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Nachruf auf Timm UlrichsDer Löwe schläft heute Nacht

Die radikale Totalkunst Timm Ulrichs' machte auch vor dem Gebrauch des eigenen Körpers nicht halt. Nun ist der Konzeptkünstler mit 86 Jahren verstorben

Timm Ulrichs bei einer Party der Editionen Unternehmung Works on Skin Foto: Galya Feierman

Einer der ganz großen, vielleicht der größte deutsche Nachkriegskünstler – jedenfalls würde er das selbst so sehen –, hat die Bühne verlassen. Ein filmreifes Leben, der Lebensfilm von Timm Ulrichs ist zu Ende, der letzte Vorhang ist gefallen, das rechte Augenlid mit dem Tattoo „THE END“ ist für immer geschlossen. 1970 hatte es sich der angehende Totalkünstler von der damals zur Halbwelt rechnenden Frankfurter Tätowiererlegende Sammy Streckenbach in einer schmerzhaften Prozedur stechen lassen, um damit zu dokumentieren, dass er sein gesamtes Leben als filmisches Kunstwerk begreift, das um das Sehen und Gesehenwerden kreist.

Damit endet eine nicht typische, aber exemplarische bundesrepublikanische Biografie, die in den Kriegswirren begann: Geboren 1940 in Bremen, evakuiert nach Prenzlau, zurückgeflohen ins Oldenburger Land, wo Timm in Arbeiterklasseverhältnissen aufwuchs: Seine künstlerische Karriere war ihm keineswegs an der Wiege gesungen. Um seine Ausbildung zum Bauzeichner und das Studium zu finanzieren, jobbte er als Eisverkäufer. Aber seine Liebe zur Popkultur, zur amerikanischen Beatmusik und zum Schlager waren ein guter innerer Kompass: Er wollte mitspielen auf der großen Bühne, mitmischen, ein Star sein, überholen ohne einzuholen.

Vom Tellerwäscher zum Totalkünstler: dabei halfen seine Straßenköter-Chuzpe, seine Respektlosigkeit vor Autoritäten, seine instinktive, aber gut begründete Verachtung für alles Snobistische, Hochtrabende und Verblasene. Seine künstlerische Wahrheit war immer konkret, weshalb besonders auch die Sprache und die konkrete Poesie sein Medium waren, die er bis zu in Beton gegossenen Buchstaben trieb: konkreter wird’s nicht. Gepaart wurde das mit einem soliden Humor, Originalität und einer enzyklopädischen Klugheit, die jeder, der ihn kannte, anzapfen konnte. Man musste aber viel Zeit mitbringen.

Ein todesverachtendes Leben

Sein Bestreben, das eigene Leben zum Film und sich selbst zum Kunstwerk zu machen – 1961 erklärt, 1969 in der Frankfurter Patio Galerie in einer dreitägigen Selbstausstellung im Glaskasten ins Werk gesetzt –, umfasste den Einsatz des eigenen Körpers in einer Weise, die nicht anders als todesverachtend zu nennen ist. Eigentlich war der Tod ein ständiger Begleiter im Werk von Timm Ulrichs: Ob er sich 1987 für 24 Stunden zwischen die beiden Hälften eines Findling legte, in den zuvor seine Körperform eingefräst war, ob er sich 1992 in Kassel auf dem Künstlerfriedhof selbst kopfüber beerdigt oder sich 1977 zum menschlichen Blitzableiter macht, indem er – das Bild hat sich mir am stärksten eingeprägt – bei einem Gewitter nackt, mit einer langen Metallstange auf den Rücken geschnallt, über ein Feld bei Münster läuft. Hätte schiefgehen können. Hat geklappt.

Das erste Mal trat Timm Ulrichs in mein Leben im August 1990, als er in der Galerie meiner Mutter Inge Friebe in Lüdenscheid eine Ausstellung aufbaute. Er kam auf den letzten Drücker mit einem Lieferwagen aus Münster, vollgepackt mit Arbeiten und Materialien. Ob man spontan die Galerie mit Sand ausschütten könne? Er wolle die Mondoberfläche real nachbauen. Dann ließ er sich doch auf den Kompromiss ein, es im Garten zu tun.

Ebenfalls Teil der Ausstellung waren Abgüsse seiner Kopfform in Beton, die zum „Kopfsteinpflaster“ wurden, sie sind heute noch im Garten der Städtischen Galerie Lüdenscheid zu besichtigen. Mitgebracht hatte er seine Studenten, die zeitgleich in der Städtischen Galerie ausstellten, darunter auch Ursula Neugebauer, die später seine Frau werden sollte.

Die Begegnung hat mein Bild dessen, was ein Künstler ist, nachhaltig geprägt, damals noch nicht wissend, dass Timm anders ist als alle anderen Künstler, aber eine große Inspiration für viele war. Timm hat keine Schule hinterlassen, aber mit vielen seiner ehemaligen Studenten, die heute oft in ganz anderen Feldern arbeiten, blieb er in so enger Verbindung, das man neben Mentorschaft fast von Liebe sprechen könnte.

