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Kulturkampf von rechtsNazis raus aus den Regalen!

Kommentar von Klarissa Krause

In der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) stehen dutzende Bücher des rechtsextremen Verlag Antaios. Sollte die Bibliothek sie entfernen?

Martin Lichtmesz (Identitäre Bewegung) steht im Regal neben Robin Alexander (WELT) und nahe Huntington („Clash of Civilisations“) Foto: Klarissa Krause

I nteressieren Sie sich für „Massenmigration und Sexualdelikte“, den „Großen Austausch“ oder die „Arische Wirtschaftsordnung“? In der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) werden Sie fündig. Die im rechtsextremen Antaios-Verlag erschienenen „Werke“ stehen frei verfügbar im Politik- und Geschichtsregal. In einer Zeit, in der die sogenannte Neue Rechte mit pseudo-intellektuellen Uni-Buchclubs und eigenen Buchmessen auf dem Vormarsch ist, stellt sich die Frage: Muss das sein?

Die ZLB hat den Anspruch, das gesamte Meinungsspektrum abzubilden. Auch wenn rechtsextreme Werke ihren Grundwerten zuwiderlaufen, will sie die Büchse der Pandora namens Zensur nicht öffnen. Denn wahr ist: Jeder hat andere Vorstellungen, welche Bücher in der Bibliothek nichts zu suchen haben. Das zeigt ein – extremes – Beispiel aus den USA, wo der Kulturkampf auf dem Boden der Literatur seit Jahren mit harten Bandagen geführt wird: In einem Distrikt von Texas wurde kurzzeitig die Bibel wegen ihres „sexuell expliziten“ Inhalts in Schulen verboten.

Andererseits ist Antaios laut Verfassungsschutz seit 2024 „gesichert rechtsextrem“ und steht damit nicht mehr auf dem Boden der demokratischen Grundordnung. Zudem kann man darüber streiten, ob es wirklich ein Verbot bzw. eine Zensur ist, wenn eine Bibliothek – und sei sie noch so groß – keine rechtsextremen Bücher anschafft. Schließlich besitzt die ZLB trotz ihres riesigen Angebots von 3,5 Millionen Medien nicht jedes publizierte Werk der Welt – und muss das auch nicht. Nur von Büchern, die in Berlin erscheinen, hat sie je ein „Pflichtexemplar“. Der Antaios-Verlag publiziert aber im sachsen-anhaltischen Schnellroda. Die ZLB kann also über den Kauf frei entscheiden.

Bibliotheksdirektor Volker Heller befürchtet, das Vertrauen der Bevölkerung zu verlieren, wenn Medien wie die des Antaios-Verlags aus dem Bestand genommen würden. Aber welche Bevölkerung ist damit gemeint? Es kann ja nicht das Ziel sein, das Vertrauen von rechtsextremen Esoterikern zu bewahren, wenn dadurch Vertrauen und Sicherheitsgefühl von Personen geschwächt werden, die im Fokus der Rechten stehen.

Zu Nazis forschen

Nun ist es aber so, dass nicht nur Nazis Nazibücher ausleihen. Es gibt durchaus Menschen mit berechtigtem Interesse an rechtsextremen Publikationen. Schüler, die ein Referat vorbereiten wollen, zum Beispiel. Oder Wissenschaftler, die das für ihre Forschung brauchen. Für sie gibt es in Berlin aber schon das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz). Dort wird vor Herausgabe der Bücher auch die Lesemotivation überprüft. In einer Bibliothek ohne eigene Nazibücher könnte man darauf verweisen.

Ein Mittelweg könnten Hinweise auf rassistische oder antisemitische Inhalte der Bücher sein. So würde die Bibliothek antidemokratische Inhalte zumindest nicht unkommentiert lassen. In der Stadtbücherei Münster probierte man das aus – und bekam prompt einen Shitstorm. Kri­ti­ke­r*in­nen nannten die Maßnahme Bevormundung und – unzutreffend – Zensur. Daran sieht man, auf welchem Minenfeld sich Bibliotheken bewegen, wenn sie versuchen, gegen den Kulturkampf von rechts vorzugehen.

