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Rechtsextreme gegen ZivilgesellschaftAfD will mit Leitfaden Demokratie-Programm lahmlegen

Die AfD wirbt per Leitfaden dafür, das Programm „Demokratie Leben“ auszutrocknen oder für sich zu nutzen. Vorbild: eine Blockade in Bitterfeld-Wolfen.

AfD-Mann Daniel Roi bei einer Rede im Landtag: Seit Wochen macht er gegen das Programm „Demokratie Leben“ mobil Foto: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa

Seit Wochen macht die AfD in Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) Stimmung gegen die städtische Beteiligung am Bundesprogramm „Demokratie Leben“. Das Programm fördere linke NGOs, sei intransparent und eine „Steuergeldverschwendung“, wettert die Partei. Im Stadtrat sorgte sie Partei zu Jahresbeginn dann mit einem Antrag tatsächlich für einen Sperrvermerk für das Programm – und später für eine Kürzung des Personals in der zuständigen Fachstelle und mehr politische Einflussnahme für die AfD und andere Parteien.

Nun zeigt sich: Das Vorgehen ist konzertiert – und soll auch andernorts zur Anwendung kommen. Der taz liegt ein Leitfaden der AfD Bitterfeld-Wolfen vor, der auch AfD-Fraktionen in anderen Kommunalparlamenten aufzeigen soll, wie sie das Programm „Demokratie Leben“ attackieren oder zu ihren Gunsten umwidmen können. Das Programm sei „politisch einseitig“, die geförderten Projekte seien „häufig gegen die AfD gerichtet“, heißt es darin. „Jetzt ist die Gelegenheit, den Sumpf auszutrocknen.“ Man müsse in den Kommunalparlamenten „auf Mitentscheidung bei der Projektvergabe drängen“ und „verhindern, dass Geld in inhaltlich fragwürdige, sich gegen die AfD richtende Projekte fließt“.

Benannt werden in dem Leitfaden konkrete Schritte, wie dies zu tun sei. So solle etwa herausgefunden werden, ob „linke oder grüne Personen“ als Mitarbeitende in der Verwaltung für das Programm zuständig seien und wie viel Geld sie bekämen. Oder wer in dem Gremium sitzt, das über die Projektvergabe entscheidet. Dies müsse man offenlegen und öffentlich infrage stellen. Angegeben werden auch konkrete Fragen, die an die Verwaltung gestellt werden könnten, oder ein vorformulierter Antrag auf Akteneinsicht. „Da zu vermuten ist, dass vielerorts Mittel zur Anschaffung von Flyern oder Spruchbannern gegen die AfD verwendet werden, solltet ihr auch hier konkret nachfragen“, heißt es dazu.

Ob und wohin noch Gelder fließen, ist unklar

Der Leitfaden ist unterzeichnet vom Landtagsabgeordneten Daniel Roi und dem Bundestagsabgeordneten Kay-Uwe Ziegler, beide aus Bitterfeld-Wolfen. Der Sperrvermerk, den ihre Partei im Stadtrat zu Jahresbeginn zunächst zusammen mit „Pro Bitterfeld-Wolfen“ gegen „Demokratie Leben“ durchgesetzt hat, wurde zwar nach Protesten wieder aufgehoben. Aber nur unter der Maßgabe, dass der Stellenanteil in der zuständigen Fachstelle auf eine halbe Stelle zusammengestrichen wird – und die AfD, andere Stadtratsfraktionen und die Ortsbürgermeister, zu denen auch Roi und Ziegler gehören, mehr Mitspracherecht bei der Vergabe der zugesprochenen rund 140.000 Euro erhalten.

Ob und wohin die Gelder künftig fließen, ist seitdem unklar. Mit dem Programm wurden bisher etwa Theateraufführungen, Integrationskurse oder Gemeindefeste finanziert. Über die Blockade im Stadtrat hatte der AfD-Verband auf Social Media gejubelt: „‚Demokratie Leben‘ wird endlich der Geldhahn zugedreht!“.

Das Vorgehen reiht sich ein in Attacken der AfD auch auf Bundesebene gegen das Programm. Auch dort kritisiert die Partei dieses scharf, stellte im Bundestag immer wieder Anfragen dazu. Auch im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt setzt die Partei auf das Thema. Sie kritisiert in einem Entwurf zum „Regierungsprogramm“, dass die Landesregierung angeblich „fragwürdige Vereine“ fördere, „die Deutschland ablehnen und Patriotismus bekämpfen“. Künftig dürfe nur noch gefördert werden, wer sich „glaubhaft“ zur Demokratie und einer „patriotischen Grundhaltung“ bekenne.

