piwik no script img

Machtkampf um NordostsyrienDer kurdische Knoten

Karim El-Gawhary

Kommentar von

Karim El-Gawhary

Syriens Präsident Al-Scharaa will Nordostsyrien kontrollieren. Die kurdischen Kräfte fürchten um ihre Autonomie. Nur ein Kompromiss wäre nachhaltig.

Die beschädigte Al-Rashid-Brücke wurde von den sich zurückziehenden Truppen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zerstört, 19.1.2026 Foto: Omar Albam/ap

D er Machtkampf um Nordostsyrien ist nicht mehr aufzuschieben. Die Frage ist, ob er militärisch oder diplomatisch oder mit einer Mischung aus beidem ausgetragen wird, und ob das Ergebnis am Ende für beide Seiten nachhaltig ist.

Die Zentralregierung in Damaskus möchte endlich ihre Kontrolle über das ganze Land ausweiten. Die kurdisch-dominierten SDF-Milizen wollen dagegen ihre seit Jahren praktizierte dortige Selbstverwaltung aufrechterhalten und weiterhin militärisch als die Schutzmacht der syrischen Kurden existieren.

In den letzten Tagen wechseln sich verkündete Waffenpausen und erneute militärische Aktionen ab. Damaskus will eindeutig das militärische Momentum auf seiner Seite nutzen, um diplomatischen Druck aufzubauen. Der syrische Staatschef Ahmed al-Scharaa steht jetzt vor der Frage, wie diese militärischen Siege, in eine politische Integration des Nordostens und ganz besonders der kurdischen Kerngebiete umgemünzt werden können.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Er macht Angebote an die Kurden, die ihnen ihre kulturelle und sprachliche Identität als Teil der nationalen Identität Syriens versprechen. Aber die entscheidende Frage ist, ob und wie die SDF-Milizen in den syrischen Sicherheitsapparat integriert werden. Als komplette Einheiten, wie es der SDF angeboten hat, oder als individuelle Soldaten und Offiziere, die auf die bestehenden syrischen Einheiten verteilt werden, wie es al-Scharaa fordert.

Die Angst der Minderheiten

Damit würde einerseits das staatliche Gewaltmonopol durchgesetzt. Doch andererseits würden die Kurden damit ihre militärische Schutzmacht verlieren. Die vergangenen blutigen Tage haben die Lösung dieser Frage nicht einfacher gemacht. Doch mit ihr steht und fällt alles.

Unter den nicht sunnitischen, nicht arabischen Minderheiten in Syrien, wie den Kurden, herrscht Angst – auch vor den Truppen der Regierung, die teilweise aus den alten islamistischen Netzwerken der einstigen Rebellen gegen den gestürzten Diktator Baschar al-Assad rekrutiert sind.

Al-Scharaa müsste jetzt beweisen, dass er diese Ängste ernst nimmt. Bedeutet: Er müsste eine Formel finden, wie er diese Gebiete unter die Kontrolle der Zentralregierung bringt, und ihnen gleichzeitig eine Art föderale Selbstverwaltung zugesteht. Dabei erbt er auch inhärente Probleme in diesen Gebieten, etwa jene, in denen Kurden und arabische Stämme zusammenleben.

Der syrische Präsident hat derzeit zwei Vorteile: Seine Truppen haben die Überhand und die USA unterstützen eine diplomatische Lösung, in der der Nordosten in den Rest Syriens integriert wird. Die SDF-Milizen haben aber eine wichtige Karte in der Hand: Sie können jede Entwicklung genug sabotieren, dass sie nicht nachhaltig ist. Das Dazwischen kann am Ende nur ausgehandelt werden.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Karim El-Gawhary
Auslandskorrespondent Ägypten
Karim El-Gawhary arbeitet seit über drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über den Arabischen Frühling, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildug.. 2024 bekam er das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich verliehen. Er hat fünf Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015) Repression und Rebellion (Wien 2020)
Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • Auch wenn das hier vielleicht nur am Rande hingehört: wie wäre es, wenn die Europäer, einschließlich der Deutschen, endlich anfangen würden, ihre (ex oder nicht) IS-Mitglieder „heimzuholen“? Wenn sie schon sonst die Kurden nicht unterstützen, sondern nur sabotieren, wo sie können.

  • Die Kurden fühlen sich nicht ganz unbegründet einmal mehr verraten von der internationalen Gemeinschaft.



    Dem neuen, bis jetzt durch keine demokratischen Wahlen legitimierten Machthaber Al-Sharaa sollten durch die internationale Gemeinschaft strenge Bedingungen für die Zusage der dringend benötigten Mittel zum Wiederaufbau Syriens auferlegt werden.



    Zur Absicherung einer demokratischen Entwicklung und zum Schutz der Minderheiten bräuchte es eine Blauhelmmission der UN.



    Leider kochen auch Anrainerstaaten wie die Türkei oder Israel ihr je eigenes Süppchen, was die Chancen auf echte Befriedung Syriens nicht steigen lässt.



    Was die Integration der kurdischen Streitkräfte in die syrische Armee angeht, stellt sich mir eine weitere Frage: Was ist mit all den Frauen unter Waffen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein islamistisches Regime Frauen als Soldatinnen akzeptiert.



    Und was ist mit dem Lager Al-Hol, das nun wieder in der Hand der syrischen Armee ist? Was geschieht mit den dort inhaftierten Familien der IS-Terroristen?

    • @Klabauta:

      Die versammeln sich jetzt wieder um ihren (Ex?)Befehlshaber als Manövriermasse zur besonderen Verfügung. Sonst will sie ja wohl keiner, auch die nicht, wo sie herkommen, was zwar verständlich aber trotzdem feige und kurzsichtig ist.

  • Wie von einem islamistischen Regime zu erwarten, voll gegen die Minderheiten.

    Jetzt sind die Kurden dran.

    Volle Solidarität!

  • Soweit ich weis soll Al-Sharaa der SDF-YPG angeboten haben dass Kurdisch als offiziele Sprache Syriens anerkannt werden soll und dass sie einen Gouverneur für die Provinz Hasaka nominieren zu können und Ministerämter in der Regierung in Damaskus zu erhalten wenn sie ihre friedlichen Integration in einen neuen syrischen Zentralstaat zustimmen. Das hat Mazlum Abdi für die SDF -YPG abgelehnt und den Erhalt einer föderalen Autonomie für "Rojava" erlangt. Durch den eindeutigen militärischen Zusammenbruch der SDF-YPG in nur wenigen Tagen wird es ein kurdisches Autonomiegebiet jetzt erst recht nicht mehr geben. Al-Scharaa hat jetzt alle Karten in der Hand und die YPG-PKK hat als einzige entscheidende Option nur noch die Möglichkeit um Hasaka und Qamishli zu kämpfen und zu verlieren oder die Bevölkerung zu schonen und in den Irak zu fliehen. "Rojava" wird aller Wahrscheinlichkeit nach als weiteres Kapitel einer gescheiterten kurdischen Staatsbildung enden und kein relevanter politischer Akteur wird das zu verhindern suchen. Mit einer Regierung Al-Scharaa die erstmals seit 2011 ganz Syrien beherrscht kann auch die Bundesregierung sehr gut leben.