Rauchen im Freiluftkino: Das Leuchten der Glut in Nahaufnahme
Nichts sieht cooler aus, als wenn sich im Film jemand eine Zigarette ansteckt. Für Raucher_innen eine Qual im Kino. Doch zum Glück ist jetzt Sommer.
A m schönsten sind die Packungen aus dünnem Papier. Ein Mann klopft deren Unterseite gegen seinen Handballen, aus der Öffnung oben schiebt sich eine Zigarette. Es ist wie ein Zaubertrick. Dann klemmt er sie sich zwischen die Lippen. Das Zippo schnalzt auf: KLACK. Es gibt kaum ein verheißungsvolleres Geräusch. Dann das Ratschen des Reiberades. Eine Nahaufnahme zeigt, wie sich die Flamme der Zigarette nähert und ihre Spitze entzündet. Der Mann nimmt einen tiefen Zug, die Glut leuchtet auf, er schließt seine Augen und atmet aus.
Ich fühle mich beraubt, wenn ich solche Szenen im Kino ansehen muss. Beraubt, weil nicht ich, sondern der Schauspieler solch himmlisch aussehende Zigaretten rauchen darf. Und da es über die Filmdauer hinweg nie bei nur einer bleibt, werde ich bei jeder neidischer.
Gerade in den Hollywoodfilmen der 40er und 50er Jahre ist man einer Kippe nach der anderen ausgesetzt. Henry Fonda, Clark Gable, Joan Crawford und viele der Topstars der Zeit hatten Werbeverträge mit Tabakkonzernen, wurden also fürs Rauchen bezahlt. Oder die Konzerne finanzierten Werbekampagnen für den Film mit, wenn man die Schauspieler_innen darin rauchen sah. Und das funktioniert: Bis heute sieht für mich kaum etwas cooler aus, als wenn sich jemand im Film eine Zigarette ansteckt. Wer wäre Humphrey Bogart als Nichtraucher?
Nicht nur die Stars der 50er machen es vor. Renate Reinsve lässt sich in Cannes rauchend mit der Palme d'Or fotografieren. Charli XCX serviert Kippen auf dem Silbertablett bei ihrer Hochzeit. Bilder der „Heated Rivalry“-Schauspieler in der Raucherecke der Met Gala wurden hunderttausendfach geliked. Und auch in Deutschland werden Zigaretten & Co wieder beliebter: Junge Leute, das besagen neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes, haben 2025 etwas mehr geraucht als noch davor. Rauchen ist wieder cool.
Mit dem Rauchen wieder im Herbst aufhören
Dass man in Kinos rauchen darf, das wird wohl nicht mehr wieder eingeführt. Obwohl es so malerisch aussieht, wie sich der Rauch im Licht des Filmprojektors räkelt. Aber ich muss neidisch bleiben – zumindest einen harten Winter lang. Im Sommer gibt es das Freiluftkino. Nicht nur wegen des Rauchens ist das ein magischer Ort.
Die Stadt gibt dort eine fast schon cinematische Geräuschkulisse: die Gespräche im Restaurant ein paar Straßen weiter, eine Person, die herumschreit, ein Krankenwagen, der vorbeifährt. Ein Igel kriecht über die Wiese – oder war es eine Ratte? Fledermäuse fliegen über die Köpfe. Der Mond hängt dramatisch in der Luft und Schnaken bekommen ein ganzes Büffet mit süßem Blut serviert, weshalb das Kino schon am Eingang Insektenspray bereitstellt. Und eben Aschenbecher.
Es gibt drei Filme, die die Berliner Freiluftkinos jedes Jahr zeigen: „Oh Boy“, „Der Himmel über Berlin“ und „Call Me by Your Name“. In allen dreien wird wunderschön geraucht: Tom Schilling in der Kneipe, Peter Falk am Imbiss, und eigentlich so gut wie jede Figur in Luca Guadagninos Coming-of-Age-Geschichte. Angesteckt von den Zigaretten auf der Leinwand steigen also diesen Sommer wieder Rauchwölkchen über dem Publikum auf. Denn mit dem Rauchen aufhören kann man auch im Herbst.
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