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AfD-Ergebnis in Rheinland-PfalzMainz ist leider nicht Gommern

Die AfD hat sich auch im Westen trotz ihrer Radikalisierung bei fast 20 Prozent etabliert. Ausgerechnet im Osten verliert sie jetzt.

Jan Bollinger (AfD) jubelt nach der Landtagswahl Foto: Thomas Frey/dpa

Im vorläufigen Endergebnis lag die AfD mit 19,5 Prozent dann doch einen halben Prozentpunkt unter den eigenen Erwartungen. Dem Spitzenkandidaten Jan Bollinger war das nach außen hin allerdings herzlich egal: „Das ist mit Abstand das beste Ergebnis der AfD im Westen“, sagte er vor dem Mainzer Landtag. Ganz so rekordverdächtig ist das Ergebnis aber gar nicht, denn zwei Wochen zuvor hat die AfD diesen Rekord mit 18,8 Prozent in Baden-Württemberg schonmal gebrochen – der Abstand ist eher klein.

Auch wenn die Partei bei beiden Landtagswahlen unter ihren Erwartungen lag, zeigt sich: Die AfD kann ihr Potenzial im Westen derzeit voll ausnutzen und sich trotz Radikalisierung und Verbindungen zu extrem rechten Organisationen weiter normalisieren. Das verdankt sie einer krisenhaften Weltlage und schwächelnden Wirtschaft dank der Kriege zweier AfD-Freunde: Wladimir Putin und Donald Trump.

Bei Letzterem kommt auch noch dessen Zollpolitik hinzu. Den AfD-Wähler*innen scheint es egal zu sein, dass Autokraten und Oligarchen für ihre Misere verantwortlich sind. Sie wählen den Autoritarismus und die vermeintlich einfachen Antworten auf komplexe Fragen: Ausländer*innen, Sozialhilfeempfänger*innen, grüne sowie linke Eliten seien schuld. Nach mehreren Jahrzehnten Neoliberalismus und gewachsener Ungleichheit im Zuge eines deregulierten Kapitalismus profitiert absurderweise die marktradikal ausgerichtete AfD von Alice Weidel.

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Auch in Rheinland-Pfalz: Tatsächlich hat die AfD die Anzahl ihrer Mandate vervierfacht. Im neuen Landtag wird sie künftig mit 24 statt 6 Abgeordneten sitzen. Bollinger kündigte bereits am Montag an, als Erstes einen Untersuchungsausschuss zur Coronapandemie einzuberufen – mit Spezialerkenntnissen gegen die Mainstream-Wissenschaft. Das kann die Partei nun aus eigener Kraft.

Stark bei Ar­bei­te­r*in­nen und Jungen

Ansonsten verfestigen die Ergebnisse aus Rheinland-Pfalz die Erkenntnisse, die man auch schon in Baden-Württemberg gewinnen konnte: Die AfD schneidet stark ab bei Ar­bei­te­r*in­nen (39 Prozent) und profitiert vom Rechtskurs der übrigen Parteien. Viele ihrer Wäh­le­r*in­nen lassen sich von Fakten oder Parteikrisen nicht beeindrucken.

Der auch in Rheinland-Pfalz grassierende AfD-Filz war vielen Wäh­le­r*in­nen wurscht: Laut Nachwahlbefragung von Infratest dimap sagten 16 Prozent, dass es sie ärgere, wenn AfD-Politiker*innen Angehörige von Parteifreunden in ihren Büros beschäftigten. Und auch in Rheinland-Pfalz zeigt sich mal wieder, dass 79 Prozent der AfD-Wähler*innen Abstiegsängste haben – 30 Prozent davon beurteilen ihre wirtschaftliche Lage derzeit als „schlecht“.

Stark ist die AfD bei jungen Menschen: Bei 18- bis 24-Jährigen erreichte sie 21 Prozent (vor der SPD mit 19 Prozent und der Linken mit 16 Prozent). Die größten Erfolge erzielt die AfD allerdings weiter in der Altersgruppe zwischen 35 und 44 Jahren – 26 Prozent. Bei Frauen holte die Partei 16, bei Männern 24 Prozent.

