Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Wenn die AfD zum Wirt wird
Die rechtsextreme Partei hat eine neue Strategie: leerstehende Gaststätten auf dem Dorf anmieten. Im rheinland-pfälzischen Gonzerath hat man sich daran schon gewöhnt.
A lso für eine Bratwurst, da sei er auch mal über die Straße rüber zur AfD gelaufen, sagt der Mann im Strickpullover. Er spaziert an einem Sonntag im März mit seiner Frau durch Gonzerath im Hunsrück. Die AfD hat in dem Ort seit über einem Jahr eine Gaststätte angemietet. Beide finden das zwar nicht schön, aber wirklich Probleme mache die AfD im Ort auch nicht. Was das Paar da sagt, klingt lapidar. Ein Schulterzucken, das nicht zuletzt zeigt: Die Strategie der AfD ist hier aufgegangen.
Dort, vor dem Gasthof zur Linde, wo ab und an der Bratwurststand parkt, stehen an diesem Sonntag Männer in blauen Anzügen. Sie schütteln Hände, man kennt sich, lacht und klopft sich auf Schultern. Einige haben eine Deutschlandflagge angesteckt.
Das Gasthaus Zur Linde hat ein Bitburger-Logo über der Tür, ein Sky-Schild an der Hauswand, darunter ein Zigarettenautomat. Bundesliga-Spiele kann man hier schon lange nicht mehr schauen und drinnen steht kein Wirt. Es ist eine Geschichte, die viele leerstehende Gaststätten in Rheinland-Pfalz so oder so ähnlich erzählen: Es war mal ein Ort, da traf man sich. Es gab gutbürgerliche Küche, am Wochenende waren die Tische voll. Nach 135 Jahren Familienbetrieb ist in der Linde Schluss, die nächste Generation will den elterlichen Betrieb nicht weiterführen. 2014 schließt das Lokal. 2017 übernimmt ein neuer Besitzer, eröffnet eine Pizzeria – die Umsätze stimmen nicht, auch er muss schließen.
Am 22. März wählt Rheinland-Pfalz ein neues Parlament. Es läuft auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD hinaus, die in der letzten Umfrage mit 28 zu 27 Prozent beinahe gleichauf liegen. Für die SPD geht der aktuelle Ministerpräsident Alexander Schweitzer ins Rennen, seine Partei hatte die Wahl 2021 mit 35,7 Prozent gewonnen. Herausforderer von der CDU ist Gordon Schnieder, der seine Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag seit 2023 führt.
Die AfD steht in Umfragen bei 19 bis 20 Prozent. Damit würde sie ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppeln. Es wäre nach der Wahl in Baden-Württemberg, wo die Partei auf 18 Prozent kam, eine weitere Normalisierung der AfD in einem westdeutschen Flächenland.
Die Linke könnte den Einzug knapp schaffen, es wäre ein Erfolg: 2021 erreichte sie nur 2,5 Prozent. Die FDP könnte aus der bundesweit letzten Ampel-Koalition fliegen: Derzeit steht sie bei weniger als drei Prozent und wird nicht mehr extra ausgewiesen in den Umfragen.
Bildung, Gesundheit, Wirtschaft: Das waren die Themen, die den Wahlkampf geprägt haben. Das Leistungsniveau an den Schulen steht in der Kritik, insbesondere eine Realschule in Ludwigshafen. Lehrer:innen berichteten von Vandalismus und Gewalt. Die CDU will Videoüberwachung, die SPD setzt auf mehr Schulsozialarbeit. Diskussionsthemen waren auch die mangelnde Gesundheitsversorgung in der Fläche und die darbende Industrie.
Da hatte die AfD eine Idee, die funktioniert so: Sie sucht gezielt nach diesen Gaststätten mit der Partei wohlgesinnten Besitzern, und mietet diese dauerhaft. In die Fenster hängt die AfD dann überlebensgroße Wahlplakate mit Porträts von Parteichefin Alice Weidel oder Jan Bollinger, dem aktuellen Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten in Rheinland-Pfalz. Die Partei will die Räume als Büro verwenden und gleichzeitig für Bürgerdialoge, Seniorentreffs und Weihnachtsmärkte. Es gibt Bier, mal eine Bratwurst. So ist es in Gonzerath passiert. Und so plant sie es bis 2029 laut eigenen Angaben in jedem Wahlkreis des Bundeslands.
