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Politiker und Bürger Mehr Vertrauen wagen

Gastkommentar von

Bastian Hermisson

Die Politik sollte nicht mit Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern arbeiten. Sondern auf Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein setzen.

J a, das ist hart: Die Wirtschaft in Deutschland stagniert, die gekannte Weltordnung löst sich auf, technologische Umbrüche verändern ganze Branchen, der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Das ist unsere Wirklichkeit – aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Deutschland verfügt weiterhin über eine große industrielle Basis, innovative Unternehmen, exzellente Forschungseinrichtungen und eine starke politische Mitte. Es fehlt uns nicht an Kapital, Wissen, Erfahrung, Ideenreichtum, um unsere Zukunft positiv zu gestalten.

Woran es mangelt, ist gelebtes Vertrauen der Politik in die Bürgerinnen und Bürger. Die aktuellen Reformdebatten machen das mehr als deutlich. Sie schwanken zwischen falschen Versprechen der Politik, dass „wir es schon für euch richten werden“, und platten Appellen des Ärmelhochkrempelns: Alle sollen sich jetzt endlich mal ordentlich anstrengen. Beides entmündigt.

Bastian Hermisson

leitet seit Januar 2023 den Bereich Inland der Heinrich-Böll-Stiftung. Von 2015 bis 2022 war er Bürochef der Stiftung in Washington.

Wir sind längst eine Republik engagierter Bürgerinnen und Bürger, in dem die Menschen täglich Verantwortung für sich und füreinander übernehmen – in Unternehmen, Schulen, Krankenhäusern, Verwaltungen, Vereinen, Familien. Diese brauchen keine Belehrung durch Politikerinnen und Politiker, sondern einen funktionierenden Staat, der den Menschen keine Steine in den Weg legt. Sondern der ermöglicht, sich selbstständig für die eigene Zukunft und das Gemeinwohl einzubringen. Wir sind ein Land, in dem die meisten Menschen davon überzeugt sind, dass wir vieles verändern müssen, und die bereit sind, dazu beizutragen, solange es dabei halbwegs fair zugeht.

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„Bürger sind Erwachsene und haben einen Anspruch darauf, als solche behandelt zu werden“, sagte schon der Philosoph Jürgen Habermas. Wenn die Politik den Bürgerinnen und Bürgern wieder mehr Vertrauen entgegenbringt, kann umgekehrt auch wieder mehr Vertrauen in demokratische Politik wachsen. Das ist die wichtigste Grundlage für Fortschritt und neue Zuversicht – und damit für die so dringend notwendige Wehrhaftigkeit unserer liberalen Demokratie.

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6 Kommentare

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  • Der entscheidende Punkt ist Vertrauen, aber nicht als schöne politische Vokabel, sondern als praktische Haltung. Viele Menschen übernehmen längst Verantwortung. In Familien, Betrieben, Pflege, Ehrenamt, Schulen und Nachbarschaften. Das Problem ist nicht fehlende Bereitschaft, sondern oft ein Staat, der Engagement komplizierter macht, als es sein müsste. Vertrauen heißt deshalb nicht: Der Staat zieht sich zurück und jeder sieht selbst zu. Vertrauen heißt: weniger Misstrauen in Verfahren, mehr Verlässlichkeit in Strukturen und faire Bedingungen für diejenigen, die tatsächlich etwas tragen.

    Gerade in Krisenzeiten braucht Politik nicht noch mehr pädagogischen Ton. Sie braucht den Mut, Bürgerinnen und Bürger nicht als Risiko zu behandeln, sondern als Teil der Lösung.

  • taz: *Woran es mangelt, ist gelebtes Vertrauen der Politik in die Bürgerinnen und Bürger.*

    Warum soll der Souverän sich denn bei seinen Volksvertretern "lieb Kind" machen? Es ist doch wohl eher so: Wenn die Bürger noch Vertrauen in die Politik hätten, dann würde es nicht so viele Nichtwähler und rechte Wähler in Deutschland geben.

    Die unchristliche CDU/CSU und die unsoziale SPD existiert doch auch nur noch, weil viele alte Leute sie immer noch wählen - aber das wird die Zeit schon regeln. Was die jungen Bürger brauchen sind zukunftsorientierte und intelligente Politiker, aber keine Politiker die im Gestern leben und weiterhin nur Politik für die Reichen und Mächtigen machen.

    Wir haben aber nur noch Lobbyisten und Machtmenschen als "Politiker". Und seit einigen Jahren haben wir sogar schon Leute die eine 'uralte braune Soße' wieder aufwärmen wollen. Wir brauchen aber echte Volksvertreter, die ein neues Wirtschaftssystem auf die Füße stellen, was nicht Mensch und Natur ausbeutet und das Wetter immer mehr zu einer Dampfsauna macht.

    Solange das Damoklesschwert AfD über unseren Köpfen schwebt, kann man aber sogar über einen "Kanzler" Merz schon froh sein – so traurig das auch ist.

  • Ihr habt "Chatkontrolle" und "Informationsfreiheitsgesetz" vergessen, beides jetzt eher gegen Bürger gerichtet als für uns.



    Gerade wird die Chatkontrolle mit unlauteren Mitteln kurz vor der Sommerpause durchgeboxt... Als gäbe es uns gar nicht. Alleine das zeigt doch wie bürgerverachtend unsere Lobbypolitik ist.

  • Tja, da fehlt es einfach an der Klasse und der Kompetenz bei den regierenden Politikern. So wird das wohl nix werden. Schade eigentlich, wenn die Volksvertreter die staatliche Lebensgrundlage selbst zerstören.