piwik no script img

Konzertempfehlungen für BerlinDas Universum dehnt sich weiter aus

Diese Woche lässt das Aggregate-Festival automatische Orgeln die Grenzen des Möglichen verschieben. Stockhausen ohne Spektakel gibt es auch.

S onntag vielleicht mal wieder ins WestGermany? Die Kreuzberger Institution für improvisierte Musik verschiedener Nuancen lässt an diesem Abend Klangkünstler der Echtzeitmusik oder aus dem näheren Freundeskreis aufspielen. So demonstrieren die Akkordeonistin Tizia Zimmermann und die Sängerin Lorena Izquierdo im Duo, wie sich die Grenzen ihrer Instrumente mit unerschrockenem Forschergeist erweitern lassen. Unvertraute Klänge zu schaffen, die sich aus gemeinsamer Anstrengung ergeben, dürfte dabei eines ihrer Hauptziele sein.

Um eine aus dem Klang gewonnene Gemeinschaft geht es auch bei der Musik des Projekts Sink, das bei derselben Gelegenheit aufspielt. Andrea Ermke an Mini-Discs, dazu der Gitarrist Arthur Rother, der Pianist Chris Abrahams am DX7-Synthesizer und Marcello Busato am Schlagzeug bilden einen auf den ersten Eindruck homogenen Ensembleklang, dessen fast verborgene innere Bewegung für Fluss und Dynamik sorgt (WestGermany, 27. 9., 20.30 Uhr).

Wer es übrigens nicht geschafft haben sollte, Tickets für Karlheinz Stockhausens Oper „Mittwoch aus Licht“ zu erlangen, könnte am Dienstag im KM28 würdigen Ersatz vom Meister erhalten. Nicht von Stockhausen höchstpersönlich, aber sein Zyklus „Tierkreis“ ist dort in einer Fassung von Andrew Munn und weiteren Gästen zu hören. Jedes Tierkreiszeichen erhält in diesem Werk eine eigene Melodie, also so richtig mit Tönen, manches beinahe zum Mitsingen. In Munns Interpretation vermischen sich dabei Stimme und Live-Elektronik ebenso wie Original und das Fortspinnen der Musik mit Hilfe von Resonanzen. Angst vor Astrologie braucht niemand zu haben (KM28, 29. 9., 20 Uhr).

So richtig groß gerät der Maßstab dann am Mittwoch. Im Konzerthaus beginnt das Aggregate-Festival, das sich den neueren technischen Möglichkeiten der Orgel widmet. Computerprogramme unterstützen Organisten schon eine Weile etwa bei der Wahl der Register, was sonst viel Gefummel bedeutet, bei Aggregate spielen die Instrumente softwaregesteuert sogar selbst. Veranstalter ist seit jeher das Duo Gamut Inc, bestehend aus den Komponisten Marion Wörle und Maciej Śledziecki, die selbst als Künstler mit Werken für computerverstärkte Orgel vertreten sind.

Für dieses Jahr haben sie sich ein besonderes Projekt vorgenommen, das sie konsequent in die Vergangenheit der Computermusik führt. In Zusammenarbeit mit der Komponistin Laurie Spiegel haben Gamut Inc begonnen, Spiegels Computermusik-Klassiker „The Expanding Universe“ von 1980 für Orgel zu bearbeiten. Zwei Teile daraus erklingen nun auf der Hyperorgel. Am Donnerstag folgt der zweite Abend in der Sankt Hedwigs-Kathedrale (Konzerthaus, 30. 9., Sankt Hedwigs-Kathedrale, 1. 10., je 20 Uhr).

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Tim Caspar Boehme

Tim Caspar Boehme Kulturredakteur

Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz als Filmredakteur und stellvertretender Ressortleiter. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
Mehr zum Thema

0 Kommentare