Ein Besuch zeigt, wo diese Strategie verfängt und wo sie an Grenzen stößt. Es ist eine Geschichte von eingeworfenen Fenstern und einem Dorf, das sich mal gewehrt hat.
Politischer Frühschoppen in der Provinz
Gonzerath hat 1.300 Einwohner*innen. Es ist umgeben von Wald, in der Nähe fließt die Mosel, eine beliebte Wandergegend. Einige nennen es Hinterland, andere Provinz. Es gibt eine Bäckerei, einen geschlossenen Supermarkt, eine aktive Volleyball-Mannschaft, einen Sportplatz und eine Freiwillige Feuerwehr. Von den drei Gaststätten hat eine im letzten Jahr geschlossen, eine andere hat nur noch ein paar Tage die Woche geöffnet. Die dritte ist das neue Quartier der AfD.
An einem Sonntag Anfang März hat sie zum „Politischen Frühschoppen des Kreisverbandes Bernkastel-Wittlich“ eingeladen. Im Quartier zur Linde, wie die Gaststätte heute heißt, wolle man über die Schwerpunkte für die anstehende Wahl sprechen. Welche das sein sollen, hat die AfD nicht in die Einladung geschrieben. Mit dabei sein sollen: Jan Bollinger und der Direktkandidat und Kreisvorsitzende der AfD Bernkastel-Wittlich, Arnold Fiz.
Bei der Landtagswahl will die AfD 20 Prozent erreichen, damit würde sie ihr Ergebnis von 2021 verdoppeln. In aktuellen Umfragen liegt sie bei 19 Prozent, an dritter Stelle hinter CDU und SPD. In Gonzerath erreichte sie bereits bei der vergangenen Bundestagswahl 27 Prozent.
Spitzenkandidat Bollinger steht vor dem ehemaligen Gasthof und blinzelt in die Sonne. Das Programm, das man den Leuten hier biete, komme gut an, sagt er. Drinnen spreche man nicht immer über Politik, biete auch einfach mal nur gemeinsames Beisammensein an, sagt Bollinger.
Falls doch jemand über Politik reden wolle, sei man da und ansprechbar. Ungefähr so beschreibt es die AfD auch in einem der taz vorliegenden Strategiepapier mit dem Titel: „Verankerung in der Fläche – Die AfD erobert die Dörfer“, über das zuerst das Portal Table Media berichtete. Der Zeitpunkt des Bekanntwerdens ein paar Tage vor der Landtagwahl ist sicher kein Zufall. Darin heißt es, mediale Berichterstattung sei erwünscht, schließlich bemüht sich die AfD um den Eindruck, dass sie die einzige Partei in der Fläche ist, die sich kümmert. Weder das noch dass Presse tatsächlich erwünscht ist, wird sich später jedoch bestätigen.
In Gonzerath finden die Treffen bisher noch unregelmäßig statt, ein bis zweimal im Monat, sagt Wahlkreis-Kandidat Fiz. Zu Besuch war bereits Catalina Monzon, Landtagskandidatin für die AfD und Vorsitzende des Kreisverbandes Kusel. Auf Facebook postete sie ein Foto, Arm in Arm mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner, der für seine Remigrations-Agenda bekannt ist.
Das Quartier zur Linde finanziere die AfD mit Spenden und Unterstützung von Abgeordneten, sagt Fiz. Beim Landesparteitag im November kündigte Bollinger an, 600.000 Euro in den Wahlkampf zu stecken. Wie hoch die Miete ist, will Fiz nicht verraten. Nur so viel: Er vermutet, weil es die AfD ist, habe der Besitzer etwas draufgeschlagen.
Die AfD zahle für das zweistöckige Haus warm 2.000 Euro im Monat, sagt Janni Gashi der taz am Telefon. Er ist der Besitzer des Gasthofes und im Dorf bekannt. Lange Zeit besaß er ein Bordell etwas außerhalb von Gonzerath, eine weitere leerstehende Gaststätte habe er jetzt gekauft. Gashi ist vor 40 Jahren aus Albanien nach Deutschland gekommen und mittlerweile AfD-Mitglied. Für ihn ist das „eine Partei wie jede andere“.
Presse? Nein danke
Gasthöfe langfristig anzumieten, löst für die AfD auch ein anderes Problem: Räumlichkeiten für einzelne Veranstaltungen zu finden, war in der Vergangenheit schwierig. Oft gab es Boykottaufrufe und Proteste aus der Zivilgesellschaft. Im Dezember auch in Gonzerath. Die hätten aber „keinen langen Atem“ gehabt, sagt Bollinger. Im Frühjahr 2025 habe mal jemand die Fenster eingeworfen. Eine Anekdote, die auch Anwohner*innen im Ort erzählen.