Den Erfolg bei jungen Menschen, der für die Partei auch ein Versprechen für die Zukunft ist, erklärte Jan Bollinger so: „Junge Menschen informieren sich stärker über soziale Medien, wo nicht so viel eingeordnet wird, sondern wo sich viele eben selbst Informationen zusammentragen und sich ein eigenes Bild machen.“ Man könnte ergänzen: wo ohne Fakten Lügen und falsche Versprechen leicht verfangen.

CDU + Rechtsruck = AfD-Normalisierung

Vorwürfen, die AfD könne in der Opposition nichts bewirken, konnte Bollinger allerdings mit Argumenten widersprechen, die insbesondere der Union weh tun sollten: „Die Themen haben wir doch schon gesetzt. Wenn die CDU von Migrationswende redet und wenn [der künftige CDU-Ministerpräsident Gordon] Schnieder von Messerkriminalität als importierter Kriminalität redet, sind das die Themen, die wir seit Jahren ansprechen.“

Damit trifft Bollinger einen wundern Punkt: Die Union gibt mit ihrer bundespolitischen Themensetzung – etwa rassistischen Stadtbilddebatten und populistischen Zuspitzungen im Wahlkampfendspurt – seit Jahren der AfD recht. Über Bande regiert die Partei praktisch mit. Obwohl das wahrlich keine neue politikwissenschaftliche Erkenntnis ist und zudem selbst von der unionseigenen Konrad-Adenauer-Stiftung schon in eine Studie gegossen wurde, muss man sich fragen, ob das auch in der Führungsebene der Union angekommen ist.

Die AfD Rheinland-Pfalz wolle nun die Präsenz in der Fläche ausbauen und viele Wahlkreisbüros anmieten, um „nah bei den Menschen zu sein“, sagte Bollinger. Die Partei setze dabei darauf, leerstehende Gaststätten in Dörfern anzumieten, um präsent zu sein. Ein entsprechendes Positionspapier des AfD-Netzwerkers und Vize-Landeschefs Sebastian Münzenmaier liegt der taz vor. Im „Strategiepapier ländliche Raumnahme“ kündigt er an, das Konzept in der nächsten Legislatur ausbauen zu wollen. Man wolle die Dörfer erobern und in jedem Wahlkreis ein „multifunktionales Zentrum“ in ehemaligen Gaststätten, Discotheken oder Weingütern einrichten.

Das Ziel ist weitere Normalisierung: Geselligkeit und Kennenlernen sollen im Vordergrund stehen – Bratwurst, Bier und Wein statt langer politischer Reden. Die ersten dieser AfD-Kneipen gibt es schon – sie stoßen auf Zuspruch, aber auch auf entschiedenen Widerstand.

Schmerzhafte Niederlagen im Osten

Ein unaufhaltsamer Siegeszug der AfD ist damit aber längst nicht ausgemacht, auch nicht mit Blick auf die Landtagswahlen in Ostdeutschland. Tatsächlich gab es ausgerechnet im Osten diesen Sonntag auch schmerzhafte Niederlagen für die Partei – nämlich bei den Kommunalwahlen. Vor der eigenen Haustür möchte man offenbar dann doch keine Rechtsextremen in Verantwortung.

Die AfD verlor bei den Landratswahlen im brandenburgischen Spree-Neiße-Kreis die Stichwahl – wie zuletzt eigentlich überall auf kommunaler Ebene. Und in Sachsen-Anhalt wurde ein AfD-Kandidat regelrecht deklassiert: In der 10.000-Einwohner-Kleinstadt Gommern kam der Amtsinhaber auf 87,1 Prozent der Stimmen, der AfD-Kandidat nur auf 12,9 Prozent.

