Kaiserslautern nach der Wahl: „Kein Zufall, dass die AfD hier stark ist“
Kaiserslautern galt einst als SPD-Hochburg. Jetzt verlieren die Sozialdemokraten hier – und die AfD feiert Erfolge. Warum?
Bei jedem Punkt stößt der Mann mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Luft. Die SPD solle sich nicht wundern, dass sie so eine Schlappe eingesteckt habe: „Die reden nur und machen nichts“, sagt er der taz. Er will sich nicht aufregen, und tut es doch: Deutsche hätten es am schwersten im eigenen Land. Bevor er auf die Landtagswahlen angesprochen wurde, saß er ganz friedlich in einem Sessel im Shoppingcenter „K in Lautern“ und wartete auf seine Frau.
Es ist Montagmittag, ein Tag nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Am Sonntag holte die AfD in Kaiserslautern mit 26 Prozent die meisten Zweitstimmen. Im Vergleich zur letzten Wahl 2021 sind das knapp 15 Prozentpunkte mehr. Es ist der einzige Wahlkreis bei dieser Landtagswahl, in dem die AfD die meisten Zweitstimmen holte. Schon bei der Bundestagswahl 2025 war das Ergebnis ähnlich. Neben Gelsenkirchen war Kaiserslautern die erste westdeutsche Stadt mit einer AfD-Mehrheit.
Das K in Lautern war mal ein Einkaufszentrum mit allem, was das Herz begehrt. Ein Gefühl von Großstadt – hier bekam man Frozen Yoghurt, hier konnte man Germany’s Next Topmodel Stefanie Giesinger treffen. Heute ist das anders. Im K sind nur noch einzelne Geschäfte besetzt, der ehemalige Foodcourt ist leer. Bedruckte Pappwände vor den Schaufenstern verbergen die gähnende Leere dahinter. Auf einer ein Bild von zwei jubelnden Spielern des 1. FC Kaiserslautern. In der Ecke steht ein Hinweis: KI-generiert.
Der Traditionsverein mit dem Stadion, das auf dem Betzenberg über der Stadt thront, wird gerne als Sinnbild für die Stadt angeführt: Ein Fußballverein, dem der Aufstieg in die erste Liga einfach nicht wieder gelingen will. Jahrelang galt Kaiserslautern als SPD-Hochburg. Mit zwei Ausnahmen in den 1950er-Jahren wurde der Wahlkreis immer von sozialdemokratischen Direktkandidaten gewonnen – auch dieses Mal. Andreas Rahm von der SPD holte zwar den Wahlkreis, jedoch nur knapp vor dem Direktkandidaten der AfD, Tom Kotzian.
Lautern war mal SPD-Stadt
Wen er bei der Landtagswahl gewählt hat, will der Mann in der Shoppingmall nicht sagen. Keine der großen Parteien, an die glaube er schon lange nicht mehr. Die Politik mache immer mehr Schulden, nehme sich immer mehr Geld und trotzdem gebe es keine Veränderung. „Keine Ärzte und keine Handwerker“, sagt er. Jetzt sei er Rentner, aber früher habe er als Metallbauer gearbeitet, einige Jahre auch beim Opel Werk in Kaiserslautern. „Heute will sich niemand mehr die Finger schmutzig machen“, sagt er. Er sei sich sicher, Leute wählten die AfD aus Protest, nicht, weil sie rechtsextrem sei. Ob er glaube, dass die AfD alles besser machen würde? Nein, soweit wolle er auch nicht gehen.
Kaiserslautern steht für eine „strukturschwache“ Region, eine 100.000-Einwohner-Stadt im Strukturwandel: Viele alte Industriejobs fallen weg. Opel war mal der größte Arbeitgeber in der Stadt. Dort arbeiten aktuell noch knapp 950 Menschen, früher waren es mehrere Tausend. Das Traditionsunternehmen Pfaff produziert Nähmaschinen seit 2004 in Shanghai.
Im vergangenen Juli 2025 lag die Arbeitslosenquote in Kaiserslautern bei 9,5 Prozent – und damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 6,3 Prozent. Im vergangenen Jahr hoffte man auf neue Arbeitsplätze durch die Ansiedlung der Batteriezellenfabrik des Unternehmens ACC. Das gab die Pläne im Februar jedoch auf – Grund sei die schwache Nachfrage nach E-Autos in Europa. Insgesamt hätten 2.000 Arbeitsplätze entstehen sollen.
