Motivation von Klimastreikenden

„Ich habe für den Streik gekündigt“

Seit dem Protesttag am 20. September nehmen auch viele Erwachsene an Klimaaktionen teil – was treibt sie an?

junge Frau mit Mütze

Vera Sandel, 36, aus Hamburg hat ihren Job aufgegeben und nun mehr Zeit für Klimaproteste Foto: privat

Vera Sandel: „Ich habe für den Streik gekündigt“: „Anfang März habe ich aus meinem Bürofenster in der Hamburger Innenstadt geschaut und Greta Thunberg gesehen. Sie war gerade zu Besuch bei der Demo von Fridays for Future. Schon damals fragte ich mich, was ich hier eigentlich noch mache. Aber der 20. September hat für mich dann alles verändert. An dem Tag wurde die ganze Belegschaft explizit aufgefordert, den Klimastreik zu unterstützen und zur Demonstration zu gehen.

Ich habe am nächsten Freitag eine E-Mail an Geschäftsleitung und alle Kollegen geschickt, mich für den Aufruf zur Beteiligung bedankt und angekündigt, von meinem Widerstandsrecht gemäß Artikel 20 Absatz 4 Gebrauch zu machen und nun jeden Freitag mit der FFF-Bewegung zu streiken.

Sie streiken: Die Temperaturen steigen. Der Meeresspiegel auch. „Fridays for Future“ ruft am 29.11. zum Klimastreik. Samstag protestiert „Ende Gelände“ gegen den Braunkohleabbau. Und am 2.12. beginnt die UN-Klimakonferenz.

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Ich arbeite beim WWF, bin Referentin für Ästuarschutz für die Mündungsbereiche von Elbe und Ems. Naturschutz ist also mein Job. Einige Kollegen haben gesagt, sie finden es deshalb nicht sinnvoll zu streiken. Wir sind doch die Guten, meinten sie. Aber wir können die Welt doch nicht in Gute und Schlechte aufteilen! Ich glaube nicht, dass wir mit unserer Arbeit den Klimawandel aufhalten. Bei meiner erlebe ich, wie machtlos wir sind, etwa bei der Elbvertiefung, ein Trauerspiel.

Die Geschäftsführung hat gesagt, ich solle außerhalb meiner Arbeitszeit demonstrieren. Als ich weiter gestreikt habe, gab es Gespräche mit der Personalabteilung, die wollten mein Gehalt kürzen in dem Umfang, in dem ich nicht zur Arbeit komme. Aber dann wäre es ja kein Streik mehr! Meine Arbeitskraft ist mein einziges Mittel. Weil ich mich nicht mehr mit meinem Arbeitgeber identifiziere, habe ich mich entschlossen zu kündigen. Gerade läuft meine letzte Arbeitswoche. Danach fängt mein Klimastreik erst an. Ich glaube, alle Erwachsenen müssen streiken, und zwar während der Arbeitszeit!“

Jan-Philip Cröplin: „Sie haben die Windkraft kaputt gemacht“

Ich beteilige mich, seit ich wegen Mangels an Arbeit freigestellt bin. Eigentlich arbeite ich für eine Firma, die Windkraftanlagen baut. Bis 2018 hatten wir keine Probleme. Akut wurde es Anfang 2019. Wegen der neuen Abstandsregelung – 1.000 Meter zu jeder Siedlung, die aus mindestens fünf Gebäuden besteht – ist auch keine Besserung in Sicht. In letzter Zeit wurden kaum noch Genehmigungen zum Bau erteilt.

