Machtkampf bei Volkswagen: Arbeiteraufstand gegen den Vorstandschef
In dieser Woche finden bei VW Betriebsversammlungen zu den Kürzungsplänen des Vorstands statt. Es geht um 50.000 Jobs und Werksschließungen.
Foto: Chris Emil Janssen/imago
Der Autobauer Volkswagen steht vor einer entscheidenden Woche: Ab Dienstag wird das Management der Belegschaft in Betriebsversammlungen an neun Standorten Rede und Antwort zur Zukunft des Unternehmens stehen müssen.
Bei VW stehen die Zeichen auf Sturm: Im Frühjahr hatte der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume dem Aufsichtsrat ein Kürzungspaket vorgelegt, dessen Umsetzung den Konzern drastisch verkleinern würde. Der Vorstand will unter anderem die Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm schließen und weltweit weitere 50.000 Arbeitsplätze abbauen. Diese Jobs sollen zusätzlich zu den bereits 2024 beschlossenen 50.000 abzubauenden Stellen im Inland wegfallen. Ebenfalls bereits 2024 beschlossen wurde die Schließung des Werks in Osnabrück.
Blume will bis 2030 die Rendite des Unternehmens verdreifachen. Der vorgesehene Konzernumbau würde auch zu einer Entmachtung des Betriebsrats führen. Aufgrund der Unternehmensgeschichte ist die Macht der Arbeitnehmerverteter:innen bei VW groß. Ohne sie können zum Beispiel keine Werke geschlossen werden. VW war von den Nazis mit dem Geld der enteigneten Gewerkschaften gegründet worden.
Vorstandschef Blume begründet das Programm mit nötigen Kostensenkungen, die erforderlich seien, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dem Konzern machen Überkapazitäten auf den globalen Märkten zu schaffen. Vor allem laufen die Geschäfte für VW in China schlecht. Ein Grund dafür ist der verspätete Einstieg des Konzerns in die E-Mobilität. VW macht zwar nach wie vor Gewinne in Milliardenhöhe, allerdings weniger als in der Vergangenheit. Noch in diesem Jahr hat das Unternehmen 2,6 Milliarden Euro an die Aktionär:innen ausgeschüttet. Der Dieselskandal um Abgasmanipulationen hatte VW einen mittleren Milliardenbetrag gekostet.
VW-Chef Blume bringt Beschäftigte gegen sich auf
Weil Blume bislang keine näheren Angaben zu den geplanten Kürzungen macht, hat der Betriebsrat in den Werken Versammlungen für die letzte Augustwoche einberufen. Den Anfang machen am Dienstag die Standorte Wolfsburg und Braunschweig, dann folgen die übrigen. In Wolfsburg, Emden und Zwickau spricht Blume persönlich, an den weiteren Standorten andere Vorstandsmitglieder.
Im Vorfeld der Betriebsversammlungen hat Blume die Beschäftigten gegen sich aufgebracht. Am späten Freitagnachmittag hat er sich in einem Interview, das seine Pressestelle mit ihm geführt hat, im Intranet des Konzerns an die Mitarbeiter:innen gewandt. Zeitgleich wurde das Interview an verschiedene Medien gestreut. Darin erklärt Blume, der Abbau von weltweit 50.000 Stellen bis 2030 sei „keine fixe Zielgröße“. Die Zahl ergebe sich „aus unserem Kostenziel im Vergleich zum Wettbewerb und gibt eine Orientierung, wie groß unser Handlungsbedarf ist“.
Das Interview enthalte „keine substantiellen Informationen, dafür umso mehr nichtssagende Allgemeinplätze“, sagte ein Sprecher des Konzernbetriebsrats. In einem weiteren Interview mit der Bild am Sonntag an diesem Wochenende hat Blume erklärt, VW habe den größten Transformationsplan in der Unternehmensgeschichte aufgesetzt. „Auf die nächsten Wochen kommt es an: Alle müssen mitziehen“, forderte Blume in dem Boulevardblatt. Immer wieder kritisieren Gewerkschaft und Betriebsrat, dass Blume zuerst mit der Presse und erst dann mit der Belegschaft über seine Pläne spricht.
Dem Betriebsrat zufolge sind die Beschäftigten und ihre Familien wegen der „desaströsen Kommunikation“ durch den Vorstand „verunsichert und verängstigt“. Das geht aus einem im VW-Intranet am Montagmorgen veröffentlichten Beitrag des Betriebsrats hervor, der der taz vorliegt. In der vergangenen Woche hatte der Betriebsrat in einer Onlineerhebung den Beschäftigten mehr als 100 Punkte zur Abstimmung vorgelegt, die bei den Betriebsversammlungen zur Sprache kommen sollen. Der Punkt „Kommunikation des Vorstands“ erhielt die meisten Klicks, gefolgt von den Themen Angst um den Arbeitsplatz, Altersteilzeit und Aufhebungsverträge sowie die Zukunft der von Schließung bedrohten Werke.
Am 4. September findet die nächste Aufsichtsratssitzung statt. Ob es bis dahin eine Lösung gibt, ist ungewiss. An den Verhandlungen darüber ist auch das Land Niedersachsen beteiligt, das mit einem Stimmrechtsanteil von 20 Prozent eine Sperrminorität besitzt. „Volkswagen wird diese Krise bewältigen – aber nicht durch Kahlschlag und nicht dadurch, dass einzelne Regionen und Standorte die Zeche tragen“, sagt der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Am Montagnachmittag haben sich Lies und VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo im VW-Werk Hannover getroffen. Statements der beiden waren für den frühen Abend nach Redaktionsschluss der taz angekündigt.
Rüstungsproduktion als Alternative
Eine mögliche Perspektive sehen die VW-Oberen in einem stärkeren Einstieg in die Rüstungsproduktion. Auch aufgrund der dunklen Vergangenheit als Wehrmachtzulieferer beschränkten sich solche Aktivitäten bislang auf die seit 2010 bestehende Kooperation zwischen der VW-Nutzfahrzeugsparte MAN und Rheinmetall bei Militärfahrzeugen. Angesichts der vielen Milliarden, die die Bundesregierung und andere EU-Staaten für Rüstungsprojekte bereitstellen, wachsen nun auch in Wolfsburg die Begehrlichkeiten. So richtete der Konzern im Sommer 2025 mit dem „Group Defense Office“ eine Stabsstelle für potenzielle künftige Rüstungsaktivitäten ein.
Konkret in der Diskussion ist eine Transformation des VW-Werkes in Osnabrück. So bestätigte Konzernchef Blume unlängst, dass „wir gerade in Osnabrück mit Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie in fortgeschrittenen Gesprächen sind“. Details nannte er nicht. Bekannt ist, dass es Verhandlungen mit dem israelischen Rüstungsbauer Rafael Advanced Defense Systems gibt, der dort Komponenten des Raketenabwehrsystems Iron Dome für europäische Abnehmer bauen könnte. Eine Absichtserklärung wurde bereits im April unterzeichnet.
In dem Osnabrücker Werk mit seinen rund 2.000 Beschäftigten läuft im Sommer 2027 die Pkw-Fertigung aus. Da der Standort auf kleinere Serien und Sondermodelle ausgelegt ist, wäre die Umstellung nicht so groß wie in den anderen Fabriken. Sowohl die Werksleitung als auch der Betriebsrat wären dazu bereit, sich für eine Zukunft in der Rüstungsproduktion zu öffnen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert