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Präsidentschaftswahl in FrankreichTüröffner für die extreme Rechte

Rudolf Balmer

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Rudolf Balmer

Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon will erneut versuchen, Präsident von Frankreich zu werden. Der Linken tut er damit keinen Gefallen.

Der 74-Jährige versteht es, sich in seiner Partei La France insoumise unentbehrlich zu machen Foto: Tom Nicholson/reuters

M uss die französische Linke bei den Präsidentschaftswahlen (zum vierten Mal) auf die Karte Mélenchon setzen? Wenn nicht, um zu gewinnen, so doch wenigstens, um den Vormarsch der extremen Rechten zu stoppen? Viele, die in der Vergangenheit links gewählt hatten und sich mit der Rechtswende unter Emmanuel Macron nicht abfinden wollten, hatten inständig etwas anderes gehofft: dass eine andere Persönlichkeit eine vereinte Linke repräsentieren würde.

Der Traum von der Einheit und einem möglichen linken Wahlsieg ist mit der Kandidatur Jean-Luc Mélenchons nun geplatzt. Der 74-Jährige versteht es, sich in seiner Partei La France insoumise unentbehrlich zu machen. Die übrigen Linksparteien (Sozialisten, Grüne und Kommunisten) hat er mit seiner Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen vor vollendete Tatsachen gestellt.

Dafür hat er überzeugend klingende Argumente: Er hat mehr Erfahrung als die anderen, verfügt über eine Partei, die eingespielt als Wahlmaschine funktioniert, und auch über eine klar definierte Wählerbasis, vor allem bei den Jugendlichen und der Bevölkerung in den Vorstädten. Und er ist zweifellos am ehesten in der Lage, genügend Stimmen zu erhalten, um in die Stichwahl zu gelangen.

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Laut Meinungsforschern steht Mélenchon für die erste Runde gut da, doch als Teilnehmer am Finale ist er eine schlechte Wahl. Gegen den voraussichtlichen Gegner in der Stichwahl, den Rechtsextremisten Jordan Bardella vom Rassemblement National, würde er haushoch (laut derzeitigen Umfragen mit 72 zu 28 Prozent) verlieren. Mélenchon hat seine Fans, aber vor allem hat er die negative Mehrheit einer soliden Abneigung gegen sich.

Schon jetzt spaltet darum seine Kandidatur mehr, als sie eint. Man kann ihn hassen oder anbeten, doch so oder so bedeutet er für die Linke ein Dilemma: Als Favorit für die erste Runde, aber Katastrophe für den zweiten und entscheidenden Durchgang würde ausgerechnet der Kandidat, der mit seiner Kandidatur die extreme Rechte verhindern will, dieser das Tor zur Macht sperrangelweit öffnen.

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Rudolf Balmer
Auslandskorrespondent Frankreich
Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft. Gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien) und die „Neue Zürcher Zeitung“.
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9 Kommentare

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  • Avec Melanchon



    Geht alles kaputt, wird alles gut, der Mann polarisiert. Aber er zieht auch, seine Bewegung hat immer eine gewisse Popularität und er hat kürzlich eine wichtige kommunale Wahl gewonnen, bzw. sein Kandidat in St. Denis.



    Ich glaube, dass Melanchon durchaus Chancen hat, groß sind sie nicht, aber andere linke Kandidaten haben auch nicht mehr Chancen, so viel Ehrlichkeit sollte sein. Hollande würde es nochmals probieren, dürfte eher chancenlos sein, Olivier Faure, Francois Ruffin, Fabien Roussel ... die sind nicht besonders gut aufgestellt, alle bringen schon etwas mit, sind auch auf ihre Art attraktiv. Aber dass Melanchon die alle killt und dann die Linke implodiert, diese Sicht ist m.M. nicht zutreffend. Die Frage ist leider, wie gelingt es den Rechtsextremisten sich zu mobilisieren, wie viel Widerstand gibt es.



    Melanchon ist schon gegen Le Pen gescheitert, was ihn anscheinend aber nicht geschadet hat.

  • Es kommt bei Politikern nicht darauf an wieviele Wähler sie für sich mobilisieren, schon wichtig aber nicht so relevant, sondern wieviele sie gegen sich mobilisieren genau wie Corbyn im UK mobilisiert LFI unter Mélenchon stärker gegen sich als für sich. Dazu ist sein Populismus gift für die Demokratie, einfache Lösungen gibt es nicht wer sie verspricht opfert langfristiges Vertrauen in den politischen prozess für kurzfristige Macht.

  • Gerade für französische Verhältnisse ist Mélenchon inhaltlich gar nicht so linksextrem, wie er hierzulande gerne abgestempelt wird.