Die Bürger in Gommern feierten den Erfolg ihres offensichtlich beliebten Ortsbürgermeisters Jens Hünerbein mit einem Plakat, das auch eine Spitze gegen den AfD-Kandidaten Anders Rau enthielt, der unter anderem mit Kokainmissbrauch und Pornovideos auf sich aufmerksam gemacht hatte. Und so hängt nun im Jerichower Land ein Transparent mit der Aufschrift: „Kein Rauer Wind in der Einheitsgemeinde Stadt Gommern! Wir gratulieren Jens Hünerbein zur Wiederwahl als Bürgermeister!“

Der Rechtsextremismus-Experte David Begrich aus Magdeburg fand das durchaus bemerkenswert. Er sagte der taz dazu: „Gommern wählt weniger AfD als Rheinland-Pfalz. Im Westen setzt sich der Normalisierungsprozess fort mit Ergebnissen, die es vor zehn Jahren auch im Osten gab. Hier wiederum setzt nun eine Differenzierung ein: Bei Landrats- und Kommunalwahlen schauen die Leute ganz genau hin, wen sie wählen.“ Das gelte es auch für die Landtagswahl im Hinterkopf zu behalten, so Begrich – „in Gommern zeigt sich: Die AfD kann nicht Stroh zu Gold spinnen“.

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9 Kommentare

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  • "Der auch in Rheinland-Pfalz grassierende AfD-Filz war vielen Wäh­le­r*in­nen wurscht"

    Ich denke, für viele Wähler macht es schon einen Unterschied, ob die AfD ihre Mitarbeiter im AfD-Umfeld, wozu auch Verwandte gehören, rekrutiert, oder ob eine Regierungspartei Staatsbeamte noch nicht mal heimlich für sich arbeiten läßt.



    Die Aufdeckung dieses SPD-Filzes kurz vor der Wahl war möglicherweise der Grund, warum es doch nicht zu einem Kopf an Kopf Rennen zwischen SPD und CDU kam.

    Und eine Persönlichkeitswahl in einem kleinen Ort als Anzeichen für einen Niedergang der AfD zu sehen ist schon sehr weit hergeholt.



    Nach dieser Logik ist am vergangenen Sonntag die CSU untergegangen. Denn sie hat bei den Stichwahlen in Bayern reihenweise Landratsposten an die Freien Wähler verloren.

  • So richtig verstehe ich die Argumentation, das die CDU Schuld ist, nicht. Die CDU hat Wähler gewonnen, also müssen die angesprochenen Themen den Wählerinnen ja wichtig gewesen sein. Alles links der CDU hat offensichtlich nicht überzeugen können.

  • AfD: da, wo Informationen nicht eingeordnet werden, sind wir stark und rekrutieren unsere Wähler. Die ERkenntnis ist nicht überraschend, das BEkenntnis schon.



    Die Abstiegsangst und der Faschismus... nehmen wir uns doch noch mal die Zeit für einen kurzen Dank an Rot-Grün für die Agenda 2010.

  • dieser vergleich ist schon schräg. eine stichwahl mit einer landtagswahl zu vergleichen... in rlp hätte die afd in einer stichwahl auch keine chance gehabt, weil 100-20 sind 80, 80 % die keine afd wählen wollen.

  • Es ist unerträglich: Die fortschreitende Nazifizierung unseres politischen Diskurses ist kein Schreckgespenst mehr, sondern bittere Realität. Wenn eine in Teilen rechtsextreme Partei in Rheinland-Pfalz fast 20 Prozent holt, ist das kein Protest, sondern die Kapitulation vor dem Hass. Wer die Sprache der Ausgrenzung normalisiert, bereitet den Boden für eine Gesellschaft, in der nicht mehr das Argument, sondern die Herkunft über den Wert eines Menschen entscheidet.