Die ZLB stellt sich mit ihren Bildungsveranstaltungen zwar ganz klar gegen rechts. Trotzdem würde es angesichts der umfangreichen Archive wie dem apabiz nicht schaden, wenn Bibliotheken Bücher rechtsextremer Verlage ins Magazin stellen und Publikationen künftig nicht mehr erwerben. Denn rassistische Machwerke, wie sie Antaios im Angebot hat, versuchen, ihre Le­se­r aus dem demokratischen Meinungsspektrum heraus und hin zu Hass und Gewalt zu locken.

Und solche – um mit Thomas Mann zu sprechen – „verschwärmte Bildungsbarbarei“ zu verhindern, ist keine Zensur, sondern Teil des Bildungsauftrags.

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26 Kommentare

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  • Im Rahmen der Kürzungen im Kulturbereich stehen der ZLB schon jetzt 2,2 Mio. Euro jährlich weniger zur Verfügung.



    "Sollten der ZLB weitere, über die jährlichen 2,2 Millionen hinausgehende Einsparungen auferlegt werden, „muss die Stiftung erwägen, einen der beiden Standorte für das Publikum zu schließen“." (taz v. 18.02.2025)

    Jede Bibliothek trifft Entscheidungen darüber, was eingekauft wird. Und in diesem Zusammenhang darf man schon fragen, ob das knappe Geld für rechte Machwerke ausgegeben werden soll.

  • Die ZLB ist eine staatliche Institution und sollte als solche einer politischen Neutralität oder zumindest, wie ihre Beamten, einer politischen Mäßigung verpflichtet sein. Dieser demokratischen Grundanforderung kommt die ZLB bereits jetzt mehr schlecht als recht nach, sie positioniert sich politisch ja recht eindeutig. Dieses Verhalten sollte nicht weiter verstärkt werden, ganz im Gegenteil, es beschädigt das Vertrauen in Institutionen und in die Wirksamkeit demokratischer Mechanismen.

  • Die Berliner Bibliothekslandschaft hat ein Problem durch den Sonderfall, dass die ZLB zugleich die Zentrale der öffentlichen Bibliotheken und die Pflichtexemplarbibliothek ist. In anderen Bundesländern übernehmen das wissenschaftliche (!) Bibliotheken.



    Der wichtigste Auftrag beider Arten von Bibliotheken ist die Versorgung mit Information (!) und die Erwerbungsabteilungen sind dafür verantwortlich, ihre Finanzmittel aus Steuern verantwortungsbewusst so auszugeben, dass der öffentliche Auftrag erfüllt wird.



    Gesinnungsschnüffelei ist explizit nicht Auftrag der Bibliotheken, wohl aber muss die Benutzung mancher Pflichtexemplare kontrolliert werden. Hier handelt es sich aber allein (!) um die Frage, ob die allgemeine Bevölkerung (nicht Forscher:innen, die haben wissenschaftliche Bibliotheken, die übrigens auch allen Bürger:innen Zugang gewähren, wenngleich nicht immer so kostengünstig) für ihr Informationsbedürfnis auf verfassungsfeindliche Inhalte zugreifen muss. Die Antwort ist eindeutig: Nein, muss sie nicht.



    Insofern: Aussonderung aus dem Bestand und kein weiterer Erwerb von diesem Verlag außer Pflichtexemplaren (Sammlung von Literatur über Berlin kann gerechtfertigt sein).

  • Natürlich gehören in eine Zentral- und Landesbibliothek auch solche "Werke" sie sind ja legal.

    Schlimm ist, dass sie legal sind. Daran würde auch ein Rausschmiss aus der Bibliothek nichts ändern.

    Ich war nach der Wende so und so erstaunt, dass z.B. auch große Verlage wie der Weltbild Verlag massenweise Bücher unter die Leute bringen durften, die die Wehrmacht verherrlichen. Niemand hat Hitlers Offizierskorps im Westen daran gehindert, jede Menge völligen Unfug zu veröffentlichen und dabei sich und das 3. Reich zum Teil reinzuwaschen.

  • Oft kann man durch eine Leihe einen Kauf vermeiden. So gesehen.. defund Nazis!

    • @Eugen-Emilio :

      Exzellentes Argument!

  • Gehört das Kommunistische Manifest auch zum Bestand der Bibliothek?

  • Was ist der Unterschied zwischen Prüfung der Lesemotivation und einer Gesinnungsprüfung?