    Da hilft eher etwas Markieren, dass er für alle da sein wird, warum Frankreich einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat braucht und ein, zwei Punkte, wo Mélenchon sich auch mal in die Mitte bewegt.



    Denn auch er hat seine Punkte, wo er lernen könnte: Europa und die Westbindung nicht pauschal verteufeln, sondern diese Hebel aktiv nutzen.

  • Immer wieder wundert mich, dass Mélenchon und seine Partei zu den Linken gerechnet werden. Er ist ein ebenso großer EU-Hasser und Deutschenfresser wie Marine Le Pen, seine Straßenkämpfer sind mindestens so brutal. Der Parteiname bedeutet wörtlich "Nicht unterworfenes Frankreich", das spricht doch Bände über die nationale Ausrichtung, die weit entfernt ist von Asterix-Klamauk. Im Gegensatz zu LePen stützt er sich nicht auf dumpfbackige Mittelständler (und Arbeiter) sondern auf Intellektuelle, und seine Utopie ist kein strahlendes Frankreich der Vergangenheit sondern ein französisch-nationaler Sozialismus.

  • Man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, Mélenchon sei es jemals darum gegangen, die extreme Rechte aufzuhalten. Er hat sich geweigert, im zweiten Wahlgang zur Wahl Macrons gegenüber Le Pen aufzurufen. Der Mann hat auch kein Interesse daran, die Linke zu vereinigen - außer unter seiner Fuchtel. Das merkt man schon daran, dass Menschen wie Rima Hassan, die trotz ihrer recht offenen Hamas-Sympathie in LFI noch gefeiert wird.

    Hinzu kommt: Mélenchon ist ein EU-Gegner, ein privater Freund von Lafontaine und ein Russlandfreund. Er ist im Vergleich zu Bardella nicht die große Alternative, sondern die andere Kante des Hufeisens. Wäre ich Franzose und die Stichwahl wäre zwischen Mélenchon und Bardella, bliebe ich zuhause.

  • Es ist genau diese Argumentation des "kleineren Übels", die dafür sorgt, dass die Rechtsextremen überhaupt eine Chance haben. Denn mit ihr werden immer wieder Personen gewählt, welche die Wähler eigentlich nicht wollen, was die Stagnation und "Politikverdossenheit" fördert und somit die Rechtsextremen erst stark macht -- bis sie schießlich an die Macht gehievt werden.

  • Wer wäre denn die Alternative mit höheren Siegchancen?

  • Querfrontverläufe

    Zitat: „Laut Meinungsforschern steht Mélanchon für die erste Runde gut da, doch als Teilnehmer am Finale ist er eine schlechte Wahl. Gegen den voraussichtlichen Gegner in der Stichwahl, den Rechtsextremisten Jordan Bardella vom Rassemblement National, würde er haushoch (laut derzeitigen Umfragen mit 72 zu 28 Prozent) verlieren.“

    Dies wäre allerdings nur bei geschlossener Querfront des gesamten bürgerlichen Lagers von den Macronisten über die Républicains bis zum rechtsrandigen Rassemblement Nationale möglich, eine plausible Konstellation, bei der zusammenwüchse, was ohnehin zusammengehört. Wenn’s drauf ankommt, d. h. es eine konsequent linke Alternative zum obwaltenden Eigentums- und Wirtschaftsregime zu verhindern gilt, dann schmilzt die antifaschistische Brandmauer wie das Chagrin-Leder bei Balzac.

    • @Reinhardt Gutsche:

      XXL-Querfront gegen Mélenchon

      Es kommt noch bizarrer: Nicht nur die bürgerliche Mitte, sogar die zur Splitterpartei geschrumpften Kommunisten stimmen in diesen Querfront-Chor ein und halten Mélenchon für schlimmer noch als Bardella:

      „Moi, je pense personnellement que Jean-Luc est certainement le pire candidat de second tour. (Quelle: LCI , 5.4.2026)

      Mit anderen Worten: Um Mélenchon zu verhindern, würden die Kommunisten ihre Anhänger sogar auffordern, im 2. Wahlgang für den RN zu stimmen, sozusagen die selbsterklärte „Alternative für Frankreich“.

      Vor knapp einem Vierteljahrhundert gab es eine vergleicbare Konstellation, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Um Jean-Marie Le Pen, den Altmeister der französischen Ultrarechten, zu verhindern, rief der PCF ihre damals noch größere Anhängerschar auf, im 2. Wahlgang für den Favoriten Chirac zu stimmen, den Chef der Neo-Gaullisten, was angesichts ihrer Kooperation mit de Gaulle in der Résistance eine plausible antifaschistische Glaubwürdigkeit hatte.

      Was die nunmehrige Diabolisierung Mélanchons als „schlimmsten Kandidaten im 2. Wahlgang“ nun soll, bleibt hingegen allerdings rätselhaft.