Jan-Philip Cröplin

Jan-Philip Cröplin: 26, Osnabrück, hat bei einem Windanlagenbauer gearbeitet und ist wegen der Krise der Branche freigestellt Foto: privat

Für Braunkohle gibt es solche Regeln nicht. Ein Tagebau zerstört ganze Dörfer und sogar 1.000 Jahre alte Kirchen. Zündend war, als Peter Altmaier von der CDU gesagt hat, dass sie sich wirklich für das Klima und die Energiewende einsetzen, aber nichts machen könnten, was die Windkraft rettet. Sie haben sie gerade kaputt gemacht, und da haben sie die Dreistigkeit zu sagen, es läge nicht in ihrer Hand? Das fand ich so unverschämt. Ich saß hier zu Hause, hab das gesehen und hatte überhaupt keine Möglichkeit, meine Meinung kundzutun. Also habe ich angefangen, mich zu engagieren. Jeder kann was tun. Das fängt im Kleinen an. Ein Stromanbieter-Wechsel dauert fünf Minuten.“

Svenja Weitzig: „Ich kann ein Beispiel sein“

Ich bin Professorin für Sozialmanagement. Für den Klimastreik brauche ich mir also nicht freizunehmen, aber meine Arbeit bleibt liegen: Abschlussarbeiten, Forschungsprojekte und so weiter muss ich später nacharbeiten. Aber das ist gut, denn so kann ich auch Studierenden und anderen Lehrenden ein Beispiel sein.

Svenja Weitzig

Svenja Weitzig: 39, Essen, ist Professorin für Sozialmanagement an einer Evangelischen Hochschule und engagiert sich auch bei Scientists for Future Foto: Hanno Sekuterski

Ich bin an einer evangelischen Hochschule – einer ihrer Grundsätze ist die Bewahrung der Schöpfung. Und dazu gehört es ja auch, das Klima zu schützen. Dieses Semester habe ich ein Seminar dazu gegeben, was man im Alltag ändern kann: vom Bahnfahren über Duschgel bis zu alles. Als Sozialarbeitende können meine Studierenden das später weitergeben. Maßnahmen gegen den Klimawandel müssen allen Menschen zugänglich sein: Insbesondere die ärmere Bevölkerung braucht mehr Handlungsalternativen. Die Brisanz dieses Themas hat die Regierung noch nicht verstanden.

Jens Hofmann: „FFF – das gab gleich einen Shitstorm“

Im Sommer war ich mit meiner Familie in Norwegen. Wir haben einen Camper, einen T5-Bus, Diesel, selbst ausgebaut. Wir haben uns die Gletscher angeschaut und waren danach in einem Museum. Auf den Fotos dort waren die Gletscherzungen noch doppelt so groß. Wir haben während der Reise viel über das Klima und über Fridays for Future gesprochen, auch mit den Kindern. Aber die sind ja eh für Tier- und Naturschutz. Seit dem Sommer haben wir einiges geändert: Wir wollen CO2-neutral sein, im Dezember machen wir eine Jahreskompensation. Das werden etwa 300 bis 400 Euro. Wir machen 98 Prozent der Fahrten mit Rad und Anhänger. Bis vor Kurzem haben wir noch manchmal bei Aldi eingekauft, jetzt nur noch im regionalen Biosupermarkt. Wir wollen auch schweren Herzens unser Auto verkaufen. Aber das reicht natürlich nicht, wir müssen das als Gesellschaft schaffen, deshalb engagiere ich mich bei Fridays for Future.

Jens Hofmann

Jens Hofmann: 38, Dresden, hat einen Ingenieursjob und drei Kinder Foto: privat

Wir sind nicht die Ökos mit Rastalocken, wir haben gut bezahlte Ingenieursjobs. Bei der Arbeit wird einmal im Monat ein Mitarbeiter vorgestellt. Letzten Monat ich. Da stand „engagiert sich bei Fridays for Future“, und das gab gleich einen kleinen Shitstorm. Die Kommentare: „Da krieg ich Schnappatmung“ oder „Das ist doch völlig übertrieben“. Wenn ich mit Kollegen essen gehe, wehren die ab, viele kennen die Fakten nicht. Auch bei meinen Freunden und in der Familie merke ich: Diskutieren bringt nicht viel, vorleben ist besser.