    • @Peter Schütt:

      Sehr gute Frage.....!

  • Das alles klingt ein bißchen so wie die katholische Kirche es rechtfertigen würde gewisse Bücher nur im "Giftschrank" der Bibliotheken aufzubewahren, und nur "ideologisch (bzw religiös) gefestigten" Menschen das Lesen zu erlauben. Ist das wirklich das Vorbild einer fortschrittlichen Einstellung?

  • Bücher mit klar strafbewehrten Inhalten wären wohl in einer Art Giftschrank verschlossen. Alles andere sollte frei verfügbar sein und bei bei inhaltlicher Relevanz auch von Bibliotheken angeschafft werden. Man sollte nicht aus politischer Opportunität heraus die Freiheit des Wortes infrage stellen. Das könnte je nach Zeitgeist wechseln. Und WER ist in der Position, darüber zu entscheiden, welch häretisches Schriftgut auf den Index gesetzt wird?

    • @Kohlrabi:

      Sie schreiben es selbst: Die Erwerbung entscheidet über inhaltliche Relevanz. Verfassungsfeindliche Schriften im Bestand zu haben, ist zur Informationsversorgung der Berliner:innen nicht notwendig. Zudem kann auf andere Bibliotheken verwiesen und eine Fernleihe angeboten werden.



      Unsere Steuergelder können übrigens auch nur einmal ausgegeben werden, dann lieber für Astrid Lindgren & Co.



      Die Pflichtexemplare sind kostenfrei abzuliefern, müssen aber vom Rechteinhaber ausdrücklich freigegeben werden, um ohne Prüfung der Allgemeinheit zur Verfügung zu stehen. Die Verlage wollen ja auch Geld verdienen.

    • @Kohlrabi:

      Alles schön und gut, nur das Argument des sich drehenden Zeitgeistes finde ich etwas absurd. Als ob sich dessen Rechte Version zukünftig danach ausrichten wird, wie man heute damit umgeht. Das gilt ziemlich universell, nicht nur bei dem Thema. Die werden sich mit hämischem Grinsen an uns arme Idioten und unsere Toleranz für Intoleranz erinnern.

  • Hatten wir schon mal 1933. Und am 10. Mai ein Mayfest mit gesammelten Büchern auf dem Bebelplatz?

    • @womzie:

      Zwischen Bücherverbrennungen und Strafen für den Besitz verbotener Bücher und der Frage, was in öffentlichen Bibliotheken siehst du keinen Unterschied? Von mir aus kann auch Mein Kampf dort im Regal stehen, aber das ist trotzdem nicht das Gleiche.

  • Im Artikel und den Kommentaren wird viel über Bücher und Wissen geschrieben, aber dass in jeder Zweigstelle der Stadtbibliothek Mannheim noch die Kochbücher von Attila Hildmann vorhanden sind, finde ich ziemlich wild.

  • Meiner Meinung nach darf Literatur grundsätzlich nicht aus Forschungsbibliotheken entfernt werden.



    Angenommen genannte Verlage würden konsequent verbannt, so könnte ich ja die Behauptung wagen sie hätten nie etwas Problematisches gedruckt. In welcher Bibliothek möge mir denn ein Exemplar den Gegenbeweis liefern?

    • @Stubenhocker1337:

      Steht im Text: Die Pflichtexemplarbibliothek für Sachsen-Anhalt.



      Dazu die Deutsche Nationalbibliothek sowie diverse Verfassungsschutzberichte.



      Eine öffentliche Bibliothek ist zudem auch keine Forschungsbibliothek; dort sitzen wissenschaftliche Bibliothekare, die selbst geforscht und wissenschaftlich gearbeitet haben, auch als Entscheider:innen in den Erwerbungs- und Sammlungsabteilungen. Zugleich müssen öffentliche Bibliotheken schon aufgrund von Platzmangel regelmäßig aussondern.

    • @Stubenhocker1337:

      "Nun ist es aber so, dass nicht nur Nazis Nazibücher ausleihen. Es gibt durchaus Menschen mit berechtigtem Interesse an rechtsextremen Publikationen. Schüler, die ein Referat vorbereiten wollen, zum Beispiel. Oder Wissenschaftler, die das für ihre Forschung brauchen. Für sie gibt es in Berlin aber schon das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz)."

