Nach Abzug aus Afghanistan: Der außenpolitische Sargnagel

Die Überraschung deutscher Politiker über den schnellen Sieg der Taliban zeugt von extremer Gleichgültigkeit. Doch Wegschauen löst das Problem nicht.

AfghanInnen versammeln sich hinter einem Stacheldraht

Die Menschen hoffen, noch einen Platz in einem Flugzeug am Flughafen Kabul zu ergattern; 17.08.2021 Foto: ap

Im Gespräch mit Außenminister Heiko Maas rang Marietta Slomka, Moderatorin des ZDF-„heute journals“, sichtlich um Fassung. Sie konfrontierte den Außenminister immer wieder mit dem persönlichen Schicksal von Menschen in Afghanistan. Menschen, die für die Demokratie und die Deutschen in Afghanistan im Einsatz waren und die nun auf der Flucht durch die Straßen Kabuls irren. Maas rechtfertigte sich. Diese Lage habe niemand voraussehen können.

Außerdem tue man alles, um den afghanischen Mitarbeitern die Ausreise noch zu ermöglichen. Slomka insistierte: Die Taliban kontrollieren die Straßen. Sie haben einen Ring um den Flughafen Kabul gezogen und blockieren die Zufahrtsstraßen. Wer Dokumente mit sich führt, die belegen, für die Deutschen gearbeitet zu haben, begibt sich in Lebensgefahr. Wie soll man da jetzt noch aus dem Land kommen? Hätte das Auswärtige Amt nicht früher mit der Evakuierung gefährdeter Menschen beginnen müssen?

Die Taliban waren ja seit Mai rasant auf dem Vormarsch. Der Außenminister erwiderte stoisch: Die jetzige dramatische Lage habe niemand vorhersehen können. Wirklich? Maas und genauso wenig Bundesverteidigungs­ministerin Annegret Kramp-­Kar­ren­bauer oder die ihnen zuarbeitenden Dienste? Ebenso wenig wie US-Präsident Joe Biden? Das scheint nur glaubwürdig, insofern eine extreme Gleichgültigkeit gegenüber dem zukünftigen Geschehen in Afghanistan vorherrschte.

Tatsächlich sprach man doch schon lange davon, dass Afghanistan nach dem Abzug wieder komplett an die Taliban gehen würde. Die große Frage schien nur, wann. Früheren Äußerungen von Maas zufolge rechnete man erst einige Monate nach der Bundestagswahl damit. Reines Wunschdenken. Der offenkundige Zynismus, das Sich-selbst-Überlassen der demokratischen Kräfte Afghanistans, das unerträgliche Schlussdebakel nach 20 Jahren Einsatz am Hindukusch ist der außenpolitische Sargnagel dieser Großen Koalition.

Regierende tragen Verantwortung. Wer glaubt, mit einem Abzug der demokratischen Truppen aus Afghanistan hätte man die von dort ausgehenden Probleme vom Hals, dürfte schon bald eines Besseren belehrt werden. Es ist ein globalisierter Konflikt, bei dem auch über die Rolle Pakistans gesprochen werden muss. Und er wird langfristig teuer bleiben. Misswirtschaft und totalitäre Herrschaft erzeugen neue Fluchtbewegungen.

In der Phase der Machtetablierung geben sich die Taliban-Anführer propagandistisch milde. Sitzen sie fest im Sattel, kommt die große Repression. Derweil irren afghanische Demokraten, die auf die internationale Gemeinschaft vertrauten, angsterfüllt im Land umher. Einzelne haben vielleicht noch die Chance, herauszukommen. Ein wenig Drohpotenzial gibt es seitens des Westens in der Übergangsphase noch. Der große Rest wird sich selbst überlassen bleiben.

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Andreas Fanizadeh, geb. 1963 in St.Johann i.Pg. (Österreich). Leitet seit 2007 das Kulturressort der taz. War von 2000 bis 2007 Auslandsredakteur von „Die Wochenzeitung“ in Zürich. Arbeitete in den 1990ern in Berlin für den ID Verlag und die Edition ID-Archiv, gab dort u.a. die Zeitschrift "Die Beute" mit heraus. Studierte in Frankfurt/M. Germanistik und Politikwissenschaften.

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