Kreuzberger Nachbarschaft: Rapunzel
Nichts und niemand kann Rapunzel aufhalten, sich die Haare zu kämmen. Ein Privatschauspiel im Innenhof.
J eden Morgen geht meine Nachbarin im Haus gegenüber auf den Balkon, um sich die Haare zu kämmen. Ich stehe hinter dem Fenster und beobachte sie. Seit ich entdeckt habe, dass sie immer auf den Balkon gehen muss, um sich zu bürsten, versuche ich, zu jeder Jahreszeit, an jedem Morgen, an dem ich in der Küche stehe und Kaffee koche, Zeugin dieses Schauspiels zu werden. Die Haare der Nachbarin sind so lang, dass sie ihr bis weit über den Po reichen.
Meine Nachbarin bürstet sich draußen, damit keine Haare in ihrer Wohnung landen. So lang sind ihre Haare, dass sie das ganze Wohnzimmer einnehmen würden, würde sie sich drinnen bürsten.
Es ist eine Hygienemaßnahme. Die Nachbarin nimmt dabei Schnee, Eis und Wind in Kauf. Auch sengende Hitze hält sie nicht davon ab, ihren Balkon zu erklimmen. Ich denke: Wer schön sein will, muss leiden. Das wusste ich schon als Kind und brachte Erwachsene damit zum Lachen. Eine Vierjährige, die sagt „Wer schön sein will, muss leiden“. Es gefällt auch der Vierjährigen schon, die Erwachsenen zum Lachen zu bringen. Also wiederholt sie es, immer wieder: Wer schön sein will, muss leiden.
Die langen Haare wehen der Nachbarin zurück ins Gesicht, der Schnee auch, sie bürstet stoisch weiter, wenn sie wieder nach drinnen kommt, sind ihre Haare entwirrt, aber regennass. Ich nenne sie, heimlich, Rapunzel. Genießt sie die Stimulation der Kopfhaut, den leicht ziependen Schmerz. Sehe ich mir einen Akt der Stimulation an, getarnt als profane Alltagsaktivität?
Jeden Morgen sehe ich also Rapunzel beim Bürsten zu. Jeden Abend sehe ich sie auch. Sie balanciert die Zigarette in der einen Hand, wie eine Artistin: Sie kann rauchen und bürsten gleichzeitig, ohne, dass ihre Haare Feuer fangen.
Ich verstecke mich als Voyeurin hinter dem Fensterrahmen. Ich meine, das stimulierende Gefühl der Bürstenborsten auf meiner eigenen Kopfhaut zu spüren.
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