      Mal unabhängig von meiner Meinung zum Artikel: Speziell dieses Argument wird ja im Text schon entkräftet.

  • Wie gehen andere Büchereien damit um und gab es diese Herausforderung nicht schon immer? Im Studium (vor über 20 Jahren) fiel mir in einer Bücherei ein Buch aus dem Arndt Verlag in die Hände, als ich über Ostpreußen recherchierte. Ich habe die Büchereimitarbeitenden darauf hingewiesen. Ob es entfernt oder gekennzeichnet wurde? Vermutlich nicht, außer inzwischen aus Altersgründen.

  • Finger weg von den Bibliotheken! Dort muss alles Wissen und alles Gedruckte und Gedachte (bis auf wenige Ausnahmen!!!) frei verfügbar sein und bleiben. Soviel Vertrauen muss gegenüber dem mündigen Bürger schon bestehen.



    "Kritische" Literatur muss nicht in jeder Stadtteilbibliothek verfügbar sein, aber frei in jeder Forschungsbibliothek.



    (Nebenbei: Wenn sich ein Nazi mit einschlägiger Literatur versorgen will, wird er mit Sicherheit im Internet fündig.)



    Soll sich ein Forscher in Einrichtungen wie dem "Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (apabiz)" einer Gesinnungsprüfung unterziehen? Das geht gar nicht. Ebenso: Wer will/darf denn dann zuverlässig und verbindlich entscheiden, wer was lesen darf? Welche Bücher "gefährlich" sind (Propaganda) und welche etwa nur einen historischen Kontext wiedergeben? Ein solche mächtige Zensurbehörde stellte in sich schon eine Gefahr dar.



    Und wenn es um die angesprochenen "Esoteriker" geht: Da gibt es neben dem Rechtsextremismus auch diverse Verschwörungstheorien und allerlei anderen Unsinn, der im Gewand der Wissenschaft verkleidet daher kommt und die Köpfe gerade junger Menschen nicht minder in Verwirrung bringen kann.

    • @Vigoleis:

      "Dort muss alles Wissen und alles Gedruckte und Gedachte (bis auf wenige Ausnahmen!!!) frei verfügbar sein und bleiben. "

      Das ist natürlich sowieso niemals der Fall. Außer der Deutschen Nationalbibliothek, die die Aufgabe hat, "die ab 1913 in Deutschland veröffentlichten Medienwerke und die ab 1913 im Ausland veröffentlichten deutschsprachigen Medienwerke, Übersetzungen deutschsprachiger Medienwerke in andere Sprachen und fremdsprachigen Medienwerke über Deutschland im Original zu sammeln, zu inventarisieren, zu erschließen und bibliografisch zu verzeichnen, auf Dauer zu sichern und für die Allgemeinheit nutzbar zu machen sowie zentrale bibliothekarische und nationalbibliografische Dienste zu leisten (...)"



      trifft jede Bibliothek eine Auswahl dessen, was sie in ihren Regalen stehen hat. Da setzt schon der Etat, der jeder Bibliothek zur Verfügung steht, natürliche Grenzen.

      "Da gibt es neben dem Rechtsextremismus auch diverse Verschwörungstheorien und allerlei anderen Unsinn, der im Gewand der Wissenschaft verkleidet daher kommt (...)"

      Worauf genau spielen Sie an? Würde mich interessieren.

      • @Klabauta:

        z.B. Kreationismus, Ufologie, Astrologie, Anthroposophie, Homöopathie...



        Vermutlich kann man rund die Hälfte der Containerschiffe füllenden Ratgeberliteratur wegen objektiver Unwirksamkeit schreddern... Mal überspitzt, also "angespielt" formuliert...

        • @Vigoleis:

          Da gebe ich Ihnen allerdings recht

  • Den Kampf gegen rechts werden wir mit Sicherheit nicht in Bibliotheken gewinnen.

  • Wenn es wie Zensur riecht, sich wie Zensur anfühlt, dann IST es Zensur.

    " Lesemotivation überprüft" Hat der Autor schonmal vom sog. Giftschrank der DDR gehört, für den GENAU diese Motivation nach West-Presse geprüft wurde?

    Man muß nicht jeden Blödsinn des US-Kulturkampfes nachmachen.