Kulturkampf von rechts: Nazis raus aus den Regalen!
In der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) stehen dutzende Bücher des rechtsextremen Verlag Antaios. Sollte die Bibliothek sie entfernen?

I nteressieren Sie sich für „Massenmigration und Sexualdelikte“, den „Großen Austausch“ oder die „Arische Wirtschaftsordnung“? In der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) werden Sie fündig. Die im rechtsextremen Antaios-Verlag erschienenen „Werke“ stehen frei verfügbar im Politik- und Geschichtsregal. In einer Zeit, in der die sogenannte Neue Rechte mit pseudo-intellektuellen Uni-Buchclubs und eigenen Buchmessen auf dem Vormarsch ist, stellt sich die Frage: Muss das sein?
Die ZLB hat den Anspruch, das gesamte Meinungsspektrum abzubilden. Auch wenn rechtsextreme Werke ihren Grundwerten zuwiderlaufen, will sie die Büchse der Pandora namens Zensur nicht öffnen. Denn wahr ist: Jeder hat andere Vorstellungen, welche Bücher in der Bibliothek nichts zu suchen haben. Das zeigt ein – extremes – Beispiel aus den USA, wo der Kulturkampf auf dem Boden der Literatur seit Jahren mit harten Bandagen geführt wird: In einem Distrikt von Texas wurde kurzzeitig die Bibel wegen ihres „sexuell expliziten“ Inhalts in Schulen verboten.
Andererseits ist Antaios laut Verfassungsschutz seit 2024 „gesichert rechtsextrem“ und steht damit nicht mehr auf dem Boden der demokratischen Grundordnung. Zudem kann man darüber streiten, ob es wirklich ein Verbot bzw. eine Zensur ist, wenn eine Bibliothek – und sei sie noch so groß – keine rechtsextremen Bücher anschafft. Schließlich besitzt die ZLB trotz ihres riesigen Angebots von 3,5 Millionen Medien nicht jedes publizierte Werk der Welt – und muss das auch nicht. Nur von Büchern, die in Berlin erscheinen, hat sie je ein „Pflichtexemplar“. Der Antaios-Verlag publiziert aber im sachsen-anhaltischen Schnellroda. Die ZLB kann also über den Kauf frei entscheiden.
Bibliotheksdirektor Volker Heller befürchtet, das Vertrauen der Bevölkerung zu verlieren, wenn Medien wie die des Antaios-Verlags aus dem Bestand genommen würden. Aber welche Bevölkerung ist damit gemeint? Es kann ja nicht das Ziel sein, das Vertrauen von rechtsextremen Esoterikern zu bewahren, wenn dadurch Vertrauen und Sicherheitsgefühl von Personen geschwächt werden, die im Fokus der Rechten stehen.
Zu Nazis forschen
Nun ist es aber so, dass nicht nur Nazis Nazibücher ausleihen. Es gibt durchaus Menschen mit berechtigtem Interesse an rechtsextremen Publikationen. Schüler, die ein Referat vorbereiten wollen, zum Beispiel. Oder Wissenschaftler, die das für ihre Forschung brauchen. Für sie gibt es in Berlin aber schon das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz). Dort wird vor Herausgabe der Bücher auch die Lesemotivation überprüft. In einer Bibliothek ohne eigene Nazibücher könnte man darauf verweisen.
Ein Mittelweg könnten Hinweise auf rassistische oder antisemitische Inhalte der Bücher sein. So würde die Bibliothek antidemokratische Inhalte zumindest nicht unkommentiert lassen. In der Stadtbücherei Münster probierte man das aus – und bekam prompt einen Shitstorm. Kritiker*innen nannten die Maßnahme Bevormundung und – unzutreffend – Zensur. Daran sieht man, auf welchem Minenfeld sich Bibliotheken bewegen, wenn sie versuchen, gegen den Kulturkampf von rechts vorzugehen.
Die ZLB stellt sich mit ihren Bildungsveranstaltungen zwar ganz klar gegen rechts. Trotzdem würde es angesichts der umfangreichen Archive wie dem apabiz nicht schaden, wenn Bibliotheken Bücher rechtsextremer Verlage ins Magazin stellen und Publikationen künftig nicht mehr erwerben. Denn rassistische Machwerke, wie sie Antaios im Angebot hat, versuchen, ihre Leser aus dem demokratischen Meinungsspektrum heraus und hin zu Hass und Gewalt zu locken.
Und solche – um mit Thomas Mann zu sprechen – „verschwärmte Bildungsbarbarei“ zu verhindern, ist keine Zensur, sondern Teil des Bildungsauftrags.
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