, um solche Veränderungen umzusetzen und eine klimagerechte Gesellschaft zu gestalten?
Lichtenberger: Die reichsten zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung verursachen viermal so viele Treibhausgase wie die ärmsten zehn Prozent. Um die strukturellen Veränderungen, für die wir uns als Volkshilfe einsetzen, um Spielräume für Klima und soziale Infrastruktur zu schaffen, wären zum Beispiel eine Vermögensteuer oder eine Erbschaftsteuer sinnvoll. Im Kontext der Hitze können wir uns zudem fragen: Wenn eine Wohnung über mehrere Tage hinweg über 38 Grad hat, ist da nicht eine Verantwortung des Vermieters und der Vermieterin da, sich darum zu kümmern, dass diese Wohnung kühler wird? Ist es legitim, den gleichen Profit aus der Wohnung zu schlagen, egal welche Temperatur sie hat?
taz: Wie müsste ein Stadtviertel aussehen, damit Sie sagen: Hier habe ich das Gefühl, dass an alle Menschen und an Klimaanpassung gedacht wird?
Lichtenberger: Das wäre ein Stadtviertel, in dem sehr viel leistbarer Wohnraum zur Verfügung steht – Wohnraum, in dem es nicht schimmelt, nicht zu heiß wird und Menschen aller Altersgruppen unterkommen. Es gibt Parks, in denen Menschen Ruhe und Erholung suchen können, und beschattete öffentliche Räume, in denen Kinder Platz für Spiel und Spaß haben. Autoverkehr spielt keine große Rolle. Mit dem Rad oder zu Fuß kann man einfach viele Wege erledigen. Und es braucht viel Raum zum Verweilen, im Winter genauso wie im Sommer.
taz: Gibt es Städte, die für Sie ein Positivbeispiel darstellen?
Lichtenberger: Die Stadt Wien hat sehr viele Ressourcen aus der Vergangenheit, die heute auch bei Hitze tragen. Das sind zum Beispiel die Familienbäder und die Parkflächen. Es gibt sehr viele günstige oder kostenfreie Badeplätze in Wien. Für Menschen, die hier wohnen und einen kostenfreien Badeplatz suchen, ist es möglich, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin zu kommen. Die Donauinsel ist das Schlagwort. Das sind Dinge, die im Roten Wien geschaffen worden sind. Es gibt Probleme in Wien und es gibt Luft nach oben. Aber es gibt auch viel Gutes, gerade mit dieser sozialen Infrastruktur, auf die Wien zurückgreifen kann.
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