Palästinensischer Arzt in Haft: Sorge um Hussam Abu Safiya
Seit eineinhalb Jahre hält Israel den Klinikchef aus Gaza ohne Anklage fest. Menschenrechtler fürchten um sein Leben. Israel wirft ihm Hamas-Nähe vor.
Die Szene, wie sich Hussam Abu Safiya den Panzern näherte, die sein Krankenhaus wochenlang belagerten, zählt zu den ikonischen Bildern des Gazakriegs. Ein einzelner Mann im weißen Arztkittel, der inmitten einer apokalyptischen Trümmerlandschaft auf zwei Panzer zuläuft, dieses Bild fing Ende 2024 den Schrecken und die Asymmetrie dieses Krieges wie ein Gemälde ein.
Eineinhalb Jahre ist das nun her, jetzt schlagen Menschenrechtler erneut Alarm. Denn seit diesem Tag ist der Kinderarzt und einstige Klinikchef in Haft, ohne Anklage oder ein Gerichtsverfahren. Die israelische Organisation Ärzte für Menschenrechte warnt, Abu Safiyas Gesundheitszustand habe sich während der Haft drastisch verschlechtert: Er soll in Lebensgefahr schweben. Sein Anwalt Nasser Odeh habe ihn am 2. Juli im Nitzan-Gefängnis in der Nähe von Tel Aviv in einer unterirdischen Haftanlage besucht. Abu Safiya habe schwere Kopfverletzungen erlitten, sei extrem geschwächt, zeitweise kaum ansprechbar gewesen und habe Atembeschwerden gezeigt, erklärte der Anwalt.
Abu Safiya selbst habe laut seinem Anwalt von schweren Misshandlungen während der Haft berichtet, darunter Schläge und wiederholter Gewalt in Einzelhaft sowie fehlender medizinischer Versorgung. Der Arzt habe auch große Angst um sein Leben geäußert. Die israelischen Ärzte für Menschenrechte fordern deshalb eine unabhängige medizinische Untersuchung, seine Verlegung und Freilassung. Die israelische Gefängnisbehörde lehnt das jedoch ab und weist alle Vorwürfe entschieden zurück: Alle Gefangenen würden in Einklang mit dem Gesetz festgehalten und erhielten eine professionelle medizinische Versorgung, heißt es.
Mindestens 98 Tote in israelischer Haft
Erst im vergangenen Monat hatte Israels Oberstes Gericht in Jerusalem einen Antrag Abu Safiyas auf Haftentlassung zurückgewiesen. Es entschied, dass die israelische Armee ihn nach dem Gesetz über „unrechtmäßige Kombattanten“ weiterhin ohne Anklage festhalten dürfe. Wie die Times of Israel berichtete, wird Abu Safiya vorgeworfen, er habe in einem Sanitätsdienst der Hamas gedient. Außerdem soll die Hamas sein Krankenhaus für ihre Zwecke genutzt haben, so die israelische Armee. Während der Verhandlungen war der mit Handschellen gefesselte Arzt auf Videoaufnahmen zu sehen, er wirkte darauf blass und eingefallen.
Nach Abu Safiyas Verschleppung im Dezember 2024 war sein Verbleib erst einmal ungewiss gewesen. Später teilte die Armee mit, er werde nach möglichen Verbindungen zu Hamas befragt. Als das israelische Militär am 27. Dezember 2024 das Kamal-Adwan-Krankenhaus stürmte, bis dahin das größte Krankenhaus im Norden von Gaza, nahm sie neben Abu Safiya weitere 240 Menschen mit. Nach Angaben seiner Verteidiger war er nach seiner Festnahme zunächst in das berüchtigte Militärlager Sde Teiman gebracht und dort schwer misshandelt worden.
Abu Safiya hatte sich den Ärger der israelischen Armee zugezogen, weil er sich mehrfach geweigert hatte, sein Krankenhaus zu verlassen, als es belagert wurde. Als Israel am 5. Oktober 2024 eine komplette Blockade über den nördlichen Gazastreifen verhängte und die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Strom kappte, gab er ausländischen Medien, darunter CNN, per Telefon Auskunft über die Lage dort. Ende Oktober 2024 stürmte das israelische Militär schon einmal das Krankenhaus und tötete dabei seinen Sohn Ibrahim. Abu Safiya ließ ihn im Innenhof des Krankenhauses begraben.
Folter und systematische Misshandlung
Insgesamt hat die israelische Armee im Laufe ihres Vormarschs im Gazastreifen Hunderte Ärzte und Pflegekräfte festgenommen. Menschenrechtsorganisationen wie Physicians for Human Rights und die Vereinten Nationen prangern immer wieder systematische Misshandlungen, Folter und medizinische Vernachlässigung in israelischen Gefängnissen an. Israels rechtsextremer Polizeiminister Itamar Ben-Gvir brüstet sich zudem stolz damit, auf sein Betreiben seien die Haftbedingungen für palästinensische Gefangene deutlich verschlechtert worden.
Seit Beginn des Kriegs in Gaza, den die Vereinten Nationen und die meisten Menschenrechtsorganisationen als Völkermord einstufen, sind mindestens 98 Palästinenser in israelischen Gefängnissen verstorben, oftmals infolge von Folter. Besonderes Aufsehen erregte der Tod des Chirurgen Dr. Adnan al-Bursh im April 2024. Er war im Dezember 2023 in einem anderen Krankenhaus im Norden des Gazastreifens von israelischen Streitkräften festgenommen worden. Mithäftlinge berichten, er sei schwer misshandelt und gefoltert worden. Bis heute wird sein Leichnam von den israelischen Behörden zurückgehalten.
Menschenrechtler, Angehörige und Freunde fürchten nun, Abu Safiya könnte ein ähnliches Schicksal erleiden.
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