Neo-Dada und Konzept-Pop

Mit anderen Künstlern, ausgenommen den Pop-Art-Erfinder Richard Hamilton und den Dadaisten Raoul Hausmann, mit denen er bis zu deren Tode in engem Austausch war, verband ihn eher so etwas wie „tough love“: Er nahm kein Blatt vor den Mund und legte sich mit allen an, gern auch mit Galeristen, was erklärt, warum seine künstlerische und kommerzielle Karriere sich bis heute eher im Mittelfeld bewegt und er international so etwas wie der bekannteste Unbekannte, ein „Artist’s artist“, blieb.

Überliefert der Satz von ihm zum Tod von Joseph Beuys, den er nun wirklich nicht ausstehen konnte: „Beuys tot, ich eins rauf!“ Unwahrscheinlich, dass jemand so etwas heute über Timm sagen würde. Spät, aber doch wurde er dann 2020 immerhin mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung in der Berliner Akademie der Künste soll er sich mit einem anwesenden Künstler angelegt haben.

Unter Kunststudenten, das berichtete sein Schüler Frederik Foert, gab es den Running Gag, immer, wenn jemand eine originelle künstlerische Idee ausbreitet, zu kommentieren: Das hat Timm Ulrichs längst gemacht. In den meisten Fällen stimmte es. Es bleibt zu hoffen, dass die Kunstgeschichte irgendwann, wenn sich der durch Überkommerzialisierung aufgewirbelte Staub um die One-Trick-Ponys des Kunstmarkts gelegt haben wird, ein angemessenes Plätzchen ganz oben im internationalen Olymp für ihn finden wird.

Timm legte, ganz dem Zeitgeist der 1970er und seiner proletarischen Herkunft geschuldet, immer großes Augenmerk und Sorgfalt auf die Auflagenkunst und brachte demokratisch bepreiste Editionen unters Volk. Eine signierte Postkarte mit seinem Gassenhauer „Ich kann keine Kunst mehr sehen“, mit dem er, als Blinder verkleidet, 1975 den Kölner Kunstmarkt aufmischte und der eine Rampe für den Hype um die deutsche Nachkriegskunst baute, war bei seinem Herausgeber Peter Fabian bis vor Kurzem noch für 10 Euro zu haben.

Editionen und Demokratie

Das demokratische Element gepaart mit seiner Pionierarbeit, die proletarisch-subproletarische Kunstform des Tattoos in der Gegenwartskunst zu etablieren, standen am Anfang unserer Idee für mein Editions-Start-up „Works on skin“, für das ich Timm Ulrichs 2024 als ersten Künstler anfragte. So intensivierte sich unsere lose Freundschaft. Timms Motiv besteht aus 110 seiner markanten Unterschriften und ermöglicht jeden Träger, sich zu einem einzigartigen Multiple von Timm Ulrichs zu machen: also sein eigenes Leben als Kunstwerk zu begreifen – wenn auch vielleicht nicht so radikal, wie der Meister es vorgelebt hat.

Viele seiner Auflagenwerke sind gerade in der Ausstellung „German Pop Art“ in der Oberhausener Galerie Ludwig zu sehen. Timm war Inhaber einer schwarzen Bahncard und jettete bis vor wenigen Wochen unermüdlich durch die Republik, um Ausstellungen aufzubauen und seinen Nachlass zu organisieren. Wir planten, dass ich ihn für ein Radiogespräch dabei begleite, aber daraus wird nun nichts mehr.

Wenn ein alter Mensch stirbt, heißt es, ist es, als wenn eine Bibliothek abbrennt. Im Fall von Timm Ulrichs ist es so, als wenn eine Bibliothek mit einer Jukebox abbrennt. Auf vielen unserer Partys hat er in den vergangenen zwei Jahren als DJ reüssiert und dafür eigens eine Auswahl seiner 1960er Jahre Singles aus Hannover nach Berlin geholt. „In the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight“ von den Tokens ist mir noch im Ohr. Jetzt ist der Löwe gestorben, und der Jungle da draußen geht weiter.

Unsere letzte Begegnung war bei der Finissage von seiner und Ursula Neugebauers kleiner Schau unter dem prophetischen Titel „Das Zeitliche segnen“ Ende Februar in meinem Offspace in der Britzer Hufeisensiedlung. Aufgeweckt und luzide berichtete Timm stundenlang von seiner Jugend, seiner Liebe zur Beatmusik und davon, wie er sich einen Tag lang in Frankfurt von einem Privatdetektiv beschatten ließ. So werden wir ihn, die wir von ihm geprägt wurden und vieles über die Kunst und das Leben von ihm gelernt haben, in Erinnerung behalten. Niemand hätte da geahnt, dass er so bald das Zeitliche segnen würde. Gestern ist Timm Ulrichs im Alter von 86 Jahren gestorben.

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