Proteste von Landwirten

Bauern sind auch nur Kapitalisten

Die Landwirte sind verzweifelt, das darf man ihnen ruhig glauben. Aber auch sie müssen bestimmte Regeln akzeptieren – wie andere Branchen auch.

Ein Mähdrescher erntet Gerste, während eine Rollenpresse gleich das Stroh weiter verarbeitet (Luftaufnahme mit einer Drohne)

Auf Ertragsoptimierung kommt es an – notfalls auch auf Kosten der Umwelt Foto: Patrick Pleul/zb/dpa

Mobilisieren können die Bauern, das muss man ihnen lassen: Bundesweit gibt es nur noch 267.000 landwirtschaftliche Betriebe – trotzdem sind derzeit einige Tausend Traktoren unterwegs, um gegen die Bundesregierung zu demonstrieren. So motiviert ist sonst keine Gruppe.

Die Bauern sind verzweifelt, das darf man ihnen ruhig glauben. Ausgerechnet auf dem Land, das die Städter so gern romantisieren, herrscht der Kapitalismus uneingeschränkt. Mit seinen Vor- und Nachteilen.

Zu den Vorteilen gehört, dass die Bauern nicht mehr arm sind. Heute ist es vergessen, aber noch in den 1930er Jahren waren viele Höfe so klein, dass ihre Besitzer hungern mussten. Die bayerische Bäuerin Anna Wimschneider hat in ihren Memoiren „Herbstmilch“ eindrucksvoll beschrieben, wie dürftig das Leben auf dem Land war. Ihr Vater hatte nur neun Hektar Grund, und das Essen war so knapp, dass die Kinder die Kartoffeln verschlangen, die eigentlich als Futter für die Schweine gedacht waren.

Die Familie von Anna Wimschneider war kein Einzelfall: 1933 lebten rund 12 Millionen Deutsche auf Bauernhöfen, die eigentlich zu klein waren, um einen ausreichenden Lebensstandard zu sichern. Das waren 18 Prozent der Gesamtbevölkerung. Erst ab den 1950ern wurde das Landleben langsam bequemer und auskömmlicher: Die Felder wurden zusammengelegt und Landmaschinen eingesetzt. Pro Kopf ließ sich eine größere Fläche bearbeiten – und damit kam der Reichtum auch aufs Land.

Die Bauern müssen auch die Regeln akzeptieren

Die Technik blieb nicht folgenlos: Die Landwirtschaft verwandelte sich in eine Art Industriezweig und unterliegt nun ebenfalls den Mechanismen des Kapitalismus. Wie in allen anderen Branchen setzte auch auf dem Land die Konzentration ein. Große Höfe verdrängten die kleinen, weil die eingesetzte Technik umso billiger wird, je mehr Güter produziert werden. Dieses Gesetz gilt für Autos genauso wie für Weizentonnen. Die EU-Subventionen haben diesen Trend zur Größe nicht ausgelöst, verstärken ihn aber noch zusätzlich.

Die meisten konventionellen Bauern sind überzeugt, dass nur eine „moderne“ Landwirtschaft Zukunft hat. Sie begrüßen die Industrialisierung auf ihren Höfen. Doch dann müssen sie auch die Regeln akzeptieren, die für andere Industriebetriebe gelten.

Für jeden Chemiekonzern ist klar, dass man Abfälle nicht in den nächsten Fluss leiten darf. Für Landwirte kann es kein Sonderrecht geben, das Grundwasser zu verseuchen. Gülle ist kein Dünger, wenn sie im Übermaß auf die Weiden gekippt wird – sondern Sondermüll.

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Sie ist ausgebildete Bankkauffrau und hat an der FU Berlin Geschichte und Philosophie studiert. Ihr neuestes Buch ist gerade erschienen: "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen. Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind" (Westendverlag). Von ihr stammen auch die Bücher „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ (Piper 2012) sowie „Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen“ (Piper 2015) und "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie - oder was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können" (Piper 2018).

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