Rechter Terror gegen Juden: „Wir haben begriffen, das sind Schüsse“

Die Hamburger Kunststudentin Talya Feldman war dabei, als ein bewaffneter Täter die Synagoge in Halle angriff.

Eien Frau steht neben einer auf die Wand gemalten Tür

Talya Feldmann in der Hamburger Kunsthochschule vor ihrer Zeichnung der Haller Synagogen-Tür Foto: Miguel Ferraz

Talya Feldman lädt in ein Atelier in der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Dort hat sie die Tür in der Hofmauer der Synagoge von Halle an die Wand gezeichnet. Die Tür, durch die der Attentäter von H alle auch mit Gewalt nicht hindurch kam. Die Tür, die ihr womöglich das Leben gerettet hat. Die Zeichnung war Feldmans Beitrag für die Jahresausstellung der Hochschule, ein Studienprojekt – und doch viel mehr.

taz: Frau Feldman, erinnern Sie sich an Ihre Gedanken beim Zeichnen dieser Tür?

Talya Feldman: Die ganzen Bilder vom 9. Oktober kamen zurück, das war sehr intensiv. Ein befreundeter Künstler sagt immer: Zeichnen ist die Verlängerung des Denkens. Das habe ich dabei zum ersten Mal richtig begriffen. Ich habe sechzig Stunden lang gezeichnet – innerhalb von nur vier Tagen. Sieben Bleistifte habe ich komplett aufgebraucht. Aber die Arbeit hat mir geholfen, das Erlebnis weiter zu verarbeiten.

Am 9. Oktober haben Sie in der Synagoge von Halle Jom Kippur gefeiert, den höchsten jüdischen Feiertag. Wie haben Sie bemerkt, dass ein Angreifer versucht, in das Gebäude zu gelangen?

Wir haben gerade in der Tora gelesen, da hörten wir die erste Explosion. Ich dachte bei dem Schlag erst, jemand wäre umgekippt, vielleicht wegen Schwindel. An Jom Kippur fasten viele 25 Stunden lang, man verbringt quasi den ganzen Tag in der Synagoge. Aber dann hat es direkt darauf noch ein paar Mal laut geknallt und wir haben begriffen: Das sind Schüsse.

Ihnen war sofort klar, dass Sie das Ziel sind?

In jüdischen Gemeinden ist niemand überrascht, wenn so etwas passiert. Du gehst immer ein Risiko ein, wenn du zur Synagoge gehst, wenn du eine Kippa aufsetzt. Man hofft, dass es nie passiert, aber jeder weiß: es kann passieren und es wird wieder passieren. Antisemitische Gewalt ist Teil der Wirklichkeit. So schlimm es ist: Die Gemeinden sind vorbereitet.

Kann man das wirklich sein?

In unserem Fall hat es zum Glück gereicht. Die Türen waren abgeschlossen, es gab Überwachungskameras. Ein Freiwilliger der Gemeinde kümmert sich bei Gottesdiensten nur um die Sicherheit.

29, war bei Freund*innen in Halle, um dort Jom Kippur zu feiern. Studiert hat die Amerikanerin bisher in Chicago und Boston. Nun macht sie ihren Master in Hamburg im Fach Zeitbezogene Medien an der Hochschule für bildende Künste.

Wie hat der reagiert, als es losging?

Die Synagoge steht mitten in einem alten jüdischen Friedhof, drumherum ist eine Mauer und in ihr eben die Tür, die ich nun gezeichnet habe. Er ist sofort nach draußen gerannt, um sich zu vergewissern, dass die auch wirklich verriegelt ist. Er hat, ohne lange darüber nachzudenken, für uns sein Leben riskiert. Der Gemeindevorsteher und der Kantor sind währenddessen zu den Überwachungsbildschirmen gestürzt. Sie haben sie abgeschirmt, damit wir keine Details sehen mussten. Jemand hat die Polizei gerufen. Und der Vorsteher hat der Gemeinde gesagt, was als Nächstes zu tun ist.

Nämlich?

Er bat uns, weg von den Fenstern zu kommen. Wir haben die Türen verbarrikadiert mit allem, was wir zu fassen bekamen: Tische, Stühle. Dann wurden wir in den hinteren Teil der Synagoge geführt. Dort gibt es einen Raum, wo sich der Rabbi vorbereiten kann.

Hatten Sie Angst?

Wir waren alle im Überlebensmodus. Alle haben sich sehr geordnet bewegt, ruhig und logisch. Ich bin der Gemeinde dankbar, dass sie so besonnen war. Das hatte eine beruhigende Wirkung auf mich.

In diesem Nebenraum mussten Sie im Ungewissen warten.

Wir wussten nicht, was draußen passiert. Es hat fast eine Viertelstunde gedauert, bis die Polizei kam. Und als sie kamen, blieben sie erst mal vor der Mauer. Irgendwann kamen sie in den Hof. Wir haben durch die Buntglasfenster gesehen, wie sie den Friedhof durchkämmen. Sie haben uns aufgefordert, drinnen zu bleiben, sie wollten erst den Typen schnappen.

Wie lange mussten Sie in der Synagoge bleiben?

Einige Stunden. Wir durften inzwischen in den Hauptraum zurück. Und da wir nun mal da waren, haben wir einfach mit dem Gottesdienst weitergemacht. Es war schließlich Jom Kippur. Jemand hat gesagt: Wir lassen nicht von so einem bestimmen, wann wir beten und wann nicht.

Und als Sie wieder heraus durften?

Wir wurden direkt in ein Krankenhaus gebracht. Es gab psychologische Betreuung. Irgendwann waren wir in der Cafeteria des Krankenhauses. Die Leute dort boten uns Tee an, aber einige fasteten immer noch, das mussten wir erklären. Als dann Jom Kippur irgendwann zu Ende ging, haben wir in dieser Cafeteria gemeinsam das Abschlussgebet gesprochen. Dann kam ein Arzt mit einem Kasten Bier herein. Ich konnte wirklich eins gebrauchen.

Jetzt verarbeiten Sie das Erlebte künstlerisch. Was bedeutet Ihnen die Tür, die sie gezeichnet haben?

Wir haben ein kompliziertes Verhältnis. Einerseits hat sie mir das Leben gerettet. Andererseits tauchte sie in der ersten offiziellen Erklärung nach der Tat als einziges jüdisches Opfer auf: Sachschaden. Ich habe mich entschieden, die Tür von außen zu zeichnen. Wir schauen aus der Sicht des Schützen, stehen quasi dort, wo er stand. Dort wo die Frau erschossen wurde, Jana. Einfach nur, weil sie gerade vorbeikam.

Der Attentäter brachte an dem Tag zwei Menschen um. Wie ist ihr Verhältnis zu den Getöteten?

Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an sie und ihre Familien denke. Sie haben die Kugeln abbekommen, die für uns gedacht waren. Mit Ihnen bin ich für immer verbunden.

Halten Sie Kontakt zu den anderen Menschen, die in der Synagoge waren?

Einige habe ich für ein weiteres Kunstprojekt wiedergetroffen. Ich habe Aufnahmen gemacht, wie sie die Lieder summen, die wir an Jom Kippur singen. Daraus habe ich eine Soundinstallation gemacht, Lautsprecher im Raum verteilt, die zu unterschiedlichen Zeiten anfangen, diese Aufnahmen abzuspielen. Mal allein, mal gleichzeitig.

Das Werk ist in Ihrer Heimatstadt Denver ausgestellt. Wie reagieren die Menschen dort?

Mich hat gerührt, zu sehen, dass sich manche einfach vor einen der Lautsprecher stellen und warten, bis er anfängt, zu ihnen zu singen. Das hat mich an die jüdische Art erinnert, mit Trauer umzugehen. Wenn jemand stirbt, geht man stumm zu den Hinterbliebenen. Man wartet, bis sie mit einem sprechen und sagen, was sie brauchen.

Sie waren ganz frisch in Deutschland, als der Anschlag passierte, in der ersten Semesterwoche. Wie denken Sie seitdem als junge jüdische Amerikanerin über dieses Land?

Ich mache Deutschland keine Vorwürfe. Antisemitismus ist ein globales Problem. Zu Hause in Colorado darf man Schusswaffen verdeckt tragen. Ich kenne einige, die dort am Sabbat bewaffnet in die Synagoge gehen. Mir ist klar geworden: Wenn dieser Anschlag so in den USA passiert wäre, wäre der Schütze durch die Tür gekommen. Weil er echte Waffen gehabt hätte, keine selbst gebauten.

Fühlen Sie sich seitdem unsicherer?

Direkt danach habe ich mich überall und ständig bedroht gefühlt. Manchmal tue ich das jetzt noch. Das wäre aber überall so, ob in Denver, New York oder Hamburg. Die jüdische Gemeinde hier kam direkt auf mich zu. Ich weiß gar nicht, woher die wussten, wer ich bin. Eine Frau hat mir angeboten, mich am Sabbat regelmäßig abzuholen und in die Synagoge zu begleiten. Vielleicht muss ich froh sein, dass man mir meinen Glauben nicht ansieht. Ich kann mich verstecken. People of Colour, Frauen mit Hidjab oder Männer mit Kippa können das nicht.

Gehen Sie hier in die Synagoge?

Ich versuche jedes Wochenende hinzugehen, wenn ich Zeit habe. Ohne die Hamburger Gemeinde würde ich nicht so heilen, wie ich es bisher konnte. Hier ist auch rund um die Uhr Polizeischutz vor Ort. Dazu gibt es ein Sicherheitsteam der Gemeinde. Wer in die Synagoge will, muss sich ausweisen und Sicherheitsfragen beantworten.

Erleben Sie hier Antisemitismus?

Mein ganzes Leben schon höre ich antisemitische Bemerkungen. Auch in Hamburg. In meiner Arbeit gehe ich offensiv mit meiner jüdischen Identität um, das fordert Menschen heraus.

Was wollen Sie mit Ihrer Kunst erreichen?

Herausfordern, Aufmerksamkeit schaffen, heilen – auch mich selbst. Eine Freundin, die beim Summen dabei war, erzählte mir, dass sie noch einmal nach Halle musste, irgendwas erledigen. Es fiel ihr so schwer, dass sie fast nicht gefahren wäre, dann hat sie sich die Aufnahmen angehört und kam irgendwie durch den Tag. Allein dafür hat sich das Projekt schon gelohnt. Es war einfach nur für uns.

Gleich übermalen Sie Ihre Zeichnung, weil die Wand anderweitig gebraucht wird. Wie geht es Ihnen damit?

Auch das ist ein Statement an mich selbst: Es geht weiter. Aber unter den Farbschichten bleibt etwas.

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