piwik no script img

Mutmaßliche Polizeigewalt in Köln„Pedro wurde wie ein Objekt behandelt“

Pedro C. hat nach einem Polizeieinsatz irreparable Hirnschäden. Jetzt werfen Videos weitere Fragen zum Vorgehen der Beamten auf.

Vor gut drei Monaten fiel der Kölner Pedro C. nach einem Polizeieinsatz ins Koma. Inzwischen ist klar, dass er irreparable Hirnschäden davongetragen hat und dauerhaft pflegebedürftig ist. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, aber bleibt bis heute offen. Simón Barrera González, der Anwalt von Pedro C., hofft auf baldige Antworten. Zumal durch Videoaufnahmen einige neue Erkenntnisse nun ans Licht gekommen sind.

Was war passiert: Am 8. April sollte C. in eine psychiatrische Klinik gebracht werden. Doch er wehrte sich, verschanzte sich in seiner Wohnung in Köln-Deutz. Freun­d:in­nen von C. riefen ärztliche Hilfe, und diese die Polizei. 90 Minuten später erlitt C. einen Herzinfarkt und musste reanimiert werden.

Seit jenem Tag versuchen viele, die Ereignisse zwischen dem Eintreffen der Polizei und C.s Herzstillstand zu klären: sein Anwalt, das Solidaritätsnetzwerk „Justice for Pedro“, die Staatsanwaltschaft Köln – und die Presse. Auch die taz hatte berichtet.

So war es über den Fall hinaus auch um grundsätzliche Fragen gegangen, etwa rassistische Motive der Polizei, den ungenügenden Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen sowie übermäßige Polizeigewalt. So sah der Polizeiforscher Thomas Feltes in C.s Fall ein „Paradebeispiel“, wie Einsatzkräfte besser nicht mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen umgehen sollten.

Ermittlungen nur nach öffentlichem Druck

Nach dem Einsatz übernahm die Polizei Bonn die Vorermittlungen, um einen möglichen Anfangsverdacht auf rechtswidriges Verhalten zu prüfen. Im Mai erklärte die Staatsanwaltschaft Köln, der die Pressehoheit in diesem Fall obliegt, es gebe keine Hinweise auf „übermäßige, rechtswidrige Polizeigewalt“. Kritiker wie Feltes hielten diese Einschätzung für voreilig. Ende Juni kündigte die Staatsanwaltschaft dann an, weitere Beweismittel sammeln zu wollen. Viel spricht dafür, dass es öffentlicher Druck war, der die Behörden dazu brachte.

„Ohne Öffentlichkeit passiert nichts“, sagt Paula, eine Freundin von C. und Mitglied bei „Justice for Pedro“. Für sie war nach dem Einsatz klar, dass sie handeln musste. Politisch aktiv ist sie ohnehin, nimmt vieles persönlich, sagt sie. Aber: „Das hier ist halt wirklich persönlich.“

Paula wollte die Geschichte ihres Freundes in die Öffentlichkeit bringen – nicht die Version der Staatsanwaltschaft, sondern ihre eigene. Das große Ziel ist Gerechtigkeit, doch zunächst ging es darum, Gehör zu finden. Weil viele der hunderten Mails des Netzwerks an die lokale Politik und Behörden unbeantwortet blieben, organisierte das Team Demonstrationen, verteilte Flyer und suchte den Kontakt zur Presse. Von Anfang an unterstützte sie Barrera González, C.s Anwalt.

Er versteht nicht, warum die Staatsanwaltschaft noch immer bloß vor ermittelt, nicht schon im Rahmen eines tatsächlichen Ermittlungsverfahrens. Neue Informationen gebe es nämlich kaum, sagte er der taz. Die Bodycam-Aufnahmen und Zeu­g:in­nen­be­rich­te hätten schon im April für einen Anfangsverdacht gereicht, findet Barrera González. Zunächst konnte er allerdings kaum arbeiten, da ihm über Wochen die Akteneinsicht verweigert wurde. Stattdessen konzentrierte er sich auf Pressearbeit und versuchte, – wie Paula – das aus seiner Sicht falsche Bild der Staatsanwaltschaft zu korrigieren.

Gefesselt und mit Spuckmaske

Die Behörden stellten den Fall so dar: C.s „geistiger Zustand“ und die von ihm ausgehende Gefahr hätten eine Fixierung unvermeidlich gemacht. Sechs Po­li­zis­t:in­nen seien verletzt worden. Zudem habe C. unter Wahnvorstellungen gelitten und unter Drogeneinfluss gestanden. Barrera González widerspricht: Die Fixierung sei überzogen gewesen, der Drogeneinfluss vorgeschoben. Ein ärztliches Gutachten, das der taz vorliegt, stützt seine Aussage. Auch Polizeiforscher Feltes kritisierte die Fixierung. Es habe andere Wege gegeben, um die Sicherheit aller zu gewährleisten.

