Prostitution Minderjähriger in Hamburg: „Etwa ein Mädchen pro Schulklasse ist gefährdet“
Eine Beratungsstelle für Mädchen, die von „Loverboys“ zur Prostitution gedrängt werden, hat hohen Zulauf. Leiterin Anne W. fordert frühere Prävention.
taz: Anne W., was bedeutet es, wenn Mädchen oder junge Frauen Opfer eines Loverboys werden?
Anne W.: Die Mädchen werden meist über soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat kontaktiert. Die Männer bauen eine Liebesbeziehung auf und bringen die Mädchen in eine emotionale Abhängigkeit, mit dem Ziel, sie in die Prostitution zu drängen. Diese Phase kann bis zu einem Jahr dauern. Dann erzählen die Männer beispielsweise, sie hätten Geldprobleme oder sich mit den falschen Leuten angelegt. Sie bitten die Mädchen, einmal mit einem anderen Mann zu schlafen, um ihnen zu helfen. Oder sie reden ihnen ein, Prostitution für eine begrenzte Zeit sei nicht schlimm. Sie bräuchten doch Geld für ihre gemeinsame Zukunft.
taz: Diese Loverboys sind erwachsene Männer?
Anne W.: Ja. Teilweise geben sie sich als jünger aus, sind aber deutlich älter als die Mädchen. So fällt Eltern das auch auf, die werden skeptisch, wenn die 14-jährige Tochter plötzlich einen 25-jährigen Freund hat.
taz: Die Diakonie Hamburg bietet ja seit 2021 mit Fair Love ein Projekt für betroffene junge Frauen an. Wie helfen Sie?
42, ist Erziehungswissenschaftlerin und leitet seit 2021 das Projekt „Fair Love“ der Diakonie Hamburg. Zum eigenen Schutz möchte sie nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen
Anne W.: Zum einen beraten wir Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 12 und 21 Jahren. Da geht es zunächst um eine Stabilisierung und darum, ihren Bedarf zu klären: Brauchen sie eine geschützte Unterkunft? Möchten sie Anzeige erstatten? Jeder Fall ist individuell zu betrachten. Wir stülpen den Mädchen nichts über.
taz: Also keine Ausstiegsberatung um jeden Preis?
Anne W.: Nein. Wir setzen die Mädchen nicht unter Druck oder sagen ihnen: „Hey, du machst hier was Verbotenes. Hör auf damit.“ Sondern wir gucken, dass wir sie in ihrer Lebensrealität abholen und mit ihnen was bewegen. Wir arbeiten auch mit Angehörigen und bieten eine Elterngruppe an. Ein stabiles soziales Netzwerk erleichtert einen Ausstieg. Außerdem geben wir Präventionsworkshops an Schulen und Wohngruppen. Dabei geht es um gesunde und toxische Beziehungen sowie die Frage, wie man eigene Grenzen setzt.
taz: Was bewegt die Mädchen, sich an Fair Love zu wenden?
Anne W.: Jüngere Mädchen kommen meist über Fachkräfte oder Angehörige zu uns. Ab 16, 17 Jahren melden sie sich häufiger selbst. Meistens in Momenten, wo sie merken, dass sie nicht einzige Frau sind, die für diesen Mann arbeitet, dass er es nicht ernst mit ihnen meint. Oder sie wenden sich an uns, wenn sie die körperliche Gewalt nicht mehr aushalten.
taz: Die Diakonie berichtet anlässlich des bevorstehenden „Europäischen Tags gegen Menschenhandel“ von einem enormen Zulauf. Hatte Fair Love 2024 284 Beratungen, waren es 2025 mit 487 fast doppelt so viele. Wie kommt das?
Anne W.: Es sind nicht unbedingt mehr Fälle geworden, sondern das Problem ist sichtbarer. Wir waren die erste Anlaufstelle in Deutschland, die sich ausdrücklich an Minderjährige richtet. Viele Mädchen würden von sich aus gar nicht sagen, dass sie der Prostitution nachgehen oder Opfer von Menschenhandel sind. Wir haben auch Behörden auf das Problem aufmerksam gemacht. Jahrelang hieß es, Prostitution Minderjähriger gebe es nicht. Dabei war das Phänomen nicht verschwunden. Nur ohne Anlaufstelle gab es keine Möglichkeit, sich Hilfe zu holen.
taz: Steht hinter jeder der 487 Beratungen ein Fall?
Anne W.: Nicht unbedingt. Mit manchen Mädchen führen wir mehrere Gespräche. Teilweise begleiten wir sie auch zu Hilfeplangesprächen oder zum Gericht.
taz: Landen die Männer vor Gericht?
Anne W.: Leider viel zu selten, weil die Angst der Betroffenen groß ist. Die Loverboy-Methode ist kein eigener Straftatbestand. Es gibt aber Anklagen wegen sexueller Ausbeutung Minderjähriger, Zuhälterei oder Körperverletzung.
taz: Was begünstigt diese hohe Zahl an Fällen?
Anne W.: Vor allem das Internet. Männer müssen Mädchen nicht mehr persönlich ansprechen, sondern können über soziale Netzwerke Hunderte parallel kontaktieren.
taz: Ist Prostitution Minderjähriger ein Armutsproblem?
Anne W.: Nein. Die Mädchen kommen aus allen sozialen Schichten. Nach unserer Erfahrungen aus den Präventionsworkshops an Schulen ist etwa ein Mädchen pro Schulklasse gefährdet. Die Eltern, die sich an unsere Elterngruppe wenden, gingen oft bis zur Aufdeckung davon aus, ein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter zu haben. Aber natürlich beraten wir auch Mädchen aus der Kinder- und Jugendhilfe.
taz: Was müsste passieren?
Anne W.: Wir brauchen mehr Prävention an Schulen, und zwar nicht erst ab Klasse neun, sondern deutlich früher.
taz: Stoßen Sie damit bei Hamburgs Behörden auf offene Ohren?
Anne W.: In den verschiedenen Abteilungen wird das Thema unterschiedlich wahrgenommen. Unser Projekt ist inzwischen beim Amt für Familie angesiedelt. Das erkennt das Problem an und übernahm auch unsere Finanzierung, die anfangs von der „Aktion Mensch“ geleistet wurde.
taz: Müsste man Gesetze ändern?
Anne W.: Minderjährige zur Prostitution zu bringen, ist bereits strafbar. Auch Freier machen sich strafbar. Deshalb schreiben wir auch gezielt Männer an, die auf Kontaktbörsen junge Frauen suchen, und versuchen die zu sensibilisieren. Es passiert sogar, dass Freier uns melden, wenn sie bei einer Frau waren, bei der sie das Gefühl haben, die ist nicht volljährig oder handle nicht freiwillig. Hilfreich wäre eine Kampagne mit der Botschaft: Sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen ist in Ordnung. Es gibt aber ausbeuterische Systeme. Wer Anzeichen dafür bemerkt, sollte sich an eine Beratungsstelle wenden.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert