piwik no script img

Kunst im Berliner MauerparkVom Todesstreifen bis zum Erdbeerengel

Zum 65. Jahrestag des Berliner Mauerbaus werden im Zuge des Projekts „Poller up“ die 40 einstigen Zugangsbegrenzungen zu Sockeln für poppige Kunst.

Ortstermin im Mauerpark: Die Transitzone zwischen Prenzlauer Berg und Wedding liegt zwischen den Ruinen des Großen Stadions im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, das einem mit guten Absichten verbrämten Neubau weichen soll, dem Gelände des sonntäglichen Flohmarkts und einer alltäglichen Wohnanlage. Wer durch die Oderberger oder Schwedter Straße kommt, passiert vor der Demarkationslinie Eberswalder Straße einen Erdbeerkiosk. Wo die Bude steht, war von 1961 bis 1989 Weltende, zumindest das der nominalsozialistischen. Hinter dem Stadion begann das Grenzgebiet der Berliner Mauer. Die Wendeschleife der Straßenbahn erinnert bis heute daran.

Die Ausstellung

„Poller up“: Vernissage 13. August, 15 Uhr, Mauerpark, Bernauer Straße 63, 13355 Berlin

Für den studierten Bildhauer Wolfgang Krause lag in dem Dreistraßeneck die Endstation „aller Zukunft und gesellschaftlichen Hoffnung“. In Berlin-Prenzlauer Berg lebt er seit DDR-Zeiten. 1991 hat Krause in der Oderberger Straße die Galerie o zwei gegründet, an deren Adresse jetzt eine Cafébar namens „Kapital ist ein scheues Reh“ firmiert. Das Zitat wird gerne Karl Marx zugeschrieben, der es so nicht formuliert hat; der Laden heißt bei Kennern und Kunden kurz und bündig „Kapitalist“.

Wolfgang Krause hat die Verwandlung des Arbeiter- und Künstlerbezirks Prenzlauer Berg in eine Kapitalanlage erlebt. Mit Aktionen wie dem „Knochengeld“, einer bezirkseigenen Schwundwährung, oder „Schulschluss“ zur Schließung der Gustave-Eiffel-Oberschule, deren Hausnummer in der Kastanienallee jetzt die einer privaten Sprachenschule ist, hat er interveniert. Den Mauerpark allerdings sieht Krause als Beispiel für eine „gelungene Transformation von 1961/89 bis heute“.

In Deckeln lesen

Um diese These zu untermauern, haben er und sein Kompagnon Peter Müller 2025 das Kunstprojekt „Poller up“ initiiert. Der Fotograf Thomas Adebahr dokumentiert es. Ausgangspunkt sind die 40 grauen Zugangsbegrenzungen zwischen Hundeauslauf und der Kneipe Mauersegler. Ab dem 13. August bis in den Herbst werden nun fünf Künstler die Pfosten in Sockel für ihre Werke umwidmen. Die Künstlerin Silvia Lorenz, sie und Krause haben bereits mehrmals zusammengearbeitet, weist darauf hin, dass die Poller über die ideale Postamenthöhe verfügen: „Auf dieses komisch skulpturale Element will man einfach etwas draufsetzen“.

Lorenz hat sich der Hinterlassenschaften und Rückstände der Mauerparkwochenenden angenommen und die Verschlüsse von Schnaps-, Softdrink- und Champagnerflaschen zu betrunken schwankenden Türmen formiert. „All in“ greift die Form der Poller auf und treibt sie zum Kipppunkt. „Marken verschwinden und neue tauchen auf“, sagt Lorenz, die seit Langem in den Deckeln liest.

Viele der Arbeiten kommen in Popfarben daher und greifen historische wie aktuelle Warenästhetik auf

Katharina Lüdicke geht in ihrer Arbeit „Himmelschrauber“ ähnlich vor. Allerdings baut sie in den mittleren ihrer drei schiefen Recyclingtürme von Prenzlauer Berg das Regendach eines Grablichtes ein und setzt zum Abschluss einen Tischtennisball darauf. Die drei fragilen Gebilde mögen sich in Richtung Firmament strecken, ob sie dort ankommen, ist mehr als fraglich.

Viele der Arbeiten kommen in Popfarben daher und greifen historische wie aktuelle Warenästhetik auf. Daniela Gugg setzt mit „Mauser“ einen anderen Akzent. An die Ränder eines braunen Tonkuchens aus der Erdschicht des Mauerparks drapiert sie weiße Vogelfedern mit den Spitzen nach außen. „Mauser“ kann den regulären und erneuernden, andererseits schockartigen Federverlust bei Vögeln meinen. An einem Ort wie dem Mauerpark allerdings lässt Guggs Exponat an einen Wach- und Wehrturm denken und assoziiert Abwehr und Verteidigung.

Erdbeer-Molotow

„Vom Todesstreifen zum Erdbeerengel“ möchte Wolfgang Krause als Untertitel von „Poller up“ sehen. Aber auch eine seiner Arbeiten ist doppeldeutig: „bienensicher“ sind sieben Glasflaschen mit Korken in Erdbeeroptik. So wie sie da scheinbar aus einem Kübel ragen – tatsächlich sind alle der fragilen Arbeiten so fest wie möglich auf umgedrehten weißen Dekorschalen fixiert –, könnte es sich auch um Molotowcocktails handeln.

Angekündigt ist auch der Künstler Frank Diersch. Er hat hinter dem Mauerpark, in der Kopenhagener Straße, sein Atelier gehabt. Was Frank Diersch im Rahmen von „Poller up“ genau tun wird, überlegt der Zeichner und Radiomacher noch. Er weiß nur: „Es wird grenzwertig sein.“ In Wolfgang Krauses Projekt „daheim“ hat Diersch mit einem Text des Schriftstellers Bert Papenfuß gearbeitet. Der Bausoldat (als solcher konnte man in der DDR den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern) Papenfuß wusste, dass es zum Türenöffnen und Panzerknacken mehr als eine Pressekonferenz braucht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare