Politologe über „entartete Kunst“: „Das Thema ist hochaktuell“
Vor 88 Jahren eröffnete die Nazi-Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Heute gibt es ähnliche Impulse, sagt der Politikwissenschaftler Heiko Langanke.
taz: Herr Langanke, was verstand das NS-Regime unter „entarteter“ Kunst?
Heiko Langanke: Eigentlich könnte man die Gegenfrage stellen, also: Was ist artige Kunst? Eine artige Kunst im Sinne des Nationalsozialismus hat sich am Germanentum orientiert. Das zieht sich durch die Kunst, findet sich aber genauso in der Musik und Literatur. Die Kunst war sehr darstellend, schlichtweg keine Interpretation, nichts was man deuten sollte oder musste. Adolf Hitler war ja ursprünglich selbst Maler. Einige Werke findet man hier und da im Internet. Sie sind schlicht darstellend – mit einem Hang für pompöse Bauten. Das war dann wohl prototypisch.
taz: Warum hat man die „entarteten“ Bilder ausgestellt und nicht einfach vernichtet?
Langanke: Parallel zu der Ausstellung gab es eine Ausstellung, die völkische Kunst, wie sich der Nationalsozialismus das vorgestellt hat, gezeigt hat. So wollte man Stimmung gegen „entartete“ Kunst machen. Es war also definitiv diffamierend, sollte ausschließen, die Kunst sollte krank wirken und wurde auch so bezeichnet. Durch die Gegenüberstellung sollte das eigentliche Bild der deutschen, klaren Kunst erhellt werden. Wahrscheinlich hätten sie auch das Problem gehabt, nicht wirklich erklären zu können, was artige Kunst ist.
taz: Welche Künstler*innen waren betroffen und welche Folgen hatte das für sie?
Langanke: „Entartete“ Kunst bezog sich auf Expressionismus, die neue Sachlichkeit, Kubismus, Dadaismus und Surrealismus. Da haben wir Ernst Ludwig Kirchner oder auch Emil Nolde, Otto Dix oder George Grosz, Kandinsky, Picasso, Dali, im Grunde viele, die wir heute kennen. Insgesamt waren es 125 Künstler und 20.000 beschlagnahmte Werke, die teilweise bei Goebbels oder Hilter im Privatarchiv gelandet sind. Den Künstlern und Künstlerinnen wurde die Existenzgrundlage entzogen worden, Kunstförderungen wurden gestrichen. Wer politisch aktiv war, wurde verhaftet. Viele sind ausgewandert.
taz: Welche Auswirkungen hatte das auf die Kunstwelt?
Langanke: Es hatte einen langen Nachhall. Also einmal, dass natürlich viele Werke zerstört wurden, die wir heute einfach so nicht mehr kennen. Aber es hallte auch lange nach, was anständige Kunst ist und was nicht. Also dieser Freigeist der 20er, 30er der hat einen regelrechten Schlag gekriegt. Es hat lange gebraucht, bis man wirklich wieder Künstler und Künstlerinnen gefunden hat, die sehr mutig in Deutschland auch abstrakte und freie Kunst gemacht haben.
taz: Der Zweck der Ausstellung, Kunst umzudeuten, hat sich also erfüllt?
Langanke: Das hat in der Zeit hervorragend funktioniert. Weil die Ausstellung jetzt 88 Jahre her ist, hatten wir die Idee, das mal zu thematisieren. Und selbst im Harburger Kulturausschuss sitzt eine AfD, die mittlerweile nichts unversucht lässt, um eine Deutungshoheit über Kunst und Kultur zu kriegen. Da wird versucht, ein Bild zu reproduzieren, was dem sehr nahe liegt. So nach dem Motto: Alles andere ist Quatsch, warum sollte man dafür öffentliche Gelder ausgeben. Eine Argumentation von damals, die wir heute wiederfinden. Unser neuer Bundeskulturbeauftragter Weimer steht auch nicht gerade für eine fortschrittliche Kunst- und Kulturauffassung.
„88 Jahre ‚„Entartete Kunst‘“: Sa, 19. 7., 19 Uhr, Internationale Buchhandlung Horizonte, Bremer Straße 6, Hamburg
taz: Inwiefern?
Langarke: Wenn da jetzt schon zusammengekürzt wird, zum Beispiel beim Kulturpass, dann steckt da schon auch ein Weltbild hinter, wo man aufpassen muss, ob wir diesen ganzen Rechtsruck, den wir ja eh gesellschaftlich haben, nicht auch wieder in diese Kunst- und Kulturgeschichten reinkriegen. Dass uns gesagt wird, wie Kunst und Kultur zu verstehen ist. Also insofern halten wir es für hochaktuell. Dürfte anderen Kolleg*innen nicht anders gehen.
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