Ausstellung „Queere Kunst in der DDR“: Sie gehörten zur Familie
Doch es gab sie: „Queere Kunst in der DDR“. Eine Berliner Ausstellung füllt Lücken in der Kunstgeschichte und erzählt von filmreifen Lebenswegen.
Jürgen Wittdorf muss man sich als charmanten Menschen vorstellen. Eines Tages, es muss 15 Jahre her sein, sagte er „Hallo, sind Sie nicht …?“ und bezog sich auf ein Portfolio seiner Arbeiten in dem schwulen Magazin, das ich seinerzeit verantwortete. Wittdorf verwickelte fortan meinen Mann und mich gern in eine Plauderei, wenn er uns samstags in einer queeren Gastwirtschaft am Boxhagener Platz, einem beliebt-belebten Ort in Berlin-Friedrichshain, sitzen sah. Wittdorf wohnte ums Eck, wir auch. Am Ende stellte sich heraus, dass der Schnauzbartträger (wilhelminischen Ausmaßes) Akquise betrieb: „Könnte ihr junger Mann nicht mal Modell für mich stehen?“
In Berlin sind derzeit Bilder von Wittdorf im Rahmen der famosen Ausstellung „Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda“ zu sehen. Neun Künstler:innen stehen mit ihren „oft widersprüchlichen, teils filmreifen Lebenswegen“ ebenso wie ihre künstlerischen Arbeiten im Fokus: Gemälde, Fotografien, Grafiken, Skulpturen, Keramiken und Installationen.
Jürgen Wittdorf (Jahrgang 1932) hätte diese späte Würdigung seines Schaffens hocherfreut; er ist 2018 verstorben. In seinen letzten Lebensjahren war er weithin unbekannt, eine Zweiraumwohnung war ihm als Ausstellungsfläche geblieben. Dort drängten sich seine Bilder dicht an dicht (so wie sie jetzt auch zum Teil in der Ausstellung hängen). Er verschenkte seine Arbeiten gern oder verkaufte sie, um seine schmale Rente aufzubessern. Seine größte Angst war, dass alles „auf dem Sperrmüll landet, wenn ich mal tot bin“, hatte er mal erzählt. Nun, es kam anders, sein künstlerisches Œuvre wurde gerettet. Eine wundersame Wiederentdeckung.
Auf vier Standorte verteilt
Mit der auf vier Standorte verteilten Ausstellung richtet Stephan Koal die Aufmerksamkeit auf ein bislang unzureichend erforschtes Kapitel der deutschen Kunst- und Zeitgeschichte. „Im Zentrum stehen künstlerische Positionen“, wie der Kurator im Katalogvorwort schreibt, „die sich unter den gesellschaftlichen, ideologischen und politischen Bedingungen des sozialistischen Staates entwickelten. Sexualität und künstlerisches Schaffen stehen dabei in ganz unterschiedlichen, teils offenen, teils verdeckten Zusammenhängen.“
„Queere Kunst in der DDR“: KVOST, nGbK, Mitte Museum, Werkbundarchiv, Berlin, bis 28. Juni; im Oktober in Leipzig in der Galerie im neuen Augusteum zu sehen. Katalog (Distanz): 38,00 Euro
Dorothea von Philipsborn zum Beispiel, Jahrgang 1894, gehört einer Generation an, die gelernt hatte, den Mund zu halten. Sexualität war Privatsache, ja, musste es sein, und war eine Frage des Überlebens. In den 1920er Jahren erhielt sie erste Aufträge für Skulpturen und konnte nach 1945 ihre Karriere in der DDR fortsetzen, ihren Lebensunterhalt und den ihrer Gefährtinnen sichern.
Ihre Skulpturen porträtieren starke Frauen bei der Arbeit („Wäscherin“, 1957) oder in der Freizeit: „Ein junges Mädchen unserer Zeit (Die Kesse)“ strotzt vor Selbstbewusstsein. Im Kunstverein Ost steht die „kesse“ Skulptur von 1964 in Sichtachse zu einem für Jürgen Wittdorf ungewohnt bunten Aquarell, das während einer Reise in die Sowjetunion 1962 entstand, eine Strandszene mit jungen Männern und einer Frau, die farblich und figürlich hervorsticht.
Im direkten Vergleich ist zu erkennen: Wittdorf konnte Jungs besser zeichnen, so wie Dorothea von Philipsborn ein Faible für Frauenkörper hatte, ihre weiblichen Akte und gleichgeschlechtlichen Paare, die sich körperlich nah sind, zeugen davon.
„Mit streng zurückgekämmtem Haar, Brille und ernsthaftem Gesichtsausdruck setzt sie in ihrer Selbstinszenierung auf ‚maskuline‘ Posen – wie viele Künstlerinnen ihrer Generation“, schreibt Birgit Bosold im Katalog. „Was zumeist ausschließlich als Akt weiblicher Selbstbehauptung in einer männlich dominierten Kunstwelt (miss-)verstanden wird, kann aber auch als queere Positionierung gelesen werden, ist doch die Figur der z‚männlichen Frau‘ einer der wirkmächtigsten Marker weiblich-queeren Begehrens.“
Wittdorfs Holzdruck „Unter der Dusche“ zeigt sieben durchtrainierte Körper nackt und ganz unverfänglich, keine Berührungen, geschweige denn Blickkontakte. Alles hängt wie immer davon ab, wer schaut und wie das – nun ja: sexy – Bild gelesen wird. So gesehen, hat es queere (oder wie es im Zeitkontext jener Jahre heißen müsste: schwul-lesbische) Kunst in der DDR gegeben. Natürlich. Nur eben geheim, verborgen, codiert.
