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Kein Platz im Restaurant für WilliUnfreiwilliges soziales Jahr für alle

Seit es Willi gibt, kämpft unsere Autorin unermüdlich für seinen Platz in der Welt. Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung von Eskalation?

I n der vergangenen Kolumne schrieb ich über den Rauswurf aus einem Gasthof, wo man die Behinderung unseres Sohnes als Störung empfand. Ich war überrascht, für wie viel Aufregung das sorgte.

Wir bekamen eine Menge Solidaritätsbekundungen. Das gibt mir Kraft. Ich durfte aber auch erfahren, dass andere mein Verhalten als „krass unsouverän“ empfanden und was sie in unserer Situation Heldenhaftes täten: Geschäftsführung rufen, es zur Anzeige bringen, kämpfen (notfalls mit Fäusten) und natürlich alle auf Social Media bloßstellen. In meinen Gedanken tue ich so was auch – besonders im Nachhinein.

Doch obwohl ich jetzt weiß, dass der Ausschluss eindeutig rechtswidrig war, würde ich wahrscheinlich auch beim nächsten Mal den Rückzug antreten. Allerdings nicht, ohne deutlich auf das Diskriminierungsverbot hinzuweisen. Ein Leser schrieb mir: „Der Kern des Problems sind Sie und Ihre Familie und ähnlich Denkende“, weil wir nicht für uns einstünden.

Wer Willi nicht will, hat ihn nicht verdient

Der sicher zielführendste Ratschlag einer Leserin war, Willis Besuch vorher mit dem Restaurant abzuklären. Ich habe so etwas oft getan – von der Krabbelgruppe bis hin zur Elbphilharmonie habe ich vorauseilend erklärt und gerechtfertigt. Ehrlich gesagt habe ich nun langsam keinen Bock mehr darauf, um Selbstverständlichkeiten zu bitten. Wer Willi nicht will, hat ihn nicht verdient. Ich erkläre jetzt Willis Verhalten einfach dann, wenn sich Fragen stellen. Jedoch stellte uns in dem Restaurant niemand eine Frage. Willi sollte weg. Wir sind erhobenen Hauptes gegangen. Hätte ich nicht angefangen zu heulen, würde ich sogar sagen, wir sind souverän gegangen.

Seit es Willi gibt, kämpfe ich unermüdlich für seinen Platz in der Welt – aber nie, solange er in der Schusslinie steht. Willi ist verbalen Auseinandersetzungen komplett ausgeliefert. Er versteht eher zwischenmenschliche Schwingungen als Worte. Wenn jemand vor ihm Angst hat, macht auch ihm das Angst. Das Schrecklichste für Willi ist Streit. Wird in seiner Gegenwart gar geschrien, verursacht das bei ihm einen emotionalen Ausnahmezustand. Er beginnt dann in seiner Hilflosigkeit ebenfalls zu schreien oder gar Dinge zu werfen.

Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung?

Es ist vielleicht seine nonverbale Art eines Vorwurfes. Das würde indes als Akt physischer Gewalt eingeordnet werden, nicht als Kommunikation. Bei einem Menschen mit Behinderung, der aggressiv wirkt, endet alle Toleranz. Es stünde fest, dass „so einer“ wirklich nicht in die Öffentlichkeit gehört. Mein wahrhaft zutiefst friedlicher und harmonieliebender Willi würde vom Opfer zum Täter gemacht.

Ich muss darum vorausschauend handeln und Eskalationen unbedingt vermeiden. Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung? Ich kenne Familien, die fast ihr ganzes Leben im Privaten verbringen, und andere, die der Gesellschaft deutlich mehr zumuten als wir. Doch eines ist sicher: Die meisten Leute haben keine Ahnung, was sie beim Thema Behinderung tagtäglich alles NICHT sehen.

Meine Wunsch-„Strafe“ für alle am Vorfall Beteiligten wäre, sie zu ein paar Wochen Arbeit in einer stationären Wohneinrichtung oder einer Tagesförderstätte für schwer mehrfach behinderte Menschen zu verpflichten. Da lernen sie vielleicht auch, worauf es im Leben wirklich ankommt. Nämlich auf Liebe!

Wenn ich mitbekomme, wie hasserfüllt gesellschaftliche Diskurse oft geführt werden, dann scheint es mir für viele dringend notwendig, bei einem Willi in die Lehre zu gehen.

Darum bin ich auch für ein unfreiwilliges soziales Jahr anstelle der freiwilligen sozialen Medienjahre, die heutzutage viele Jugendliche machen. Auf jeden Fall haben diese laut OECD-Studie im Schnitt 7 Stunden Bildschirmzeit täglich, was in etwa der normalen Arbeitszeit von FSJ­le­r*in­nen entspricht. Ich denke, davon hätten wir langfristig wirklich alle mehr.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Birte Müller

Birte Müller Freie Autorin

Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Bilderbuch „Die Kartoffel und der Sinn des Lebens“. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de
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16 Kommentare

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  • Igor Majdandzic

    Tut mir leid, dass sie sowas erleben müssen.



    Viel Kraft beim bewältigen solcher Situationen und der Kommentare.

  • Philippo1000

    Danke, es ist schön, von Willi zu hören!



    Denn: „ die Meisten haben keine Ahnung“!



    Es ist bewundernswert, wenn gesellschaftliche Aufgaben in der Familie übernommen werden.



    Gut, dass hier beschrieben wird, wie kompliziert Zwischenmenschliches ist - obwohl, das ist eigentlich Normalzustand.



    Nachvollziehbar, dass frau auch einfach mal etwas unternehmen will, ohne Voranmeldung , Ich bin auch nicht so der Voranmeldungsmann. Mich haben schon die Jahre genervt, in denen ich im Restaurant erklären musste, das vegetarisch nicht Wurst ist.



    Um sich einfach mal kennen zu lernen, fände ich eine Rückkehr zum Wehr- und Zivildienst gut.



    Da haben die Jungs ( und Mädchen?!) Zeit, zu überlegen, was sie selbst wollen und machen in der Zeit auch noch was Sinnvolles.



    So ein bisschen Zeit mit Willi - oder Wilhelmine wäre ein schöner Dienst an der Gesellschaft, der gegenseitiges Verständnis fördern kann.



    Das gilt schon für eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe wie Kollegen beim Zivi oder Bund: einfach mal raus aus der Blase und was/wen Neues kennen lernen -



    denn nicht nur „ Willi will‘s wissen“!

  • Walter Bald

    Ich habe vor über 40 Jahren Zivildienst würde auch heute wieder den Kriegsdienst verweigern, glaube aber nicht, dass eine Wiedereinführung klappen würde. Die Deutschen sind heute viel unsozialer.

  • AuchNeMeinung

    Nun, lautstarken Protest weil eine Person am Nebentisch „abdreht“ gleich ob behindert oder Narzisst liegt mir nicht.

    Dennoch würde ich nach einem solchen Vorfall das besagte Restaurant nicht mehr besuchen und selbstverständlich auch entsprechen im Netz bewerten.



    Wie bereits geschrieben, ist mir der Grund für solch ein entgleisen absolut wumpe, ich fühle mich dadurch in meiner kostbaren Freizeit gestört.

  • Altbayer

    Hoffe dieser Artikel wird auch von der Linken gelesen, und noch einmal die Bewertung des "Zwangsdienstes" Zivildienst neu bedacht!

  • Troll Eulenspiegel

    Zwangsarbeit, also das unfreiwillige soziale Jahr, zur Verhinderung des Ableismus in den Köpfen der Menschen unterstütze ich.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Zur Eskalationsstrategie sehe ich keine Nonplusultra-Lösung.



    Das hängt stark von der Situation ab, und ist auch abhängig von der Abwägung zwischen stressfreier Lösung (für Willi) und Durchsetzung eines Rechts (für Willi).



    Schönen Sonntag

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Zu einem verpflchtenden sozialen Dienst habe ich keine abschließende Meinung.



    Obwohl, es ist immer hilfreich, den Alltag aus einer GELEBTEN Erfahrung zu betrachten!



    Grundsätzlich verdient jede vulnerable Person



    Aufmerksamkeit



    und



    Unterstützung.



    In einem Wort: RESPEKT ❗️



    Ich beziehe mich gerne auf



    § 1 StVO



    Absatz 1:„Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“



    Absatz 2:„Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“



    ‐-------



    Ich ersetze dann [Straßen]verkehr durch 'Leben' und vielfach hilft das.



    Gruß von Willi zu Willi

    • Willi Müller alias Jupp Schmitz

      @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      "Aufmerksamkeit" - immer

      und

      "Unterstützung." - bei Bedarf, und wenn gewünscht

  • R.I.P.

    Als ich in den 70ern mit meinem behinderten Bruder unterwegs war, kam es häufig zu sehr beschämenden Zwischenfällen. Allerdings selten in der Art wie von Frau Müller geschildert. Damals wollten uns die Leute immer Geld schenken, wohl in der Annahme, daß, wenn jemand schon so schlimm dran ist, ihm eine zusätzliche Fahrt im Karussell guttun würde.

    Einen verpflichtenden Dienst halte ich inzwischen für unverzichtbar, schon um die Welt außerhalb der eigenen Blase erfahrbar zu machen und um die qualitativen Unterschiede zu den uns bedrohenden Autokratismen als verteidigungswert zu erkennen.

    Meinen Zivildienst habe ich im Umweltschutz abgeleistet, mein Bedarf an körperlichen Dienstleistungen war zugegebenermaßen gedeckt.

  • elektrozwerg

    "Darum bin ich auch für ein unfreiwilliges soziales Jahr anstelle der freiwilligen sozialen Medienjahre, die heutzutage viele Jugendliche machen."

    Ich war waehrend meiner Zivizeit bei einem Verein fuer Schwerbehinderte. Ich haette das damals mit Sicherheit nicht ohne Zwang gemacht, denn manchmal weiss man eben nicht, vor allem in dem Alter, was einem "gut" tut. Ich waere heute sicher ein anderer Mensch ohne die Erfahrungen die ich in meiner Zivizeit gemacht habe und ich bin mir sicher, wuerden das mehr junge Leute machen, waere die Chance auch viel hoeher, dass einer der Unbeteiligten im Restaurant mal den Mund aufmacht.

    • Biker-Ffm

      @elektrozwerg:

      Ich habe diese Erfahrung auch als Zivi gemacht und gebe ihnen zu 100% Recht.

  • Herma Huhn

    Ich kann absolut verstehen, dass man in der Situation nicht ohne Rücksicht auf Verluste auf seinem Recht beharrt.



    Was ich nicht verstehen kann, sind die anderen Gäste, die hier nicht reagiert haben.



    Allerdings haben diese vielleicht auch nur einen Teil des Vorfalles bemerkt. Dass der Tisch extra weit hinten im ruhigen Bereich reserviert wurde hätte mir als Information zum Beispiel geholfen, um die Ungerechtfertigtheit des Rauswurfs in mein Bewusstsein zu rücken.



    Die offensichtliche Lüge über die Beschwerde eines Gastes konnten die Leute auch nicht durchschauen ohne das Wissen, dass Willi gerade erst eingetroffen ist. (Ich würde glauben, ich hätte eine Episode vor dem Restaurant verpasst und mich deswegen nicht einmischen)

    Ich will hier aber auch niemanden in Schutz nehmen. Eine anschließende in Ruhe verfasste und ehrliche Rezension bei entsprechenden Portalen würde ich mir daher nicht verwehren. Schon allein um andere Familien zu warnen, damit sie dieses Restaurant bei der Wahl für ihre Feiern meiden.

  • Martin Rees

    "Darum bin ich auch für ein unfreiwilliges soziales Jahr anstelle der freiwilligen sozialen Medienjahre, die heutzutage viele Jugendliche machen."



    Offensichtlich kein Projekt für Linke:



    "Für eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag wäre die Koalition - wenn sie nicht auf Stimmen der AfD setzen will - auf die Linkspartei angewiesen. Deren Chef Jan van Aken lehnt eine Zustimmung zu Pflichtdiensten aber kategorisch ab. "Ich bin gegen Pflichtdienste", sagte er bei RTL und ntv. Die Linke stünde "auf keinen Fall" für eine Grundgesetzänderung zur Verfügung."



    Bei tagesschau.de 2025



    Das wird sich wohl nicht geändert haben.



    Bereits kontrovers 2018 in der taz:



    "Pro und Contra zum „Gesellschaftsjahr“



    Muss Helfen Pflicht werden?



    Ein Jahr Dienst an der Gemeinschaft – verpflichtend für alle. Das schlägt unter anderem die Junge Union vor. Ist dieser „Zivi 2.0“ eine gute Idee?"



    Dort stand etwas zu dafür und dagegen von Gereon Asmuth bzw René Hamann...



    taz.de/Pro-und-Con...aftsjahr/!5521191/

    • elektrozwerg

      @Martin Rees:

      Es gibt auch eine Schulpflicht. Ein verpflichtendes soziales Jahr fuer alle waere nur eine andere Art der Bildung. Soziale Intelligenz und Verantwortung fuer andere uebernehmen sind nicht unwichtiger als eine Kurvendiskussion. Wahrscheinlich sogar wichtiger.

      • Starlight

        @elektrozwerg:

        Ich durfte in der Schule stets unfreiwillig als Integrationshilfe bereitstehen (musste nie lernen, angepasst, lieber unter dem Tisch gelesen als zu stören=verantwortlich für alle mit sozioemotionalen Problemen, Gewaltproblemen oder Lernproblemen). Das hat mir jegliches soziales Engagement abgewöhnt (spätestens nach dem zweiten gebrochenen Knochen mit 11). Wenn ich nach der Schule noch ein Jahr sowas hätte machen müssen wäre ich weg gewesen.