Queeres Theater in der Kirche: Die Kirche sagt Sorry
Queer, bunt, musikalisch: Das Theaterstück „Queeratorio“ in der Neuköllner Genezarethkirche lädt dazu ein, über Gemeinschaft und Glauben nachzudenken.
Foto: Óscar Bluebarbosa
Die Genezarethkirche am Herrfurthplatz in Neukölln ist am Mittwochnachmittag Ort einer besonderen Veranstaltung: Hier bereiten sich die Mitwirkenden des Theaterstücks „Queeratorio“ auf ihre Aufführung vor. Premiere hatte das Stück bereits am 1. Juni, zwei weitere Vorstellungen finden an diesem Donnerstag und Freitag statt.
Im Inneren der Kirche fehlen die Sitzbänke. Stattdessen ist ein rosafarbener Teppich ausgelegt, bunte Sitzkissen liegen verstreut herum. Überhaupt erinnert wenig an eine Kirche. Nur der Altar mit Bibel, brennenden Kerzen und hölzernem Kreuz deutet darauf hin, dass es hier zumindest sonntags heilig zugeht.
Auf dem Teppich hüpft das Ensemble auf und ab, Arme und Beine werden geschüttelt, mit den Lippen geprustet. Alle tragen bequeme, bunte Kleidung. Unter ihnen ist Pfarrerin Anja Siebert-Bright. Sie ist Teil des evangelischen Kirchenkreises Neukölln und auch der Show: Im Laufe des Abends wird sie einen Ausschnitt aus der offiziellen Entschuldigung der EKBO – der Evangelischen Landeskirche – für das Unrecht, das die Kirche queeren Menschen angetan hat, verlesen. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung – Papst Leo dagegen möchte schwule Paare ja nicht einmal segnen.
Künstler*in Fifi Rutkowski hat das Theaterstück auf die Beine gestellt. „Die Idee für „Queeratorio“ hatten wir schon vor Jahren“, sagt Rutkowski. „Viele queere Menschen haben eine schwierige Beziehung zu Christentum. Das wollten wir aufgreifen, zum einen durch das Entschuldigen, aber auch, indem wir durch Musik und Spaß zueinander finden.“ Wichtig war auch, dass das Team um „Queeratorio“ möglichst divers sei: Die Mitwirkenden kommen von überall aus der Welt, sind lesbisch, schwul, nichtbinär und trans.
Kirche für alle
Danilo Timm war auch an der Gründung des Projekts beteiligt und ist für die Musik zuständig. Weil Timm den Chor „Heart Chore“ leitet, der dort schon seit zwei Jahren probt, gab es überhaupt den Zugang zur Kirche. „Die Kirche sollte ein gemeinschaftlicher Ort sein, der für alle offen ist, damit sie hierherkommen, Kontakte knüpfen und Zeit miteinander verbringen können“, sagt Timm. Dazu zählt auch, dass das „Queeratorio“ für möglichst viele Menschen zugänglich ist: Die Veranstaltung ist auf Englisch und der Eintritt wird nicht verwehrt, wenn man sich das Ticket nicht leisten kann.
Fifi Rutkowski, Künstler*in
„Es wird kirchlich“, sagt Rutkowski und lacht. „Aber wir nennen das dann Queerstentum“. An den Gottesdienst soll auch gemeinschaftliches Singen erinnern. Explizit ist auch das Publikum mitgemeint. Aber kein Kyrie wird am Donnerstag- und Freitagabend erklingen, sondern Madonna, Björk, Britney Spears und Pink Floyd. „Musik, mit der wir alle aufgewachsen sind“, so Rutkowski.
Auch gemeinschaftliches Beten steht auf dem Programm. „Dabei kann sich jeder aussuchen, an wen sich das Gebet richtet“, sagt Rutkowski. Der Abend sei nicht exklusiv an ein westliches oder christliches Publikum gerichtet. Die Pfarrerin ergänzt: „Das Gebet bringt die Menschen schon zum Weinen.“
Nach den Tonleitern zum Aufwärmen der Stimme klatscht Rutkowski in die Hände. „Okay, lasst uns das noch einmal proben. Ich muss mir nur noch meine Schuhe anziehen“. Das Lied beginnt mit Gesang auf Latein – bis ein Beat einsetzt und sie unterbricht. Schlagartig reihen sie sich hintereinander ein, beginnen zu voguen. Rutkowski trägt jetzt kniehohe Stiefel mit Absatz, die grün-metallisch schimmern. Im Sprechgesang zählt das Ensemble nacheinander queere Ikonen auf, die vor ihnen kamen: „Magnus Hirschfeld, walk with me! Audre Lorde, walk with me!“.
Bartosz Żurowski, ebenfalls Teil der Gründer*innen, verrät: „Am Ende gibt es eine Überraschung“. Wer wissen möchte, was die ist, muss selbst zur queeren Messe vorbeischauen. Los geht es an beiden Tagen 19.30 Uhr, Tickets können hier bestellt werden.
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