Gleichzeitig kommen neue Jobs in Logistik, Verkehr und Gesundheitswesen dazu. Die sind aber häufig schlechter bezahlt als Industriearbeit. Auch durch die Technische Universität Kaiserslautern oder die wachsende Rüstungsfirma General Dynamics entstehen Arbeitsplätze.
Strukturwandel ist nicht alles
Am Musikerplatz in der Innenstadt von Kaiserslautern sitzen Zora Tischer und Ulrike Ebert-Wenski im Kulturzentrum Vielfalter. „Es ist kein Zufall, dass die AfD hier so stark ist“, sagt Ebert-Wenski. Der Strukturwandel und die hohe Arbeitslosigkeit seien nicht die einzigen Gründe für eine starke AfD, vielmehr die gezielten Gelder und Ressourcen, welche die AfD genau in diese Region stecke. Sie sei präsent, insbesondere in den Vierteln, wo sich die meisten anderen Parteien nicht mehr hintrauten. Dort gebe sich die AfD als der „nette Nachbar“.
Kaiserslautern ist auch der Wahlkreis von Sebastian Münzenmaier, Direktkandidat der AfD bei der Bundestagswahl – bekannt als „Strippenzieher der Partei“. Zuletzt veröffentlichte er ein Strategiepapier: „Verankerung in der Fläche“. Darin plant die Partei bis 2029 in jedem Wahlkreis leer stehende Gaststätten anzumieten. Die sollen sowohl Büro als auch Veranstaltungsraum sein: für Weihnachtsmärkte, Kneipenabende, Seniorentreffs.
Gegen das hohe Personal der AfD und die Präsenz in der Fläche, komme ihr „Bündnis Kaiserslautern gegen rechts“ nicht mehr an, erzählt Tischer im Vielfalter. Der Wahlkampf sei anstrengend gewesen. Die Partei werde mutiger und aggressiver. Wenn in der Innenstadt ein großer Wahlkampfstand der AfD stehe, dann interessiere das niemanden mehr – das sei normal.
Das Bündnis wolle gleichzeitig nicht „über jedes Stöckchen“ der AfD springen, sondern gezielt Kundgebungen und Stände organisieren, um Präsenz zu zeigen. Deshalb sei es zentral, sich zu vernetzen – auch überregional, etwa mit den Omas gegen rechts und anderen Bündnissen, zum Beispiel auch aus dem Saarland. Dann könne man sich absprechen, wer wann wo hinfahre. So, wie es die AfD im ländlichen Raum macht – gezielt Immobilien fest anmieten – das würde sich die Partei hier nicht trauen, sagt Tischer. Wenn die Partei das in der Vergangenheit in der Stadt versucht habe, konnte man das verhindern.
Im Grübentälchen
Eines der Viertel, wo sich die AfD besonders viel aufhalte, sei das Grübentälchen, erzählen Tischer und Ebert-Wenski. Der Stadtteil gelangte zu bundesweiter Bekanntheit durch die Vox-Doku „Asternweg“, die Arbeitslosigkeit und Armut in dem Viertel zeigte – inklusive Untertitel, damit der Rest von Deutschland den Dialekt versteht. Bei den Landtagswahlen am Sonntag wählten dort 36 Prozent den Direktkandidaten Tom Kotzian und die AfD, 10 Prozentpunkte vor der SPD auf dem zweiten Platz.
Um zum Grübentälchen von der Innenstadt zu gelangen, muss man erst mal über eine große Brücke. Die Autos fahren hier dreispurig. Der Großteil ist auf dem Weg raus aus der Stadt. Entfernt man sich etwas von dieser Schneise ist das Viertel ruhiger. Ein Mann gärtnert vor einem Häuserblock in einem Beet. Von den Ergebnissen der Landtagswahl hat er noch nichts mitbekommen. Es interessiere ihn auch nicht.
Direkt gegenüber liegt eine Kneipe – massive dunkle Holztische, eine Theke, die in den Raum ragt. Und tatsächlich: Am Mittag sitzt hier schon eine kleine Gruppe Menschen. „Ohne Dart würde sich die Kneipe nicht halten können“, sagt eine Frau, die hier oft ist.
„Die Leute gehen alle in die Innenstadt, da läuft die Gastronomie gut“, sagt sie. Aber hier im Grübentälchen fühlten sich viele abgehängt: Es dominieren hohe Preise und das Gefühl, das niemand in die Gegend investiere. Bis auf die Freien Wähler, schildert sie, sei niemand in der Kneipe vorbeigekommen.
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