Kunst gegen Rechts: Weil Schweigen keine Option ist
Eine Gruppenausstellung in Berlin-Friedrichshain positioniert sich vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Meck-Pomm und Berlin gegen Rechtsradikalismus.
Foto: Talya Feldman
Was tun, wenn es brennt? Am besten zur Alten Feuerwache nach Berlin-Friedrichshain gehen, in deren ehemaliger Spritzenwagenhalle – heute eine kommunale Galerie –, läuft gerade eine Ausstellung mit klarer Setzung: „Kunst gegen Rechts“. Aufhänger sind die im September anstehenden Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin.
Anlass sei die akute Gefahr, dass dann „die demokratischen Parteien nicht in der Lage sein werden, die nächste Regierung zu bilden“, warnen die beiden Kurator:innen Anne Mundo und Dirk Teschner im Booklet vorsorglich. Und schicken durchaus plakativ hinterher: „Kunst macht da nicht mit! Kunst schlägt dazwischen!“ Bereits 2017 hatten die beiden erstmals eine Ausstellung mit dem Titel „Kunst gegen Rechts“ konzipiert, damals zog zum erstmals seit 1960 eine rechtsradikale Partei in den Bundestag ein. Seither sind viele weitere Tabus gebrochen worden.
Intervention ist ganz bestimmt ein Motiv, das einigen der 17 Arbeiten der beteiligten Künstler:innen aus dem In- und Ausland zugrunde liegt. Und doch wirkt die Schau insgesamt vielschichtig und kaum alarmistisch, sondern feinfühlig, auch nüchtern-dokumentarisch und manchmal mit hintersinnigem Humor zusammengestellt.
Man muss nur den gläsernen Baseballschläger des Dresdner Künstlers Thomas Judisch betrachten, der an einer Säule in einem Holzverschluss angebracht ist, um zu wissen, was die Stunde geschlagen hat. Von weitem sieht sein Glasobjekt aus wie eine kunstvoll geschliffene Karaffe. Erst wenn man „Die Rüpel von Rostock“ genauer betrachtet, entdeckt man ins Glas eingravierte Tags und Logos, die wie Klograffiti aussehen.
„Kunst gegen Rechts“. Alte Feuerwache, Berlin-Friedrichshain, bis 20. September. Am 2. 9. und am 9.9. gibt es jeweils um 18 Uhr Artist Talks
Symbol rechtsradikaler Gewalt
Der Baseballschläger ist im Kontext der deutschen Wiedervereinigung in den frühen 1990ern zu einem Symbol rechtsradikaler Gewalt geworden. Judisch nimmt das US-Sportgerät wieder aus diesem Bezugsrahmen, lässt es transparent aussehen und stellt Bezüge zur antiken Mythologie her, etwa zur Keule des tragischen Helden Herakles. Latent gewalttätig wirkt der Schläger trotzdem.
An einer Wand um die Ecke leistet der Berliner Musiker und Künstler Moritz Sturm dringend benötigte Aufklärung und beurkundet Vorgänge, die staatliche Institutionen fatalerweise unterlassen haben. Seine 45-teilige Tusche-Porträtserie „Todesopfer rechter Gewalt“ erinnert an Menschen, die seit 1990 von Neonazis in den drei Bundesländern (in denen die Wahlen stattfinden) ermordet wurden. Von manchen existiert nicht mal ein Foto, sodass Tatorte abgebildet werden.
Mit einem QR-Code lassen sich die Biografien der Opfer interaktiv nachlesen. Etwa die von Dragomir Christel, einem aus Rumänien stammenden 18-jährigen Geflüchteten, der im März 1992 in der Nähe von Rostock von Neonazis erschlagen wurde. „Schweigen ist keine Option“, erklärt Moritz Stumm in einem Statement und weist auf Diskursverschiebungen im gesellschaftlichen Dialog hin, wobei er nicht nur die fatale Popularität der AfD benennt, sondern auch, dass ihr toxischer Parolenschrott wie Nervengift in den allgemeinen Sprachduktus des Mainstreams eingesickert ist.
Wenn faktenbasierte und wissenschaftliche Erkenntnisse von irrationalen Ängsten verdrängt werden, logische Argumente völkischer Ideologie Platz machen sollen und menschenverachtende Verlautbarungen als Politik fungieren, muss sich der Wind wieder drehen. Schon jetzt flattern die beiden großformatigen Fantasie-Fahnen von Raul Walch, die außen an der Feuerwache an Masten hängen und die feierliche Beflaggung öffentlicher Gebäude, wie sie in Deutschland seit der Kaiserzeit üblich ist, spielerisch kommentieren.
Poster zum Mitnehmen
Walch hat eine rote und eine schwarze Fahne jeweils mit dezenten farblichen Abstufungen versehen und dazu Streifen aus Haushalts- und Bekleidungstextilien hinzugefügt. Sie erinnern an Balken und Achsen von Diagrammen aus den Massenmedien. Zudem hat Walch knallige Pop-Art-Plakatmotive mit roten Buchstaben auf blauem Grund designt, die Besucher:innen auch als Poster mitnehmen können: „Keine Demokratie ohne Antifaschismus“ lehnt sich in Schrifttypus und Farbgebung selbstbewusst an Robert Indianas berühmte Skulptur „Love“ an.
Die Ausstellung bekennt sich ausdrücklich zu einem Deutschland als „postmigrantische Gesellschaft der Vielen“. Ein Land, das vielfältiger ist als der Jägerzaun im Kopf und die braune Bratensoße auf dem öden Heimatteller der AfD es suggerieren.
Auf den staatlich verordneten autoritären Antifaschismus in der DDR und die halbherzige Entnazifizierung in der BRD nimmt die Schau eher indirekt Bezug. Zwar wurde nach 1945 die Aufarbeitung der NS-Zeit begonnen, aber in keinem der beiden deutschen Staaten wurde bis 1989 rechtsradikalen Umtrieben von den Behörden mit Nachdruck begegnet. Altnazis waren in Ost und West in Amt und Würden, neue Nazis durften sich ausprobieren.
Umso eindrucksvoller ist das Kartografieprojekt „Wir sind hier“ von Talya Feldman. Die US-Künstlerin hat damit nicht nur ein Kunstwerk erschaffen, sondern beleuchtet auch wenig bekannte Orte der Erinnerung und Dunkelfelder: Sie macht Tatorte von faschistischen Übergriffen sichtbar, so etwa eine Brücke in Merseburg, von der aus 1979 ein kubanischer Vertragsarbeiter in der DDR nach einer Hetzjagd ermordet wurde.
Antifaschismus sei für sie „Einstehen für andere“, erklärt Kuratorin Anne Mundo der taz, erwähnt die Dringlichkeit, die den Arbeiten in ihrer Ausstellung zu eigen ist und zeigt lakonisch auf ein großes Banner, auf dem „Kunst kann Kampf“ steht.
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