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Aktivist über Queerfeindlichkeit„Die homophobe Fratze des politischen Establishments“

Bart Staszewski fotografierte „LGBT-freie Zonen“ in Polen und sorgte so für ihre Abschaffung. Nun setzt er sich für die Ehe für alle ein.

„Manche Gemeinderäte sahen schnell ein, dass sie zu weit gegangen waren“: Bart Staszewski mit einem Schild für „LGBT-freie Zonen“ Foto: Przemyslaw Stefaniak

Interview von

Gabriele Lesser

taz: Eine Ehe für alle wird es in Polen zwar nicht geben, aber immerhin eine per Gesetz geschützte Partnerschaft. Ist das für Sie und Ihren Partner ein Fortschritt?

Bart Staszewski: Vom ursprünglichen Gesetzentwurf, in dem noch ganz klar von der LGBTQI-Community die Rede war und den die Linke in der Regierungskoalition schon vor zwei Jahren in den Sejm eingereicht hatte, ist fast nichts übrig geblieben. Nicht mal der Name. Für Gesetzgeber und Bürokraten sind wir nicht mehr schwul, lesbisch oder queer, sondern „nächststehende Personen“. Ob uns das dennoch weiterbringt? Nein. Wir können immer noch nicht standesamtlich heiraten.

Im Interview: Bartosz Staszewski

ist ein polnischer Dokumentarfilmer, Fotograf und LGBTQI-Aktivist. Er wurde 1990 im schwedischen Malmö geboten, zog im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie ins südpolnische Lublin und 2010 – nach dem Abitur – nach Warschau. Hier schloss er sich der Gruppe „Liebe schließt nicht aus“ an und gehörte 2013 zu den Gründern der nun offiziellen LGBTQI-Vereinigung. Internation bekannt wurde Staszewski mit seiner Foto-Aktion der „LGBT-freien Zonen“ vor den Ortschildern von Gemeinden, die sich selbst als LGBT-frei oder „familienfreundlich“ deklariert hatten. Staszewski ist einer der bekanntesten LGBTQI-Aktivisten Polens.

taz: Der Europäische Gerichtshof hat Ende 2025 geurteilt, dass im EU-Ausland geschlossene Ehen gleichgeschlechtlicher Partner in der gesamten EU anerkannt werden müssen, auch in Ländern, in denen es keine Ehe für alle gibt. Wäre das ein Weg?

Staszewski: Ja, das wäre der einfachste Weg, auch für die Tusk-Regierung. Sie könnte das Urteil anerkennen und sagen: Das ist EU-Recht; wir können nicht anders. Fertig. Aber der Premier windet sind, die Minister winden sich. Ob sie wirklich Angst haben vor der katholischen Kirche, vor der PiS und vor rechtsradikalen Organisationen oder ob sie diese Furcht nur vorschieben, ist schwer zu sagen. Aber was wir wieder sehen, ist die homophobe Fratze des politischen Establishments in Polen.

taz: Im Westen denkt man eher, dass die Tusk-Regierung in diesen Fragen liberal eingestellt ist, die Linke in der Koalition das Projekt vorantreibt und der eigentliche Bremser im Präsidentenpalast sitzt. Ist dem nicht so?

Staszewski: Im Prinzip ist es so. Aber die Realität ist komplexer. Ohne politischen Willen geht es nicht. Im Wahlkampf war Tusk entschlossen, die Rechte der Frauen und der LGBTQI-Community in Polen zu stärken. Das hat ihm den Sieg gebracht. Doch dann verlor er das Interesse an uns. Seine einzigen Themen zurzeit sind Wirtschaftswachstum und nationale Sicherheit. Er vergisst völlig, dass es daneben auch noch ein Leben gibt, einen Alltag mit Gefühlen wie Wertschätzung und Würde. Das könnte ihn im nächsten Jahr den Wahlsieg kosten. Insgesamt ist die Enttäuschung groß.

taz: Aber ändert das neue Gesetz denn gar nichts?

Staszewski: Es ist vor allem Symbolpolitik. Tusk will am Ende seiner Regierungszeit nicht mit völlig leeren Händen dastehen. Aber ein großer Wurf ist das „Gesetz über die nächststehende Person“ nicht. Das geben auch alle Politiker zu, die es ausgearbeitet haben und dabei so viele Kompromisse eingehen mussten, dass vom ursprünglichen Entwurf nur ein paar finanzielle Besserstellungen übrig geblieben sind.

taz: Sie haben fast im Alleingang dafür gesorgt, dass die „LGBT-freien Zonen“ in Polen vollständig verschwunden sind. Wie haben Sie das geschafft?