Die taz wollte herausfinden, wie die Menschen in Gonzerath zu der angemieteten Gaststätte stehen. Aber schon bei der Anmeldung per E-Mail teilt Fiz mit: „Aufgrund der vollständig ausgeschöpften Kapazitäten können leider keine weiteren Anmeldungen mehr berücksichtigt werden“. An diesem Sonntag stehen dann etwa 15 Leute vor dem Eingang der ehemaligen Gaststätte. Nach vollständig ausgeschöpften Kapazitäten sieht das nicht aus. Vielleicht sind drinnen aber auch schon Menschenmengen, die eine Reporterin von außen nicht erahnen kann.
Nachgefragt bei Fiz, ob es nicht doch eine Möglichkeit gebe, dabei zu sein? Nein. Die Menschen aus dem Dorf würden sich dann nicht wohl fühlen, nicht offen sprechen. Wie viele sich denn angemeldet hätten? „Vier“, sagt Fiz.
Aber vielleicht ist es möglich, in die Gaststätte zu schauen, bevor es losgeht? Das müsse er abklären, sagt er, und verschwindet im Haus. Kurz darauf kommt der Wahlkreiskandidat wieder nach draußen und verkündet die wenig überraschende Botschaft: „Heute leider nicht.“ Auf Instagram posten gelegentlich AfD-Politiker*innen Fotos aus der Gaststätte: Die zeigen gelbe-orange Wände, Holzvertäfelungen, Parkettboden in Holzoptik – und große AfD-Banner.
„Ich will die hier nicht haben“
Als Journalistin darf man zwar nicht rein, aber kann durchs Dorf spazieren. Ein paar Häuser von der Gaststätte entfernt klingelt die Tür der Bäckerei Schmitt immer, wenn Kundschaft kommt. Hinter der Theke steht eine junge Frau und stapelt Schwarzwälderkirschtorten, Käsesahnetorten und Nusssahnetorten auf eine Pappe und wickelt sie in rosa Papier. Im Hinterzimmer sitzt der Bäcker und schaut Youtube-Videos.
Was die Verkäuferin zur Gaststätte der AfD sagt? „Also, ich will die hier nicht haben.“ Und das sähen die Leute im Dorf nicht anders. Viele hier seien gegen die AfD, das betont sie mehrmals.
Wie zum Beweis legt sie ihr Handy auf die Theke und öffnet einen Whatsapp-Kanal, 139 Mitglieder, Titel: „Gonzerath AfD Nein Danke“. Sie sei bei den Demonstrationen dabei gewesen, ihren Namen will sie aber nicht nennen. Der örtliche Jugendverein habe die Demo organisiert, ihr Vater habe als Ordner fungiert. Die Zeitung Der Trierische Volksfreund berichtete: Vor Weihnachten 2024 hätten etwa 250 Menschen wegen eines Infoabends mit dem EU-Abgeordneten Alexander Jungbluth vor der Gaststätte demonstriert.
Auch der Ortsvorsteher Christoph Steinmetz von der CDU sagt, er unterstütze den Protest. Am Telefon schildert er der taz, anfangs habe er sich „tierisch“ über die AfD aufgeregt. Und wie bei der Demo im Dezember die Lage eskaliert sei. Einige von der AfD seien aus dem Gasthaus gekommen, hätten sich „blöd hingestellt“, irgendwann angefangen zu filmen. Am Ende habe die Polizei dazwischengehen müssen. „Die sind nicht so brav, wie die glauben machen“, sagt Steinmetz.
Die letzte Nachricht im Whatsapp-Kanal „Gonzerath AfD Nein Danke“ ist von September 2025. Auf Facebook postete die gleichnamige Gruppe im Frühjahr 2025 regelmäßig Bilder von Protestaktionen: Banner am Ortseingang „Gonzerath Bunt & Weltoffen“; Bilder von Wahlplakaten, über die jemand Regenbogenflaggen geklebt hatte; bunte Straßenkreide auf dem Bürgersteig: „Wer sie wählt, weiß genau was er tut – wer schweigt auch“. Im Mai dann ein letztes Foto: Am Ortseingang hatte jemand die Banner rausgerissen.
