Nachfolge von britischem Premier Johnson: Identität vor Inhalten

Die Tories zeigen mit ihren Nachfolgekandidaten die Fähigkeit zur Selbsterneuerung. Das Problem: Es geht mehr um die Person, weniger um das Programm.

Die Hausfassade des Amtssitz in der Downingstreet 10

Neuer Bewohner gesucht: Downing Street 10 Foto: Henry Nicholls/reuters

Der Favorit stammt aus Indien. Seine Konkurrenz ist fast komplett weiblich. Wer in Großbritannien Diversität sucht, findet sie im aktuellen Rennen um die Nachfolge Boris Johnsons als Parteichef der regierenden Konservativen und damit als Premierminister. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass die nächste Regierungschefin des Vereinigten Königreichs eine Schwarze mit Dreadlocks wird.

Das ist die positive Seite des aktuellen Auswahlprozesses um die Führung Großbritanniens. Die Tories zelebrieren die Vielfalt der britischen Gesellschaft, ein Erbe der Kolonialzeit und der postkolonialen Migration: Die Labour-Partei hat hingegen bis heute immer nur weiße Männer zum Chef gewählt.

Die britische Politik ist gezwungen, mit dem rasanten gesellschaftlichen Wandel Schritt zu halten, denn das Land verlangt von seiner politischen Klasse eine in der Welt seltene Fähigkeit zur Selbsterneuerung. Wer ein Amt ausübt, setzt sich permanenter Kritik aus. Wenn der aktuelle Wechsel vollzogen ist, werden drei der vier letzten Premierminister nach drei Jahren aus dem Amt gefegt worden sein.

Und Gordon Brown, Theresa May und Boris Johnson waren keine politischen Leichtgewichte, im Gegenteil. Sie haben es nur nicht vermocht und wahrscheinlich auch nicht gewollt, ihr politisches Umfeld in eine so vollendete Lähmung zu versetzen, dass nur sie selbst als bewegliche Akteure übrigbleiben, so wie in jüngster Zeit in gewissen anderen westlichen Demokratien mit Amtszeiten von bis zu sechzehn Jahren.

Die Kehrseite davon ist die Gefahr, dass Personalwechsel an die Stelle eines Politikwechsels tritt und dass der persönliche Charakter wichtiger wird als der politische Inhalt. Boris Johnson zog einen teilweise irren Hass auf sich, der sich nahezu ausschließlich an seiner Persönlichkeit festmachte. Dass jemand nicht Boris Johnson ist, reicht aber nicht, um zu entscheiden, wer in 10 Downing Street einziehen soll. Das bunte Feld, in dem niemand Boris Johnson ähnelt, steht. Jetzt kommt die politische Überzeugungsarbeit.

Personalwechsel an die Stelle eines Politikwechsels tritt und dass der persönliche Charakter wichtiger wird als der politische Inhalt.

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