Palästina-Solidarität bei WM: Verschwiegene Proteste
In den WM-Stadien ist die Palästina-Solidarität sehr präsent, in Deutschland wird darüber nicht berichtet. Das ist ein Armutszeugnis.
Am letzten Spieltag war es wieder so weit: Bei Bosnien-Herzegowina gegen Katar hielten Fans palästinensische Flaggen, riefen „Free Palestine“-Chants und marschierten vorab mit Palästina-Rufen durch die Stadt. Die globale Palästina-Solidarität ist eine große Tradition dieser Vorrunde geworden; vor allem bei Partien mit arabischer oder muslimischer Beteiligung, aber durchaus auch bei anderen Fans.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
In Mexiko gab es zum WM-Start Demos zum Thema, in Kanada eine Aktion für einen Ausschluss Israels. Wer die WM in deutschen Medien verfolgt, wird vieles davon nicht mitbekommen haben. Denn über die größten Stadionproteste beim Turnier schweigen sie. Überraschend ist das angesichts von Deutschlands Rolle nicht, aber ein Armutszeugnis.
Dass während der WM der mutmaßliche Völkermord an den Palästinenser:innen weiterläuft und Hauptgastgeber USA ihn maßgeblich finanziert, ist nicht mal Thema. Als gebe es die Toten nicht, darunter viele Fußballer. In postkolonialen Staaten ist das anders. Während der WM stellte ein UN-Report fest, dass Israels Tötung palästinensischer Kinder seit dem Waffenstillstand ein Beleg für fortlaufenden Genozid sei. Laut UNICEF wird im Schnitt jeden Tag ein palästinensisches Kind getötet.
Proteste geben Hoffnung
Der Druck auch auf die Fifa für Sanktionen steigt. Die spielt dabei ein doppeltes Spiel: Sie verweigert sich gegen Sanktionen und arbeitet mit Trump und dessen „Friedensrat“ in Gaza zusammen. Sie ist mitschuldig. Gleichzeitig erlaubt sie Palästina-Flaggen als vermeintlich unpolitisch; eine Israelflagge dagegen wurde von einem Ordner entfernt. Die Fifa sucht den Weg des geringsten Widerstands. Doch die Proteste geben Hoffnung, dass sie damit vielleicht nicht durchkommt. Dass Menschen nicht vergessen sind.
Die Proteste, die es auch schon zur Katar-WM gab, haben vielfältige Wurzeln. Nicht alle sind klug oder humanitär. Im Falle von Hamas-Unterstützerstaat Katar oder Iran etwa spiegeln sie einen bei ersterem tolerierten, bei letzterem diktierten Hass auf Israel und Jüdinnen und Juden.
Bei Marokkos Fans sind sie dagegen Protest gegen den Kuschelkurs der eigenen Regierung mit Israel auf dem Rücken der Palästinenser:innen. In Bosnien erwächst die Solidarität auch aus der eigenen Erfahrung mit Genozid. Die Bewegung ist heterogen, fehlerhaft und eine politische Querfront. Aber sie ist wichtig. Sie passt zu einer WM, in der sich außereuropäische Staaten auch sportlich ermächtigen. Die Flaggen werden in der K.-o.-Runde wieder auftauchen. Und es ist arm, dass es in Deutschland jenseits von Social Media weder Haltung noch Diskurs dazu gibt.
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