„Der Protest ist ein bisschen eingeschlafen“, sagt die Verkäuferin in der Bäckerei. Warum, wisse sie nicht. Der CDU-Mann Steinmetz erzählt von der vielen Arbeit, der zeitraubenden Absprache mit den Behörden und der Polizei. Die Demo im Dezember blieb die erste und einzige.
Taskforce Südwest
Aus AfD-Kreisen heißt es, man wolle sich in Rheinland-Pfalz bürgerlich geben. Zuvor hatte die Partei eine „Taskforce Südwest“ ausgerufen. Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gelten als erfolgreiches Beispiel für die anderen westlichen Landesverbände. In Baden-Württemberg holte die Partei bei der Landtagswahl Anfang März 18,8 Prozent – ein Rekordergebnis für den Südwesten.
Nun kommt auch Bäcker Armin Schmitt aus dem Hinterzimmer an die Theke. Er kennt die Zeiten, als die Linde noch eine Kneipe war: „Da war die Hölle los.“ Und: „Schade drum“, findet Schmitt. Die taz, sagt er, sei im Übrigen schon einmal in der Bäckerei zu Besuch gewesen. Schmitt zitiert frei aus dem damals entstandenen Artikel: Das Café der Bäckerei „erinnert an den morbiden Charme der 50er-Jahre.“ Das sei gewesen, bevor er renoviert habe, betont er und lacht.
Die taz kam damals, um über ein Ereignis zu berichten, das Gonzerath bis heute prägt. Die NPD wollte 2007 in der ehemaligen Schule ein Zentrum einrichten. Dagegen gingen rund 2.000 Bürger*innen auf die Straße. Bis heute erzählen viele hier von diesem Erfolg. Nach den Protesten ging das Gebäude zurück an die Gemeinde Morbach, zu der Gonzerath gehört. Heute steht die Schule leer.
„Wir ziehen die Rechten an“, sagt Bäcker Schmitt. Schulterzucken. Der Unterschied zu damals: Als die NPD in die Bäckerei kam, seien die Leute aufgestanden und gegangen, erzählt Schmitt. Wenn heute die AfD reinkomme, könne man nichts sagen. „Die sind ja nett.“ Die Menschen, die die taz an diesem Sonntag in Gonzerath trifft, äußern sich alle ähnlich: Es sei nicht schön, dass die AfD den Ort als Aushängeschild nutzt, im Umkreis sei man schon das „Nazi-Dorf“. Aber wenigstens mache die Partei, anders als die NPD, keinen Krawall.
Rettet die Kneipe
Wo Kneipen schließen, da kann die Zustimmung für rechtsextreme Parteien steigen. Das zeigt eine Studie in Frankreich: Dort, wo die französische Kneipe, genannt „Bar-Tabac“, schließt, wächst die Zustimmung für das rechtsextreme Rassemblement National (RN). Im Deutschlandfunk nennt der Studienleiter der Technischen Hochschule ETH Zürich das Verschwinden der Bar-Tabac einen „Mechanismus zur Stärkung des RN“. Gleichzeitig stellte er fest: Dort, wo sie wieder öffnen, sinkt die Zustimmung für die Partei wieder. Gleichzeitig zeigen in Deutschland Studien, dass die AfD nicht allein wegen der fehlenden Kneipen wächst: Vielmehr sind es die migrationsfeindlichen Inhalte, die überzeugen.
Auf Kneipen setzt auch die SPD, die das Bundesland seit 1991 durchgängig regiert. Im Wahlprogramm verspricht sie, die Dorfkneipe zu retten. Das erzählt Ministerpräsident Alexander Schweitzer der taz. Es sei seine Idee gewesen. Die Partei verspricht, künftig Vereine, Genossenschaften und Gemeinden zu unterstützen, die eine Dorfkneipe wiederbeleben wollen. Dafür soll es eine einmalige Förderung und ein Beratungsangebot geben.
Laut Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) verschwanden 22 Prozent der Gastronomiebetriebe zwischen 2019 und 2021 – besonders Dorfkneipen. Kommt das Programm also nicht etwas zu spät? Es sei nie zu spät, das Richtige zu tun, sagt Schweitzer, der sein Amt als Ministerpräsident verteidigen will.
