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Linker FußballpatriotismusFette Henne statt schlanker Adler

Das deutsche WM-Aus trifft auch ein spannendes Projekt: Fans wollen einen linken Fußballpatriotismus etablieren – mit eigenen Nationaltrikots.

„Ich hab’ weirde Feelings für den Adler auf der Brust“, singt Rapper Pimf auf seinem neuen Track „Deutschlandfahne“. Und weiter: „Fick auf Public-Viewing, wir geh’n auf die Straße wegen Frust.“ Wie er hadern viele Linke mit dem schwarz-rot-goldenen Party-Patriotismus, den eine Großveranstaltung wie die Fußballweltmeisterschaft auslöst. Eine Gruppe junger Berliner versucht einen Kompromiss.

Sechs Freunde, die im letzten Jahr gemeinsam das Abitur abgelegt haben, vertreiben ein eigenes Deutschlandtrikot mit der Beflockung „Germany against fascism“ (GAF) auf dem Rücken – in Eigenregie und ohne Sponsor. Fußballpatriotismus von links, kann das funktionieren?

„Wir wollten eine klare Botschaft senden“, sagt Max Denker, Initiator des Projekts. Die Idee entwickelte sich im vergangenen Winter. Damals hatte sich bei ihm viel Frust angestaut – über die ICE-Razzien in den USA, über die Maßlosigkeit der Fifa und ihren lächerlichen Friedenspreis für Trump. „Ich konnte mir nicht vorstellen, bei der WM einfach im DFB-Trikot zu sitzen und so zu tun, als wäre alles normal“, sagt der 18-Jährige.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

So rekrutierte er Freunde aus der Schulzeit. „Wir sind alle links orientiert“, gibt Denker an, „und wir alle lieben Fußball.“ Im Anschluss an das Abitur waren sie über verschiedene Zeitzonen und Kontinente verteilt. Design, Logistik, die bürokratischen Tücken einer Firmengründung: All das wurde gemeinsam in Gruppenchats und Videoanrufen improvisiert.

Eine Rückennummer für alle

„Wir haben den Adler auf der Brust aus rechtlichen Gründen etwas abgewandelt“, sagt Denker. „Er sieht etwas netter aus, nicht ganz so kämpferisch.“ Tatsächlich erinnert er weniger an das schlanke DFB-Wappentier als an den staatstragenden Bundestagsadler (Spitzname: fette Henne). Senkrechte Streifen mit Farbverlauf in Schwarz-Rot-Gold zieren die Seiten des Trikots. Jedes Shirt trägt die Rückennummer 12 – für die Gemeinschaft der Fans als sprichwörtlicher zwölfter Mann beziehungsweise als zwölfte Frau. Im Nacken des Trikots, wo der FC Bayern selbstbewusst „Mia san mia“ trägt, steht die etwas wolkige Parole „Liebe statt Hass“.

Wir wollen uns die Flagge zurückholen

Max Denker, Mitinitiator

Das GAF-Team bewirbt sein Trikot mit Kurzvideos in sozialen Medien. Darin versucht die Gruppe einen Balanceakt: Deutschland anfeuern, während man sich klar gegen Nationalismus und die AfD positioniert. Die WM feiern, während man Trumps Politik und die Kommerzialisierung der Fifa kritisiert. Mitfiebern, ohne so zu tun, als wäre alles normal.

Die Linke in Deutschland hat ein schwieriges Verhältnis zur Nationalsymbolik, auch im Fußball. Während der WM 2018 rief die Linksjugend solid etwa dazu auf, Deutschlandfahnen abzureißen oder anzuzünden. Beim Public Viewing auf dem kürzlichen Parteitag der Linkspartei wurde gemahnt, auf Fahnen und Nationalismus zu verzichten. Einige Abgeordnete beantragten, die Übertragung des Spiels kritisch einzuordnen. Ohne Erfolg.

Wer hat die Deutungshoheit?

Die jungen Männer hinter GAF kennen dieses Unbehagen. „Wenn ich in einem Vorgarten die Deutschlandfahne hängen sehe, gibt mir das erst mal ein komisches Gefühl“, gesteht Mitgründer Samuel Kerhart. In Deutschland habe nationale Symbolik aus historischen Gründen eine zweifelhafte Konnotation – zu Recht, findet er. Zu oft wurde und wird Nationalstolz genutzt, um Menschen auszugrenzen und abzuwerten.

Zugleich versucht das Team, die Deutungshoheit von AfD, Pegida und Co. anzufechten. „Wir wollen uns die Flagge zurückholen“, sagt Denker. Er verweist auf die Wurzeln von Schwarz-Rot-Gold in der Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts, angefangen mit dem Hambacher Fest. „Heute steht diese Flagge für eine intakte Demokratie, in der man seine Meinung frei äußern kann und in der man lieben kann, wen man will“, so Denker.

In Frankreich ist es selbstverständlich, dass Linke die Flagge der Republik schwenken. In Deutschland dagegen fällt es der Linken nicht so leicht, sich nationale Symbolik anzueignen.

Statt Mia san mia steht im Nacken die etwas wolkige Parole „Liebe statt Hass“

Die erste Produktionsrunde von 400 Shirts war laut Denker innerhalb von 15 Minuten ausverkauft, nun wird die zweite Auflage von 2.500 Stück vertrieben – der Großteil ist bereits verkauft. Solange es Nachfrage gibt, wird auch nachproduziert, kündigt das junge Team an. Zunächst gingen die jungen Männer aus eigener Tasche in Vorleistung; ein Teammitglied setzte Ersparnisse ein, die eigentlich für den Führerschein bestimmt waren. Für die zweite Runde wurden mehrere Darlehen aufgenommen. Mit 35,99 Euro (ermäßigt: 25,99) liegt der Preis deutlich unter jenem des offiziellen DFB-Trikots, das stolze 100 Euro kostet.

Offene Fragen

„Das Echo ist großartig“, sagt Denker. Doch es gibt auch Gegenwind. Von rechts werden die jungen Männer als Antifa-Spinner beschimpft. „Wir sind klar antifaschistisch, gehören aber nicht konkret zur Antifa“, betont der GAF-Gründer. Von links kommt Kritik, dass ein Nationaltrikot bei allem guten Willen immer ein nationalistisches Symbol bleibe.

Im Zeitalter der Alternativ-Trikots von Check24, Edeka und Tedi ist es nur konsequent, dass sich auch Trikots mit politischen Botschaften herausdifferenzieren. Ein Nationaltrikot mit antifaschistischer Haltung: Lässt sich so das Unbehagen auflösen, das viele Linke angesichts des Schwarz-Rot-Gold-Fiebers spüren? Vielleicht nicht endgültig. Aber es ist ein Versuch.

Nach dem überraschenden WM-Aus von Nagelsmanns Elf herrscht Ernüchterung bei der GAF-Truppe. „Die Stimmung ist bedrückt“, sagt Samuel Kerhart. Doch in seinen Augen bleibt es unverändert wichtig, die antifaschistische Botschaft in die Welt zu tragen – auch außerhalb einer WM. „Wie wir das Projekt konkret weiterführen, wird sich zeigen“, so Denker. Eins steht fest: Die nächste WM kommt bestimmt. Nach dem Turnier ist immer vor dem Turnier.

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