    ​Doch inmitten dieser düsteren Entwicklung gibt es einen Lichtblick: Die jüngsten Stichwahlen bei den Kommunalwahlen im Osten haben gezeigt, dass die Brandmauer dort hält, wo Bürger mutig für die Demokratie aufstehen. Dass rechtsextreme Landratskandidaten – wie zuletzt in Brandenburg – trotz massiver Hetze in der entscheidenden Runde scheiterten, beweist: Die Mehrheit will keine braune Zukunft. Dieser Sieg der Vernunft muss uns Ansporn sein. Wir dürfen den Lautsprechern des Hasses nicht das Feld überlassen. Die Freiheit stirbt nicht mit einem Knall, sondern mit dem Schweigen der Anständigen. Widerstand ist jetzt Bürgerpflicht!

  • *Die AfD kann nicht Stroh zu Gold spinnen*: das ist natürlich richtig; trotzdem bin ich dagegen die AfD immer nur zu stigmatisieren, ich mag sie auch nicht, aber sie vertritt zum grossen Teil die Werte und Ideen wie es die CDU vor rund dreissig Jahren vertrat.



    Würde man der AfD ihre Ämter zugestehen und sie normal in der Politik mitmachen lassen, würden ihre Unzulänglichkeiten zutage treten, und man könnte sie fachlich stellen. Meiner Meinung nach wäre die AfD höchstens halb so gross würde sie als normale Partei eingegliedert. Rechtsextreme Aussagen können ja nach wie vor angezeigt werden. Im Rahmen der Strafbarkeit sind rechtsextreme Aussagen nach wie vor strafbar.

    • @Nico-1:

      "... normal in der Politik mitmachen lassen...."



      Weidel, v. Storch, Brandner, Hilse, Steffen, Kraft, Baumann, Curio, Frömming, Frohnmeier, Jacobi, Krah, Kotré, Münzenmeier, Lucassen... - mal ein paar der "Unterhaltsamsten", wenn man Bundestagsreden verfolgt.

      Wenn man allerdings die aktuelle Politik als "normal" betrachtet, ist der Gedanke gar nicht mehr so abwegig.

  • Ich hab sowieso nie verstanden warum die AfD nicht dort angegriffen wird wo sie interne Widersprüche OstWest nur notdürftig kaschiert.



    Der äußerst machtbewusste ostdeutsche Flügel der AfD hätte schon längst gegen das westdeutsche Parteiestablishment in Stellung gebracht werden müssen. Steilvorlagen gäbe es genug, hätten die anderen Parteien nur nicht die Hosen zu voll um ostdeutsche Narrative und Interessen mal selbstbewusst aufzugreifen.



    Man wundert sich ja schon auch etwas über die Berichterstattung über die beiden Landtagswahlen. Bei vergleichbaren Ergebnissen brach immer ein Gewitter über uns herein wie demokratieuntauglich wir doch seien. Wann kommt die nun eigentlich fällige Betrachtung warum Westdeutsche scheinbar nicht reif und verständig genug für linke Politik sind? Die Ergebnisse der Linkspartei in meinem Wahlkreis waren dagegen ja schon immer zweistellig.

    • @Šarru-kīnu:

      "Wann kommt die nun eigentlich fällige Betrachtung warum Westdeutsche scheinbar nicht reif und verständig genug für linke Politik sind?"

      Ganz einfach - wenn diejenigen, die ahnungslos von "westdeutscher" oder "ostdeutscher" Perspektive schwafeln endlich den Mund halten, also nicht zu unseren Lebzeiten.



      Von den Menschen in den AfD-Hochburgen haben die nämlich insgesamt relativ wenig Ahnung und von denen im anderen "Landesteil" im Zweifelsfall gar keine - egal von welcher Seite der ehemaligen Mauer die kommen.



      Gerade erst wieder im ländlichen RLP den Spruch gehört, es gäbe "vom Staat keine Investitionen mehr, seit der Dicke aus Oggersheim das Geld in den Osten geschaufelt hat." Und auch danach wären ja die Banken, die Griechen und was weiß ich noch alles immer wichtiger gewesen als die betreffende Region. Diese Leute passen nur bedingt in die klassischen Ost-West-Feindbilder - "Jammerossis" im Westen? Geht gar nicht 😉