Politisch und gesellschaftlich stigmatisiert
Obwohl in der DDR (anderes als in der BRD) Homosexualität nach und nach entkriminalisiert wurde – das lässt sich in einem die Ausstellung begleitenden Zeitstrahl nachlesen –, blieb sie politisch und gesellschaftlich stark stigmatisiert.
Jürgen Wittdorf übrigens hätte mit dem Label queer sicher nicht viel anfangen können. Noch zu Lebzeiten benutzte er selbst das Wort schwul nur ungern. Wenn er wissen wollte, ob jemand auch auf Männer steht, fragte er lieber: Gehörst du zur Familie?
Zur Familie gehört auch Andreas Fux (1964 geboren), der weder mit dem Begriff schwul oder mit dem Wort queer ein Problem haben dürfte. Der Berliner Fotograf hat sich nach der Wende einen Namen gemacht mit Serien wie „Die süße Haut“ (1995–2005) über die Tattoo-, Branding- und Piercingszene, also Schmerz als Fetisch und Grenzüberschreitungen aller Art.
Und das ist eine Neuentdeckung: Seit 1983 zog Fux, „ein ursprünglich zum Elektromonteur ausgebildeter Fotograf“, wie es so schön im Katalog heißt, mit seiner Kamera durch Berlin. Wie ein Ethnologe. Seine Schwarzweißfotos zeigen einen Alltag in der Hauptstadt der DDR, der auch leicht (und nicht nur muffig oder ideologisch überformt) sein konnte.
Fux streifte durch die Subkultur und dokumentierte, was es im sozialistischen Staat eigentlich nicht geben sollte. Er fand Popper und Punks und – natürlich – hübsche Typen in kurzen Höschen. Hat betörende Porträts von jungen Männern fotografiert, bestes Gay Men Posing, und Akte. Verdienstvoll hat sich Kurator Stephan Koal zusammen mit Andreas Fux durch dessen Archiv gearbeitet. „Ordner für Ordner voller Kontaktabzüge“, sagt Koal. Aus 300 ausgewählten Fotos haben es rund 100 in die Ausstellung geschafft. Eigentlich viel zu wenig.
Ein Clou ist zudem mit der Wiederentdeckung des Œuvres von Jochen Hass (1917–2000) gelungen. Er arbeitete von Beginn an nicht nur figürlich, sondern abstrakt – das war Staat und Partei ein Dorn im Auge. Seit Anfang der 1950er entwickelt er seinen Stil im privaten Rahmen weiter, stellt bei sich zu Hause seine Bilder voller emotionaler Uneindeutigkeiten aus und verdiente seinen Unterhalt lange Jahre als Oberkonservator in der Denkmalpflege. Erst 1983 gab es eine erste Ausstellung seiner Bilder im Berlin Dom.
Männlich gelesener Habitus
Und mit Superlativen ist das so eine Sache. Aber Rita „Tommy“ Thomas (1932–2018) ist eine kleine Sensation. Keine Künstlerin an sich, doch ihre Fotos sind von hohem Wert, weil hier sichtbar wird, wie Freiräume gesucht und gefunden wurden. Tommy hat sich immer wieder selbst in Szene gesetzt – in männlich gelesenen Habitus. Mit Elvis-Tolle, mit Trenchcoat, auf dem Motorrad, meist in lässigen Posen und oft mit Hunden.
Denn Tommy arbeitete als Hundefriseurin und Tiertrainerin und stellte ihre Wohnung für Zusammenkünfte bereit, auch dort entstanden Fotos wie das vom sich küssenden Frauenpaar. Ein Fotoschatz aus ihrem Nachlass, vom Digitalen Deutschen Frauenarchiv übernommen, von enormer Wichtigkeit für die weitere Forschung über queeres Leben in der DDR.
Queer? Die Ausstellung „Queere Kunst in der DDR?“ trägt nicht nur ein Fragezeichen im Titel, sondern auch den vielsagenden Untertitel „Biografien zwischen Underground und Propaganda“. Das ist wohlüberlegt, sagt Stephan Koal im Gespräch mit der taz.
Die mitgelieferten Biografien – es gibt sie nicht nur im schönen Kaufkatalog, sondern auch als dünnen Sonderdruck zum kostenlosen Mitnehmen – „sollen sichtbar machen, in welchen persönlichen wie gesellschaftlichen Lebensumständen die Kunst entstanden“ ist. In der isolierten, individualisierten Nische (ganz ohne offizielle und höchstens private Ausstellungen) oder im vom Staat subventionierten Kunsthandel samt Ausstellungsbeteiligungen und gutem Auskommen.
Selbstbewusst und selbstverständlich queer ist Harry Hachmeister, Jahrgang 1979, bei Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. „Samstags im Park“ (2021) zeigt offen queeres Begehren, fürs „Family Portrait“ (2024) malte der Berliner eine queere Patchworkfamilie. Ins letzte Jahrzehnt der DDR hineingeboren, öffnen die Ausstellungsmacher mit Hachmeister das Konzept in die Gegenwart.
Eine gute Idee. Das ist keine rein historisierende Ausstellung, sie reicht weit über das Ende der DDR hinaus ins Hier und Heute, wo queerfeindliche Politik immer salonfähiger wird.
🏳️⚧️ SHANTAY. YOU PAY. 🏳️🌈
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