„Die AfD will das Programm aushöhlen“

Steffi Hauck ist Sozialarbeiterin in einem Jugendverein in Bitterfeld-Wolfen, der das Programm „Demokratie Leben“ zuletzt für die Stadt koordinierte. Sie sagt, der AfD-Leitfaden mache sie „sprachlos“. „Ich habe lange gewarnt, dass die AfD das Programm an sich aushöhlen will.“ Dennoch seien vor Ort viele auf die Kampagne der Partei aufgesprungen. Die Kampagne sei massiv gewesen, erzählt Hauck. „Die AfD hat Lügen über unseren Verein verbreitet, ohne davon je etwas belegen zu können.“ In den zehn Jahren, in dem der Verein das Programm koordinierte, habe es von Behördenseite nie Beanstandungen gegeben.

Zuletzt aber erklärten der Verein und Hauck als zuständige Mitarbeiterin: Sie werden künftig nicht mehr für die Fachstelle tätig sein. Die Arbeit sei mit dem zusammengestrichenen Stellenanteil nicht mehr qualitativ sinnvoll zu leisten.

Das Bundesfamilienministerium von Karin Prien (CDU), bei dem „Demokratie Leben“ angesiedelt ist, wollte sich zu der AfD-Kampagne nicht äußern. Leitfäden „einzelner Kreisverbände“ kommentiere man als Ministerium nicht, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Kritik, dass das Programm einseitig sei, wies er zurück: Das Programm sei eines „zum Schutz unserer Demokratie, zur Demokratiebildung und zur Prävention jeder Form von Extremismus“.

Für David Begrich vom Demokratieverein Miteinander in Magdeburg ist der Leitfaden ein weiterer Beleg für die Attacken der AfD auf die Zivilgesellschaft. Aber er zeige auch einen Strategiewechsel. „Nachdem die AfD ‚Demokratie Leben‘ jahrelang bekämpft hat, versucht sie nun offenbar sich dieses zunutze zu machen“, so Begrich zur taz. Interessant sei auch, dass dieser Kurswechsel nicht von oben, sondern von einem Kommunalverband kommt.

Gerade Bitterfeld-Wolfen aber zeige, wie realitätsfern die AfD-Attacken seien, so Begrich. „Denn gerade dort sind doch keine linken Groß-NGOs unterwegs, sondern einige sehr Engagierte, die sich für die Demokratie abrackern.“

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16 Kommentare

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  • Hätte nicht gedacht, dass die AfD so kurzsichtig ist.



    Bisher sind die Wahlergebnisse proportional zur Mittelzuwendung für die regierungsfinanzierten Nichtregierungsorganisationen gestiegen.



    Wenn die jetzt den Bezahltdemokraten die Mittel kürzen wollen, wirkt das so als wenn die gar nicht die Wahlen gewinnen wollen.

  • Als ich im Januar gelesen habe, dass die CSU verlangt, dass sich die von „Demokratie leben“ geförderten Projekte zum Grundgesetz bekennen sollen, war ich ziemlich erschrocken.



    Nicht wegen der Forderung.



    Ich dachte, dass das Bekenntnis zum Grundgesetz sowieso selbstverständlich wäre.

  • Das gefährliche ist doch, dass sie dabei Rückendwind von der Union bekommen.

  • An solche "Spielchen" werden wir uns gewöhnen müssen, wenn diese Leute erst mal in Landes- oder Bundesregierungen sitzen. Wir steuern auf US-Verhältnisse zu.... Gute Nacht.

  • Die haben halt gelernt. Das ist ihr Marsch durch die Instanzen.

  • Ich bin dafür, dass "Demokratie Leben" auch weiterhin gefördert wird.



    Stärkung der Demokratie gegen Bedrohungen von allen Seiten ist sinnvoll.



    Ob es tatsächlich so ist, kann nicht beurteilen, aber es macht zumindest den Eindruck, dass Fördergelder auch für die Bekämpfung der AFD eingesetzt werden. Da ist es doch nur logisch, dass sich die AFD dagegen wehren will, solange sie Einfluss darauf nehmen kann.



    Die Linke würde sich doch auch zur Wehr setzen, wenn mit diesem geförderten Programm plötzlich gezielt gegen Linksextremismus vorgegangen würde.



    Die Bedrohung von rechts ist stärker, aber die aktuellen Eindrücke deuten zumindest darauf hin, dass auch der Linksextremismus ein größer werdendes Problem ist, das es zu bekämpfen gilt.

