Peruaner im Ukrainekrieg: Als Kanonenfutter nach Russland geködert
Russland lockt Peruaner mit falschen Jobangeboten in den Ukrainekrieg. Viele werden vermisst, ihre Familien haben kaum Chancen, sie zu finden.
Screenshot: Hildegard Willer/privat
„Mama, morgen fliege ich nach Russland, ich werde als Koch in der russischen Armee arbeiten.“ Norma Paredes erschrak, als ihr Sohn Andrés, 31 Jahre, sie vor vollendete Tatsachen stellte. Auch wenn man in peruanischen Medien so gut wie nie über den Krieg in der fernen Ukraine hört, so befürchtete sie doch Schlimmes. Anders als ihr Sohn Andrés.
20.000 US-Dollar Anwerbebonus und nachher 2.500 Dollar Monatslohn hatten ihm die Kolumbianer versprochen, die ihn im Internet angeworben hatten. In Windeseile besorgten sie Pass und Flugticket für ihn.
Schon am Tag darauf, den 2. Februar, flog Andrés über Paris und Istanbul nach Russland. Das nächste Mal meldete er sich aus der Stadt Ufa bei seiner Mutter. Er würde hier ausgebildet und hätte einen Vertrag unterschrieben, obwohl er kein Russisch lesen konnte. Nach wenigen Wochen wurde er an die Front geschickt. Zuerst in der dritten Linie, wo er zwar die Drohnen fliegen hörte, aber keine Toten zu Gesicht bekam. „Mein Sohn wusste, dass er an die Front musste. Und dabei hat er nie eine Waffe in der Hand gehabt“, so seine Mutter Norma. „Er wollte erst mal etwas Geld verdienen und dann nach Polen abhauen.“
Am 9. April dann ein Anruf ihres Sohnes. Er sei nun ohne Internet. Seitdem hat Norma Paredes nichts mehr von Andrés gehört.
Offiziell hat Russland 456 Peruaner angeworben
Dafür meldete sich wenige Wochen später Juan, ein Kamerad ihres Sohnes, der nach einer Verletzung entkommen konnte. Über ihn erfuhr sie, dass Andrés nicht der einzige Peruaner war, der mit einem falschen Jobangebot nach Russland gelockt wurde. Über Aufrufe in den peruanischen Medien lernten sie die Angehörigen weiterer Russland-Soldaten kennen, schlossen sich zusammen.
Seit April demonstriert das neu gegründete Komitee der Familienangehörigen regelmäßig vor der russischen Botschaft in Lima und fordert Auskunft zum Verbleib ihrer Söhne, Brüder und Ehemänner. Mit wenig Erfolg. Man respektiere zutiefst die freiwillige Entscheidung peruanischer Staatsbürger, für Russland zu kämpfen, heißt es in einem Kommuniqué der russischen Botschaft.
Das peruanische Außenministerium spricht von 456 Peruanern, die von Russland angeworben wurden. Percy Salinas schätzt, dass die Zahl eher gegen 1.000 gehe. Salinas, eigentlich Wirtschaftsanwalt, war von einer ehemaligen Schulfreundin angerufen worden. Zwei Verwandte von ihr, ein Wachmann und ein Busfahrer, seien in Russland angeheuert worden, seitdem habe sie nichts mehr gehört.
Heute berät Percy Salinas das Komitee der Familienangehörigen der nach Russland gelockten Peruaner. Für ihn ist klar, dass kriminelle Strukturen hinter dem Anwerbegeschäft stecken. „Sonst wäre es gar nicht möglich, innerhalb weniger Tage einen peruanischen Pass zu bekommen.“
Betrogene und Zwangsrekrutierte aus vielen Ländern
Die Anwerber machten sich die finanzielle Not vieler Peruaner zu Nutze. „Unser Mindestlohn liegt bei 300 Euro im Monat. Da sind 2.500 Euro Monatslohn und ein Bonus von 20.000 ein Vermögen“.
Ein guter Teil der Rekrutierten kommt aus Gegenden Perus, wo die Armut groß und der Zugang zu Information niedrig ist. Auch wenn viele Angeworbene ehemalige Soldaten oder Wachleute seien, so haben sie doch keine Ahnung, auf welche Art von Krieg sie sich einlassen, sagt Salinas. Einmal in Russland, würden die Peruaner gezwungen, einen russischen Vertrag zu unterzeichnen, ihren Pass abzugeben und ihre Bankkarte zu verlinken, auf die sie ihren Sold bezahlt bekommen. Jede Überweisung zurück nach Peru lassen sich die Vermittler teuer bezahlen, sodass vom versprochenen Geld oft nur wenig bei den Angehörigen ankommt.
Amnesty International hat in einem jüngsten Briefing diese Zwangsrekrutierungen für die russische Armee als Menschenhandel angeprangert. In ukrainischen Militärgefängnissen haben die Rechercheure von Amnesty International Soldaten aus vielen Ländern des Globalen Südens angehört: Aus Kuba, Kongo, Somalia, Kolumbien und viele mehr. Amnesty fordert die Ukraine auf, die zwangsrekrutierten Ausländer in ihre Heimat zurückzuschicken.
Nach Hause wollen auch die in russischen Reihen kämpfenden Peruaner. Aber „es ist praktisch unmöglich, unsere Landsleute, die in Russland bereits einen Vertrag unterschrieben haben, freizubekommen“, so eine Quelle des peruanischen Außenministeriums. So sei es peruanischen Konsularbeamten nicht erlaubt, Landsleute zu besuchen oder konsularisch zu betreuen, die als Kriegsverletzte in Lazaretten oder Sanatorien liegen.
Das letzte Foto, die Ungewissheit und die Hoffnung
Lediglich 32 Peruaner konnten bislang mithilfe der Botschaft die Heimreise antreten. Einige, weil sie noch keinen Vertrag unterschrieben hatten, andere, denen die Flucht gelungen war und die in der Botschaft Zuflucht suchten. Offiziell sind 20 Peruaner gefallen, 147 gelten als vermisst und liegen vielleicht in einer Leichenhalle. Doch ohne DNA zum Abgleich können sie nicht identifiziert und keine Sterbeurkunden ausgestellt werden. Und ohne Sterbeurkunde keine Entschädigung an die Angehörigen.
Norma Paredes kämpft seit 6 Monaten dafür, die Sache ihres Sohnes und der anderen zwangsrekrutierten Peruaner in die Öffentlichkeit zu bringen. In Deutschland hat sich die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt ihrer Sache angenommen. Inzwischen warnt das peruanische Außenministerium mit Plakaten und Zeitungsanzeigen die Männer davor, sich von den falschen Angeboten nach Russland locken zu lassen.
In ihrem Tante-Emma-Laden in San Juan de Lurigancho, einem der ärmeren Viertel Limas, schaut Norma Paredes auf das letzte Foto, das ihr Sohn Andres geschickt hat. Eine braune Plakette mit einer eingravierten Nummer, daneben ein Kreuz der orthodoxen Kirche.
Ein von ihr beauftragter privater Ermittler in Russland habe herausgefunden, dass ihr toter Sohn in einem Leichenschauhaus in Rostov liege. Um ihn zu identifizieren, fordern die russischen Behörden einen kostspieligen DNA-Abgleich.
Am liebsten würde Norma Paredes nach Russland reisen und ihren Sohn suchen. Denn solange sie nicht sicher weiß, dass er tot ist, wird sie die Hoffnung auf seinen Anruf, sein „Hallo Mama“, nicht aufgegeben.
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