„Die wenigen angemieteten Kneipen der AfD sind nicht repräsentativ für Rheinland-Pfalz“, betont Schweitzer. Deren Quartiere ersetzten keinen Dorfkern oder das Café, in dem man sonntags essen gehe. Bei der Landespolitik sieht er keine Schuld am Kneipensterben oder der im ländlichen Raum erstarkten AfD. Im Vergleich gebe es viel mehr Anlaufstellen von demokratischen Parteien. Schweitzer verweist außerdem auf das regionale „Zukunftsprogramm“ von fast 200 Millionen Euro, das er auf den Weg gebracht habe. Es soll unter anderem Kommunen unterstützen, die vor besonderen strukturellen Herausforderungen stehen.
Nachgefragt bei Christoph Steinmetz, ob er von diesen Millionen schon mal gehört habe: Nein, davon habe er noch nichts mitbekommen, sagt der Ortsvorsteher. Sein Büro in Gonzerath könne er nicht mehr regelmäßig öffnen – zu viel Arbeit. Die Anwohner*innen könnten aber eine Sprechstunde vereinbaren, zum Beispiel, wenn zu viel Dreck auf der Straße liege.
Das Kneipen-Netzwerk
Die AfD-Kneipen sind ein Projekt von Damian Lohr und Sebastian Münzenmaier. Zwei Politiker, deren Namen auch vor dem Quartier zur Linde fallen. Letzterer gilt als Strippenzieher in der Partei – häufig ist vom „Münzenmaier-Netzwerk“ die Rede. Zudem ist er stellvertretender Parteivorsitzender in Rheinland-Pfalz sowie stellvertretender Fraktionsvorstand der AfD im Bundestag. Zudem ist er Mitglied der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz, die der Verfassungsschutz beobachtet, weil sie diesem zufolge einen „völkischen Nationalismus“ vertrete.
Münzenmaier ist verurteilt wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung. 2017 lauerte er gemeinsam mit anderen vermummten Hooligans aus Kaiserslautern Fans von Mainz 05 auf. Es gab Knochenbrüche und Platzwunden. Heute versucht er mit anderen aufstrebenden Radikalen, die Professionalisierung der Partei voranzutreiben. Rechtsextreme Grenzüberschreitungen und völkisches Gedankengut sind dabei kein Problem, auch enge Vertraute des Thüringer Fraktionschefs und Rechtsextremisten Björn Höcke sind dabei.
Damian Lohr ist Abgeordneter im Landtag Rheinland-Pfalz und war Vorsitzender der mittlerweile aufgelösten, rechtsextremen Jungen Alternative. Lohr ist dabei vor allem in Gauersheim, einem Ort in der Nähe von Worms, aufgefallen. Im Sommer hat die AfD dort den Treffpunkt „Nordpfalz“ in einem alten Weingut eröffnet.
Im Oktober 2025 eskalierte in Gauersheim ein Bürgerdialog zwischen der AfD, dem dortigen Bürgermeister Reiner Schlesser und einigen Anwohner*innen. Die Polizei schritt ein. Aktuell sei es ruhig in Gauersheim, sagt Schlesser der taz am Telefon. Die AfD verhalte sich unauffällig, vielleicht auch, um vor den Wahlen keine Stimmen zu verlieren.
Damian Lohr erklärte im SWR, dass seine Partei in Gauersheim noch deutlich aktiver werden wolle. Geplant sei unter anderem immer montags eine Bürger-Sprechstunde mit Lohr oder Münzenmaier. Mit Gulasch und Aperol wolle man außerdem Jugendliche ansprechen und eine niedrigschwellige Anlaufstelle sein.
Damit will man also, wie im Kneipen-Strategiepapier, den Eindruck vermitteln: „Leben im Dorf zurück!“. Das scheint in Gonzerath nie weg gewesen zu sein. Ortsvorsteher Steinmetz erzählt von einer lebendigen Vereinskultur, Halloween-Partys, Karnevalsumzügen, Konzerten, Chorabenden und gemeinsamen Frühstück in der Turnhalle. Als im Dezember Menschen gegen die AfD im Quartier zur Linde protestierten, seien das vor allem die Jugendlichen gewesen.
Einige Wochen nach dem Besuch in Gonzerath erzählt der Besitzer der Gaststätte Zur Linde, Janni Gashi, der selbst AfD-Mitglied ist: Seitdem er an die Partei vermiete, seien seine Umsätze eingebrochen. Im Dorf rede kaum einer mehr mit ihm. „Ich hab Stress“. Außerdem sei die Miete zu niedrig. „Das rechnet sich nicht“, meint Gashi. Zu Dezember habe er der AfD gekündigt.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert