Kein Platz im Restaurant für Willi: Unfreiwilliges soziales Jahr für alle
Seit es Willi gibt, kämpft unsere Autorin unermüdlich für seinen Platz in der Welt. Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung von Eskalation?
Foto: Wolf von Dewitz/dpa
I n der vergangenen Kolumne schrieb ich über den Rauswurf aus einem Gasthof, wo man die Behinderung unseres Sohnes als Störung empfand. Ich war überrascht, für wie viel Aufregung das sorgte.
Wir bekamen eine Menge Solidaritätsbekundungen. Das gibt mir Kraft. Ich durfte aber auch erfahren, dass andere mein Verhalten als „krass unsouverän“ empfanden und was sie in unserer Situation Heldenhaftes täten: Geschäftsführung rufen, es zur Anzeige bringen, kämpfen (notfalls mit Fäusten) und natürlich alle auf Social Media bloßstellen. In meinen Gedanken tue ich so was auch – besonders im Nachhinein.
Doch obwohl ich jetzt weiß, dass der Ausschluss eindeutig rechtswidrig war, würde ich wahrscheinlich auch beim nächsten Mal den Rückzug antreten. Allerdings nicht, ohne deutlich auf das Diskriminierungsverbot hinzuweisen. Ein Leser schrieb mir: „Der Kern des Problems sind Sie und Ihre Familie und ähnlich Denkende“, weil wir nicht für uns einstünden.
Wer Willi nicht will, hat ihn nicht verdient
Der sicher zielführendste Ratschlag einer Leserin war, Willis Besuch vorher mit dem Restaurant abzuklären. Ich habe so etwas oft getan – von der Krabbelgruppe bis hin zur Elbphilharmonie habe ich vorauseilend erklärt und gerechtfertigt. Ehrlich gesagt habe ich nun langsam keinen Bock mehr darauf, um Selbstverständlichkeiten zu bitten. Wer Willi nicht will, hat ihn nicht verdient. Ich erkläre jetzt Willis Verhalten einfach dann, wenn sich Fragen stellen. Jedoch stellte uns in dem Restaurant niemand eine Frage. Willi sollte weg. Wir sind erhobenen Hauptes gegangen. Hätte ich nicht angefangen zu heulen, würde ich sogar sagen, wir sind souverän gegangen.
Seit es Willi gibt, kämpfe ich unermüdlich für seinen Platz in der Welt – aber nie, solange er in der Schusslinie steht. Willi ist verbalen Auseinandersetzungen komplett ausgeliefert. Er versteht eher zwischenmenschliche Schwingungen als Worte. Wenn jemand vor ihm Angst hat, macht auch ihm das Angst. Das Schrecklichste für Willi ist Streit. Wird in seiner Gegenwart gar geschrien, verursacht das bei ihm einen emotionalen Ausnahmezustand. Er beginnt dann in seiner Hilflosigkeit ebenfalls zu schreien oder gar Dinge zu werfen.
Es ist vielleicht seine nonverbale Art eines Vorwurfes. Das würde indes als Akt physischer Gewalt eingeordnet werden, nicht als Kommunikation. Bei einem Menschen mit Behinderung, der aggressiv wirkt, endet alle Toleranz. Es stünde fest, dass „so einer“ wirklich nicht in die Öffentlichkeit gehört. Mein wahrhaft zutiefst friedlicher und harmonieliebender Willi würde vom Opfer zum Täter gemacht.
Ich muss darum vorausschauend handeln und Eskalationen unbedingt vermeiden. Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung? Ich kenne Familien, die fast ihr ganzes Leben im Privaten verbringen, und andere, die der Gesellschaft deutlich mehr zumuten als wir. Doch eines ist sicher: Die meisten Leute haben keine Ahnung, was sie beim Thema Behinderung tagtäglich alles NICHT sehen.
Meine Wunsch-„Strafe“ für alle am Vorfall Beteiligten wäre, sie zu ein paar Wochen Arbeit in einer stationären Wohneinrichtung oder einer Tagesförderstätte für schwer mehrfach behinderte Menschen zu verpflichten. Da lernen sie vielleicht auch, worauf es im Leben wirklich ankommt. Nämlich auf Liebe!
Wenn ich mitbekomme, wie hasserfüllt gesellschaftliche Diskurse oft geführt werden, dann scheint es mir für viele dringend notwendig, bei einem Willi in die Lehre zu gehen.
Darum bin ich auch für ein unfreiwilliges soziales Jahr anstelle der freiwilligen sozialen Medienjahre, die heutzutage viele Jugendliche machen. Auf jeden Fall haben diese laut OECD-Studie im Schnitt 7 Stunden Bildschirmzeit täglich, was in etwa der normalen Arbeitszeit von FSJler*innen entspricht. Ich denke, davon hätten wir langfristig wirklich alle mehr.
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