Physische Digitalkunst in Berlin: Unheimliche Utopien
Der Gothaer Künstler Konrad Hanke übersetzt gebrochene (West-)Werbeversprechen in digitale Illusionen. Heraus kommen moderne Trompe l'oeil-Varianten.
Beim Betreten der Ausstellungsräume der Galerie Kai Erdmann in Berlin-Halensee fühlt man sich erst einmal wie in einer etwas zu groß geratenen und unfertigen Umgebungssimulation eines 3D-Programms. Graue, unmöglich verformte Gullydeckel liegen auf dem ebenfalls grauen Boden der Galerie, in demselben matten Grau steht da ein leeres Billboard gegen die weiße Wand gelehnt.
In Grau gehalten sind auch die scheinbar aus sprödem Holz gefertigten Bilderrahmen an den Wänden, die ausnahmslos magentafarbene Drucke fassen. Im nächsten Raum wieder Holzoptik, diesmal in Form eines Lattenzauns, darauf ein gerahmtes Plakat. Es zeigt den Schriftzug „Mellow Fields“ auf einem Spruchband über einem leeren Meer. Und natürlich: Das Holz ist Mausgrau. Der Druck Telekom-Magenta.
Der Künstler Konrad Hanke hat das alles erschaffen. Die nahezu perfekte Illusion der Gegenstände und ihre Faktur sind frappierend. Wüsste man nicht, dass all diese Gegenstände abgeformt sind, würde man ihre Beschaffenheit nur durch einen Blick hinter die angelehnte Zaunlatte entdecken. Gedanken über Walter Benjamin und den Verlust der Aura werden verworfen, passender erscheint der Begriff des Uncanny Valley, der das Unbehagen benennt, das einen überfällt, wenn Simulationen – eigentlich des Menschen – der Wirklichkeit 'unheimlich’ nahekommen.
Konrad Hanke. „Fun witout Suspicion“. Galerie Kai Erdmann, Berlin, bis 9. Mai 2026
Der mit mattem Spritzspachtel beschichtete Epoxidharz ersetzt die eigentliche Materialität so vollkommen, dass die abblätternde Lackierung am verrottenden Holz spürbar wird, ohne dass sie vorhanden ist. Oder berührbar. „Was ja auch im Kunstkontext meistens nicht gewollt und deswegen nicht möglich ist“, wie Hanke später treffend über Kaffee in den Ausstellungsräumen ergänzt. „Die Illusion der Malerei wird heute im digitalen Bereich angewendet.“
Hanke, 1987 in Gotha geboren, interessiert sich für die digitale Generierung von Realität. Programmierfehler und ihre Kennzeichnung in diesem digitalen generativen Raum überträgt er in unsere gegenwärtige, alltägliche Umgebung und berührt damit gesellschaftspolitische und philosophische Fragen.
Farbe signalisiert Verlust
Die auffällige, auf zwei Farben reduzierte Gestaltung der Ausstellung beruht zum einen auf einem Grau, in dem Figuren im 3D-Programm erscheinen, deren Form bereits bestimmt ist, denen aber noch keine Oberflächentextur durch eine Bilddatei zugewiesen wurde. Das Magenta wiederum signalisiert, dass die bereits zugewiesene Verknüpfung mit einem Bild verloren gegangen ist. Die Farbe von Hankes Prints weist also auf einen Verlust und eine fehlerhafte Abwesenheit hin.
Aber was fehlt hier? Im Print auf dem Lattenzaun wird die empfundene Leerstelle unter dem Spruchband durch eine Aufhellung betont, die auf einen Glitch, einen bewusst eingesetzten Programmierfehler zurückgeht: ein bedeutungsvoller Lichtstrahl, der ins Nichts weist. Wer Terry Gilliams kafkaeske Retro-Dystopie „Brazil“ gesehen hat, weiß, dass auf diesem Plakat ein Kreuzfahrtschiff sein müsste auf dem Weg ins Versprechen. Hanke hat es schlicht wegretuschiert.
Nach Textfragmenten des Films sind auch die verschiedenen Werke der Ausstellung benannt. Darunter: „Luxury without fear“ und „Fun without suspicion“. Es handelt sich bei Plakat und Billboard – so die Suggestion – um Werbeflächen, deren Versprechen entfernt wurden, weil sie nicht eingelöst werden konnten.
Die unheimliche Utopie findet sich auch in zwei weiteren Werken. Dort erscheint die anderenorts erwartete Insel, das Gelobte Land, in Form von Karten, die das Utopia des Renaissance-Autors und Humanisten Thomas Morus veranschaulichen, wie er es 1516 in seinem Buch entwarf.
Realität hinterließ Leere
Ist es das, was uns fehlt: Utopien? Frage an den Künstler. Hanke erzählt von seiner Jugend in der Post-DDR. „Jeder versprach sich vom Westen etwas Eigenes. Die Realität hat teilweise Leere, auch in Form verwaister Industriestätten hinterlassen.“ Das Billboard mit Plakatresten hat er in der Nähe seines Elternhauses gesehen. Die Gullydeckel sind auch DDR-Ware.
Man spricht über die Vorstellung des fortschrittlichen Westens, der angesichts der Ungleichheit, der Ausbeutung von Natur und Menschen sowie dem Wohlstand auf Basis ehemals billigen Öls nun endgültig als Illusion entlarvt ist. Die Leere anstelle einer Vision (deretwegen uns ein ehemaliger Kanzler zum Arzt geschickt hätte) – einer Vision darüber, wie wir leben wollen, und nicht nur Ideen darüber, wie wir es nicht wollen – ist unübersehbar.
Brauchen wir eine neue Utopie? „Wenn Utopien realisiert werden sollen, schlagen sie in restriktive totalitäre Systeme um“, sagt Hanke. Man einigt sich darauf: Es braucht ein positives Zukunftsszenario, nicht um es mit aller Macht durchzusetzen, aber um uns auf den richtigen Weg zu begeben. Und dann trinkt man noch einen großen Schluck Kaffee.
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