Staszewski: Ganz allein war ich nicht. Parallel zu meiner Fototour durch alle Gemeinden Polens, die sich zu „LGBT-freien Zonen“ erklärt hatten, veröffentlichte eine Gruppe von Aktivisten einen virtuellen „Atlas des Hasses“. Da konnte man im Internet auf Gemeinden klicken und erfuhr im Detail, wer sich im Gemeinderat für die Diskriminierung der im Ort lebenden Schwulen, Lesben und Queeren ausgesprochen hatte. Viele Gemeinden hatten über Erklärungen abgestimmt, die die rechte Juristenorganisation Ordis Iuris vorformuliert hatte.

taz: Ausschlaggebend waren am Ende aber Ihre Fotos. Was haben Sie fotografiert?

Staszewski: Mir fielen bei dem Wort „LGBT-freie Zone“ spontan die gelben Warnschilder in Polen ein: „Militärisches Sperrgebiet!“ Oder: „Vorsicht! Truppenübungsplatz“. In diesem Stil habe ich dann ein gelbes Warnschild entwickelt. Oben stand in Polnisch: „Strefa wolna od LGBT“, also „LGBT-freie Zone“, und darunter das Gleiche noch einmal in Englisch, Französisch und Russisch. Dann bin ich zu einigen „LGBT-freien“ Orten gefahren, habe das Warnschild unter dem Ortseingangsschild angebracht, das Ganze fotografiert und am Abend die Fotos online gestellt. Am nächsten Morgen wachte ich in einer völlig anderen Welt auf. Die Bilder waren tausendfach geteilt worden, Journalisten aus aller Welt wollten mit mir Interviews machen, viele Menschen signalisierten mir ihre Unterstützung.

taz: Und wie reagierten die Gemeinden, die nun für jeden im Internet sichtbar homophob waren?

Staszewski: Ganz unterschiedlich. Manche Gemeinderäte sahen schnell ein, dass sie zu weit gegangen waren, und nahmen die Erklärung schnell wieder zurück. Andere warfen Ordis Iuris vor, ihre Gutgläubigkeit ausgenutzt und sie zu einer „familienfreundlichen Deklaration“ gedrängt zu haben, die in Wirklichkeit einige Menschen offen diskriminierte. Und dann gab es noch Gemeinderäte, die voller Empörung vor den Kadi zogen – gegen die Aktivisten des Hass-Atlasses und gegen mich.

taz: Was war die Anklage?

Staszewski: Wir hätten sie als homophob verleumdet und stigmatisiert. Aber wir haben alle Prozesse gewonnen. Denn die Gemeinderäte hatten ja selbst die „LGBT-freien Zonen“ beschlossen und ausgerufen. Das hatten wir uns ja nicht ausgedacht.

taz: Hat die EU nicht auch eine gewichtige Rolle gespielt?

Staszewski: Ja. Brüssel strich die Fördermittel für Gemeinden, die sich als „LGBT-frei“ erklärt hatten. Da fehlten Kleinstädten und Dörfern plötzlich große Beträge, mit denen sie fest gerechnet hatten. Auch das wurde uns vorgeworfen, also dass wir angeblich für die Streichung der EU-Mittel verantwortlich waren. Aber wir haben ja nur öffentlich gemacht, was die Gemeinden selbst beschlossen hatten. Vor genau einem Jahr, im April 2025, zog die Kreisverwaltung von Lancut als letzte von über hundert Kommunalverwaltungen ihre homophoben Erklärungen zurück. Länger als sechs Jahre hat der Spuk gedauert.

taz: Eine lange Zeit. Hat sich der Kampf gelohnt?

Staszewski: Als ich mittendrin war, fühlte er sich richtig an. Heute denke ich, dass die zynische Politik der PiS mir einen großen Teil meines Lebens gestohlen hat. Und wenn ich mir jetzt diese Stümperei rund um das „Gesetz über die nächststehende Person“ ansehe, dann frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, Polen zu verlassen. Mein Partner und ich – wir hätten uns irgendwo im Ausland ein normales Leben aufbauen können. Jetzt haben wir schon ein gewisses Alter erreicht. Da ist es schwer, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

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