Kuratorin über gehäkeltes Korallenriff: „Wir reagieren aufs Dystopische durch etwas Konstruktives“
Der Osnabrücker Kunstraum Hase 29 fordert zum Häkeln eines Korallenriffs auf. Kuratorin Ann-Katrin Günzel über Kollektivität und Möglichkeitsräume.
Foto: Jenna Bascom for MAD
taz: Frau Günzel, Freiwillige häkeln Korallen, im Namen der Kunst. Ist das eine Warnung vor dem Korallensterben im Namen des Naturschutzes?
Ann-Katrin Günzel: So ist es gedacht. Die Aktion verweist auf das Great Barrier Reef in Australien, das ja stark geschädigt ist. Das Häkel-Riff macht darauf aufmerksam, dass dort Neues entstehen muss, weil viel Altes abgestorben ist
taz: Die Ausstellung spricht das aufklärerisch an?
Günzel: Indirekt. Sie beschäftigt sich mit utopischen Weltentwürfen, eröffnet neue Möglichkeitsräume. Natürlich spielt das Dystopische in ihr eine große Rolle, als zugrunde liegende Folie.
taz: Was sehe ich, wenn ich sie betrete? Im Kern das, was der Partizipativ-Aktion entspringt?
Günzel: Genau. Bei uns entsteht eines der „Satellitenriffe“, aus denen das Langzeitwerk „Crochet Coral Reef“ der australischen Künstlerinnen Christine und Margaret Wertheim besteht. Wie groß es wird, wissen wir natürlich noch nicht. Vielleicht füllen wir bis zum Dezember nur eine kleine Vitrine. Vielleicht wächst das Osnabrücker Riff aber auch so sehr, dass es den gesamten Kunstraum füllt.
taz: Es tritt gegen Großes an: die Klimakatastrophe, die Agrarpestizide im Meer, die Bodenschleppnetze der Fischindustrie.
Günzel: Das Häkeln eines Korallenriffs allein bewegt keine Großkonzerne, sich zu ändern. Aber es kann einen Beitrag dazu leisten, indem es dem Denken und Umdenken einen kontemplativen Raum gibt, einen Handlungsraum, verbunden mit der Einladung, ihn zu betreten. Je mehr Menschen das tun, desto größer die Wirkung. Es erfordert viele Stimmen, gegen große Mächte anzugehen. Aber es ist nicht unmöglich.
Christine und Margaret Wertheim, Institute For Figuring: „Utopia“, als Teil von „Crochet Coral Reef“. Häkeltreffen: 25. Juli 2026, 15 Uhr, Kunstraum hase29, Osnabrück
taz: Es ist also keine Utopie, dass die Kunst die Welt verbessern kann?
Günzel: Wenn überhaupt etwas Möglichkeiten hat und eröffnet, Ideen aufs Spielfeld bringt, dann ist es die Kunst. Sie hilft uns, uns aus bequemen Strukturen zu lösen, hinein ins Unbequeme. Es ist natürlich bequemer, sich keine Gedanken zu machen, und da herrscht dann zugleich viel Ohnmacht. Aber wenn man seine Kräfte bündelt, kann man viel bewegen. Unser Riff zeigt: Jeder Einzelne leistet einen Beitrag.
taz: „Utopia“ dockt an den Trend zum Craftivism an. Worauf zielt Ihre Symbiose aus Handarbeit und Aktivismus? Auf kollektive Entschleunigung, auf einen Politprotest?
Günzel: Auch. Wir reagieren auf das Dystopische durch etwas Konstruktives. Es wird etwas erschaffen – gemeinsam. Durch Handarbeit, die nur auf den ersten Blick etwas Muffiges hat, etwas Altes, etwas nicht Relevantes, Unaktuelles. Indem nicht nur Wolle verhäkelt wird, sondern auch Müll, alte Plastikschnüre zu Beispiel, ist das auch eine Form von Recycling.
taz: Wer beteiligt sich an diesem Projekt?
Günzel: Bisher fast ausschließlich Frauen. Das liegt nicht nur an der Handarbeit. Frauen sind viel eher bereit, im Kollektiv etwas entstehen zu lassen.
taz: Haben Sie selbst schon einmal Korallen im Meer erlebt?
Günzel: Ich bin keine Taucherin, aber ich würde das gerne mal machen. Als Schülerin wollte ich entweder Meeresbiologin oder Kunstwissenschaftlerin werden. Ich habe mich für die Kunst entschieden, und deshalb häkle ich jetzt, statt zu tauchen.
taz: Sie häkeln selber mit?
Günzel: Klar! Übrigens muss nicht alles nur auf unseren Häkeltreffen entstehen. Wer unserem Aufruf, ein Osnabrücker Riff zu gestalten, folgen will, kann auch zu Hause arbeiten und uns das Resultat dann zuschicken. Wir fügen es dann der Installation hinzu.
taz: Ist Naturtreue wichtig, oder zählt auch die reine Fantasie?
Günzel: Wer will, kann einer Anleitung der Wertheim-Schwestern folgen, die reale Korallen zeigt. Aber im Prinzip hat man alle Freiheiten. Manches sieht dann vielleicht wie ein Polyp aus, anderes wie ein Seestern.
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