    • @Thomas2023:

      1



      In Bitterfeld haben die wohl genügend andere Aufgaben:



      "Gerade Bitterfeld-Wolfen aber zeige, wie realitätsfern die AfD-Attacken seien, so Begrich. 'Denn gerade dort sind doch keine linken Groß-NGOs unterwegs, sondern einige sehr Engagierte, die sich für die Demokratie abrackern.'"



      2



      Sind Sie sich sicher, dass man "Die Linke" mit Linksextremismus gleichsetzen kann? Hört bei Ihnen ein bisschen so an.

  • „Jetzt ist die Gelegenheit, den Sumpf auszutrocknen.“

    Stimmt genau - es ist Zeit den Sumpf "Vetternwirtschaft" in der eigenen Partei auszutrocknen.

    • @Il_Leopardo:

      Der Artikel deutet aber an, dass die AfD Gefallen daran finden würde, sich selbst an staatlichen Fördertöpfen einschließlich "Demokratieförderung" zu bedienen. Eine parteinahe Stiftung haben sie ja auch schon....

  • Ich erinnere an die Kleine Anfrage der CDU von vor einem Jahr. Da wurde sozusagen Vorarbeit geleistet, indem die Mittelvergabe von "Demokratie leben" angezweifelt wurde:

    "Auch erscheint es den Fragestellern zweifelhaft, dass etwaige



    Förderprogramme, die die betroffenen Vereine in ihrer gemeinnützigen Arbeit unterstützen sollen, ihren Zweck erfüllen. Ein Beispiel ist das Bundesprogramm „Demokratie leben!“, das einige Organisationen finanziell fördert, die an den Demonstrationen beteiligt waren."

  • In einem Punkt irrt Herr Bergerich. Die NoAFD ist nicht realitätsfern wenn sie das Programm attackiert. Sie wollen die Demokratie zerstören und das überall wo sich Menschen dafür einsetzen. Damit sind sie durchaus realistisch unterwegs.

  • "Die NSDAP etablierte sich in den Anfängen, insbesondere während der Krisenjahre der Weimarer Republik, durch eine Mischung aus geschickter Propaganda, der Ausnutzung gesellschaftlicher Ängste und physischer Gewalt in der Gesellschaft. Nach dem gescheiterten Hitlerputsch 1923 setzte die Partei ab 1925 auf eine "Legalitätsstrategie", um den Staat von innen heraus zu zersetzen."



    "Die NSDAP profitierte massiv von der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Sie bot enttäuschten Deutschen einfache Lösungen ("Arbeit und Brot") an und schürte Vorurteile gegen die Demokratie. Juden und demokratische Politiker wurden als Sündenböcke für die Situation verantwortlich gemacht.



    Die Nazis propagierten die Idee einer "Volksgemeinschaft", die auf rassistischen Grundsätzen basierte. Sie versprachen eine klassenlose Gesellschaft, grenzten jedoch Juden, Linke und andere Gruppen ("Nicht-Arier") aktiv aus."

    Man kommt nicht umhin, eindeutige, bestimmte Parallelen zu erkennen...



    Wann werden diese neuen Nazis endlich gebremst?



    Wo ist die Prüfung zu einem Verbot der AfD???

  • Früher haben sich diese Leute doch immer beschwert, dass so viel Schwachsinn aus den USA nach Deutschland importiert wird. Aber jetzt gucken sie sich den Trump'schen Plan zur Umgestaltung der Gesellschaft eins zu eins ab, inklusive Floskeln wie "drain the swamp". Welch ein erstaunlicher Sinneswandel!

  • völlig unabhängig von der AfD gibt es klare Förderrichtlinien, die auf die Rechtsprechung des BVerfG zur Parteienfinanzierung zurück gehen. Parteipolitik ist nicht förderungswürdig, da sich sonst Regierungsparteien auf diesem Weg weitere Mittel beschaffen könnten - sondern es muss allgemein für die Werte der Verfassung geworben werden. Das scheint mit allerdings bei mancher NGO - wobei ich den Osten nicht gut kenne - etwas in den Hintergrund getreten zu sein.

  • .... Berichtigung: Natürlich FÜR ein Verbot von Naziparteien .....

  • Eine solche Denkweise und so ein Flyer zeigt doch schön, dass die Richtung hin zu einem totalitären rechtsradikalen Staat geht.



    Ganz offiziell.



    Dank solcher Aktionen bin ich jetzt auch gegen ein Verbot von Naziparteien!