Kämpfe in Syrien: Westlich des Euphrats regiert nun Damaskus
Die Truppen der kurdischen SDF ziehen sich ins kurdische Kerngebiet zurück. Damit kontrolliert die Zentralregierung nun wichtige Öl- und Gasfelder.
Truppen der Übergangsregierung in Damaskus haben in der Nacht auf Montag weitere Gebiete im Nordosten Syriens militärisch eingenommen. Diese standen zuvor unter der Kontrolle der kurdischen Syrischen Demokratischen Kräfte, der De-facto-Streitkraft des kurdischen Selbstverwaltungsgebiets in Nordostsyrien. Alle Städte und Gebiete westlich des Euphrats inklusive der Großstädte Raqqah und Deir ez-Zor sind nun unter militärischer Kontrolle der Truppen der Zentralregierung in Damaskus.
In diesen Gebieten leben weniger Kurd*innen, mehr arabische Stämme. Die SDF hatten mit Unterstützung der USA 2019 dort dschihadistische Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) besiegt. Auch die mehrheitlich arabischen Provinzen Deir ez-Zor und Raqqah kamen damit unter kurdische Kontrolle, als Teil der Selbstverwaltung Nordostsyriens. Mit den SDF-Machthabern wurden große Teile der arabischen Bevölkerung aber bis heute nicht warm.
Die SDF haben sich nun hinter den Euphrat, in die kurdischen Kerngebiete zurückgezogen. Die Zentralregierung kontrolliert damit jetzt auch die Grenzübergänge, sowie die lukrativen Erdöl- und Erdgasfelder in der Region.
SDF-Oberbefehlshaber Mazlum Abdi sagte am Sonntagabend in einer Videobotschaft: Um einen Bürgerkrieg und „weiteres sinnloses Blutvergießen zu vermeiden“, hätte sich die SDF auf die „taktische Vereinbarung“ eingelassen und zugestimmt, ihre Truppen aus Deir ez-Zor und Raqqah nach Hasakeh abzuziehen.
Ausbruch von IS-Kämpfern?
Der Rückzug ist ein Kernpunkt eines 14-Punkte-Plans zwischen der Zentralregierung und den SDF. Am Sonntag hatte der syrische Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa diesen bekannt gegeben. Er sieht eine Waffenruhe vor, den Rückzug der SDF-Truppen, und dass die Zentralregierung die Kontrolle über die Öl- und Gasfelder übernimmt. Das Abkommen sieht weiter vor, dass sich alle PKK-Mitglieder aus den Gebieten zurückziehen. Die SDF steht der in Deutschland als Terrororganisation verbotenen Gruppe nahe.
Laut Abkommen soll außerdem die Verantwortung, gegen den sogenannten IS zu kämpfen, nun an die Zentralregierung in Damaskus gehen. Ein heikler Schritt.
Denn in den Rängen der Truppen der Zentralregierung finden sich auch ausländische Kämpfer, Kämpfer aus türkeinahen Milizen und Anhänger von radikal-islamistischen Ideologien. Mitglieder der Truppen der Zentralregierung waren an Massakern an Alawit*innen, Drus*innen sowie Kurd*innen beteiligt. Videos belegen Hinrichtungen durch Truppen, die dem syrischen Innenministerium unterstellt sind.
Laut dem Institute for the Study of War bleiben Kämpfer des IS eine „signifikante Gefahr in Syrien“. Die kurdische Selbstverwaltung warnt nun vor einem möglichen Ausbruch der Kämpfer. Khaled Davrisch, Repräsentant der kurdischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien in Berlin, sagte am Montag: Aktuell gebe es Ausbruchsversuche von IS-Mitgliedern aus dem Camp Al-Hol, wo viele von ihnen festsitzen. In Tabqa, Raqqah und Deir ez-Zor hätten Truppen der Übergangsregierung bereits IS-Gefangene befreit.
Die über 50-jährige Gewaltherrschaft der Assad-Familie ist seit 2024 Geschichte. Baschar al-Assad ist nach Russland geflüchtet, nachdem Rebellen das Regime gestürzt haben. Derzeit amtiert die Übergangsregierung von HTS-Führer al-Scharaa.
Beide Seiten sollen die Waffenruhe brechen
Im März vergangenen Jahres hatten die SDF einer Integration ihrer Truppen in die Streitkräfte der Zentralregierung zugestimmt. Dieser Prozess steckte aber in einer Sackgasse.
Das Medienzentrum der SDF sagte am Montag: Die Zentralregierung breche den Waffenstillstand und setze Angriffe auf SDF-Kräfte in Ain Issa, Al-Schaddadi und Raqqah fort. Lokale Quellen aus Raqqah melden wiederum, mit der SDF verbündete Scharfschützen hätten bis in die späte Nacht am Sonntag noch auf Zivilist*innen geschossen. Mehr als zehn seien getötet worden, meldet das unabhängige Onlinemedium Al-Jumhuriya.
Fest steht: Auch nach der am Sonntagabend vereinbarten Waffenruhe bleibt die Situation prekär: Durch die Kämpfe wurden rund 10.000 Menschen vertrieben – viele von ihnen mehrfach. Vor allem Kurd*innen sind auf der Flucht. Nach Angaben der Vereinten Nationen flohen bislang etwa 700 Familien in die kurdisch geprägte Provinz Hasakah.
Die Vertriebenen benötigen Essen, Trinken, Unterkünfte sowie medizinische Versorgung und Schutz gegen die Kälte. Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Save the Children berichtet: Sie habe Babys und Kleinkinder gesehen, die bei Temperaturen von zwei Grad Celsius barfuß und ohne Winterjacken oder Decken auf der Flucht waren.
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