Der normale Klimastreik in Dresden ist ziemlich klein, unter 100 Personen. Ich bin im Elternrat an unserer Grundschule, für den globalen Streik im September habe ich eine Doodle-Liste geführt und Kinder begleitet, deren Eltern nicht kommen konnten. Das mache ich jetzt wieder. Letztens bin ich nach der Arbeit mit dem Zug nach Berlin gefahren, um mir die Blockaden von Extinction Rebellion anzuschauen. Seit zwei Monaten arbeite ich in Teilzeit, auch, damit ich mehr Zeit für Dinge wie den Klimastreik habe. Und ich bin letzte Woche den Grünen beigetreten.

Dennis Löb: „FFF hat mir die Augen geöffnet“

Ich arbeite als Industriekaufmann in einem Chemie-Unternehmen. Die mediale Berichterstattung bezüglich des Klimawandels habe ich überhaupt erst seit FFF wahrgenommen. 29 Jahre lang hatte ich mich nicht dafür interessiert, mich zu engagieren. Dann habe ich die Aussagen der Wissenschaftler gehört und fand die Prognosen sehr schlimm.

Dennis Löb

Dennis Löb: 29, Minden, ist Industriekaufmann in einem Chemiekonzern Foto: privat

Seitdem gebe ich meine private Zeit und gestalte auch mein Leben klimafreundlicher: Fleisch nur noch alle zwei Wochen. Die acht Kilometer zur Arbeit nehme ich das Rad, auch im Winter. Früher bin ich nur mit dem Auto hingefahren. Klar, das ist bequemer. Ich bin früher auch immer schneller als vorgeschrieben gefahren, aber für das Klima habe ich mein Fahrverhalten sowie das Autofahren überhaupt angepasst. Ich habe Ökostrom, achte auf Mehrweg, habe einen örtlichen Unverpackt-Laden über eine Start-up-Seite mitfinanziert und spende an Greenpeace. Beim letzten Klimastreik war ich mit Schild dabei, dieses Mal habe ich mir auch wieder freigenommen.

Regine Liebl-Schibinger: „Meine Kinder sind noch zu jung“

Ich streike seit Mai regelmäßig für das Klima. Jeden Freitag schaffe ich nicht, aber etwa einmal im Monat. Wir haben ein Gleitzeitmodell in der Firma, dann arbeite ich am Freitag kürzer. Aber für diesen Freitag nehme ich einen Tag Urlaub, dann muss ich den Streik nicht so dazwischenquetschen.

Regine Liebl-Schibinger

Regine Liebl-Schibinger: 39, Karlsruhe, nimmt für den Streik Urlaub, wenn er nicht in ihr Gleitzeitmodell passt. Sie hat drei Kinder Foto: privat

Meine Kollegen finden das gut, zumindest sagen sie das. Ich bin aber die Einzige, die hingeht. Manche sagen, sie können nicht, weil sie Vollzeit arbeiten, aber die Mutti, die kann das ja machen. Wir haben ein Social Intranet in der Firma, da wird auch auf die Streiks aufmerksam gemacht. Es gibt da auch eine Kommentarfunktion, da wird dann kontrovers diskutiert. Manche haben überhaupt kein Verständnis. Die sagen, das sei alles Quatsch, die Kinder wollten nur nicht zur Schule gehen.

Bei meinen drei Kindern versuche ich, im Alltag ihr Bewusstsein für Umweltschutz zu stärken, also zum Beispiel, dass nicht immer alles in Plastik eingepackt sein muss. Zum Streik gehe ich aber ohne sie, die sind noch zu jung. Außerdem finde ich es falsch, wenn man von der Mama mitgeschleppt wird.

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Die Erderwärmung bedroht uns alle. Die taz berichtet daher noch intensiver über die Klimakrise: von den weltweiten Streiks, den Aktionen von Ende Gelände und von der UN-Klimakonferenz. Alle Texte zum Thema unter taz.de/klimawandel.

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