Freun­d:in­nen von C., darunter sein Partner Julian, waren am Einsatztag anwesend. Sie hörten nur C.s Schreie, durften aber auf Anweisung der Polizei nicht helfen. Nun sind sie auf die Transparenz der Ermittlungsbehörden angewiesen. „Das sollte nicht sein müssen“, sagt Paula von, „Justice for Pedro“.

Entscheidend für die Bewertung des Einsatzes sind die Bodycam-Aufnahmen. Bis vor Kurzem hatten nur die Behörden Zugriff darauf. Anfang des Monats konnte Barrera González sie nach langem Drängen einsehen. Zwei Stunden Material sah er sich an. „Ich bin einiges gewohnt“, sagt er, „aber das hat mich sprachlos gemacht.“

Die Aufnahmen zeigen laut Barrera González, wie C. gefesselt, mit zwei Spuckmasken (Hauben, die Umstehende vor ansteckenden Krankheiten schützen sollen) versehen und auf eine Trage geschnallt wurde. Zudem verabreichte ihm eine Rettungsärztin ein starkes Beruhigungsmittel. All das war dem Anwalt bekannt. Doch die Aufnahmen enthüllten mehr: So beleidigte laut Barrera González ein Beamter C. als „Spacko“, eine Beamtin schlug vor, ihm einen Zopf abzuschneiden, um die Masken besser anbringen zu können. „Das zeigt Entmenschlichung“, sagt Barrera González. „Pedro wurde wie ein Objekt behandelt.“

Stigmatisierung wegen HIV?

Auch Witze über HIV seien zu hören. C., der HIV-positiv ist, nimmt Medikamente und ist damit kaum ansteckend. Die Ärztin, die ihn behandelte, erfuhr von C.s Freun­d:in­nen von seiner Erkrankung, um ihm keine falschen Medikamente zu verabreichen. Von ihr wussten die Po­li­zis­t:in­nen von C.s Infektion. Barrera González sieht in der Eskalation des Einsatzes nicht nur Rassismus und übermäßige Gewalt, sondern auch die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen. „Für sie war er nur ein menschliches Virus“, sagt er. Medizinisch habe es dafür keinen Grund gegeben.

Zu den Beschreibungen des Anwalts der Videos wollte sich die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage nicht äußern. Sie stellt fest: „Weder Polizei noch Staatsanwaltschaft haben irgendein Interesse daran, den Vorfall zu beschönigen, einseitig zu betrachten oder intransparent zu agieren.“

Insofern nehme sich die Staatsanwaltschaft aktuell die „nötige Zeit, um die im Raum stehenden Fragen zu klären und zu prüfen, ob die Ergebnisse strafrechtliche Folgen haben“, heißt es. Wie lange dieser Vorgang dauern wird, sei momentan allerdings nicht abzuschätzen.

Zumal Anwalt Barrera González kurz vor Redaktionsschluss noch ein Video veröffentlicht hat. Gut 315.000 Menschen haben es Stand Montag gesehen. Auch auf dem Account von „Justice for Pedro“ klicken es hunderttausende an.

Nachdem das Handy von C. zunächst von der Polizei beschlagnahmt wurde, bekam es nun der Anwalt. Auf dem Telefon fand er ein Video, das C. selbst vor Eintreten der Polizei aufgenommen hatte. Dort ist zu sehen, wie eine Rettungsärztin und ein Beamter im Flur stehen, C. sie fragt, warum er sie einlassen solle, dann die Tür öffnet und wenige Augenblicke später das Bild verwackelt. „Hilfe“, schreit C. noch, und „Gewalt“. Dann bricht das Video ab.

Eigentlich ist es Barrera González nicht erlaubt, dieses als Beweismittel geltende Video zu veröffentlichen. Weil es aus seiner Sicht aber deutlich zeigt, dass die Po­li­zis­t:in­nen in ihrer Darstellung des „fremdaggressiven“ C. gelogen haben, nehme er dieses Risiko in Kauf, sagt er. Welche Strafe ihm droht, ist unklar.

Auch ob es je zu einem Verfahren kommt und ob die Familie, Freun­d*in­nen und der Anwalt von Pedro C. Gerechtigkeit erfahren, ist weiterhin ungewiss. Für Barrera González steht eines aber schon jetzt fest: „Es ist ein Trauerspiel des Rechtsstaats.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare