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Kap VerdeKicken, um endlich gesehen zu werden

Zum ersten Mal nimmt Kap Verde an einer Fußball-WM teil. Der afrikanische Inselstaat will mehr Tourismus, mehr Investitionen und ein besseres Image.

Aus Praia

Ronny Blaschke

Praia ist die Hauptstadt von Kap Verde, und hier geht es gemächlich zu. Auf den Straßen gibt es kaum Verkehr, in den Cafés der Altstadt findet man immer einen Platz. Doch in der Geschäftsstelle des Fußballverbandes kann von Gemächlichkeit keine Rede sein. Auf dem Schreibtisch von Mário Semedo stapeln sich Akten, Broschüren, Bücher. Dahinter steht ein Rollkoffer, als befände sich Semedo gerade auf dem Sprung.

„Wir haben so viel Arbeit wie nie zuvor“, sagt Semedo, der seit 1999 Präsident des Fußballverbandes von Kap Verde ist. „Aber es ist eine schöne Arbeit. Unser Verband hat eine historische Chance.“ Kap Verde, eine Inselgruppe im Atlantischen Ozean mit 500.000 Einwohnern, liegt geografisch im Abseits, stößt aber nun auf die politische Weltkarte vor. Zum ersten Mal nimmt Kap Verde an der Fußball-WM teil.

Im Büro von Mário Semedo sind auf einer Collage zwei historische Persönlichkeiten abgebildet: Nelson Mandela und Amílcar Cabral, eine prägende Figur in der Unabhängigkeitsbewegung von Kap Verde aus den 1960er Jahren. Neben der Geschäftsstelle liegt das Estádio da Várzea, ein kleines Stadion mit Betontribünen. Hier wurde am 5. Juli 1975 zum ersten Mal die Flagge von Kap Verde gehisst, für die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal. „Unser Land hat sich gut entwickelt“, sagt Semedo. „Aber jetzt können wir in eine neue Dimension vorstoßen.“ Am Montag bestreitet Kap Verde das erste WM-Spiel in Atlanta gegen Spanien.

Unser Land hat sich gut entwickelt. Aber jetzt können wir in eine neue Dimension vorstoßen.

Mário Semedo, Präsident des Fußballverbandes Kap Verde

Das Fifa-Geld wird für Reisekosten gebraucht

Der Fußballverband von Kap Verde hat 20 Mitarbeitende. Für Auswärtsspiele auf dem afrikanischen Kontinent gibt es kaum direkte Flugverbindungen, daher gehen 70 Prozent des Etats für Reisekosten drauf. Als WM-Teilnehmer erhält der Verband von der Fifa 12,5 Millionen Dollar. Ein großer Teil davon fließt in die Turnierkosten: Hotels, Flüge, Ausstattung. Doch Mário Semedo möchte auch in die Zukunft investieren, in Trainingskurse und Talentschulen. Dennoch sind die sportlichen Strukturen auf den Inseln selbst nicht wettbewerbsfähig. Noch nicht.

Rund eine Million Menschen kapverdischer Herkunft leben in der Diaspora. Fast alle Nationalspieler von Kap Verde sind Kinder oder Enkelkinder von Auswanderern. Sie sind mit ihren Klubs nahezu auf allen Kontinenten aktiv. Logan Costa spielt für Villarreal in Spanien, Steven Moreira für Columbus Crew in den USA, Ryan Mendes für Igdir in der Türkei. Andere Spieler sind in Zypern, Saudi-Arabien oder Russland unter Vertrag.

„Der Fußballverband sucht mit Scouts auf der ganzen Welt nach Spielern mit kapverdischen Wurzeln“, sagt der Journalist Victor Hugo Fortes, der für den nationalen Fernsehsender von Kap Verde die Länderspiele kommentiert. „Inzwischen bringen Familien ihre Söhne beim Verband auch selbst ins Gespräch.“

Dieses System hat seinen Ursprung Anfang des Jahrtausends. Der Stürmer Lito, geboren in Kap Verde, aber sozialisiert in Portugal, entschied sich 2002 für das Nationalteam von Kap Verde, als einer der ersten Topspieler überhaupt. Schritt für Schritt dehnte der Verband sein Netzwerk aus, vor allem auf Frankreich und die Niederlande, wo jeweils rund 25.000 Menschen kapverdischer Herkunft leben.

Der Fußballverband sucht mit Scouts auf der ganzen Welt nach Spielern mit kapverdischen Wurzeln

Victor Hugo Fortes, Sportjournalist

Anfangs gab es Hürden. 2019 wandte sich der damalige Nationaltrainer von Kap Verde, Rui Águas, über soziale Medien an den Spieler Roberto Lopes, genannt Pico, der in Irland aufgewachsen ist. Pico, dessen Vater aus Kap Verde stammt, nahm die Nachricht nicht ernst. Monate später versuchte es der Trainer erneut. Inzwischen gehört Pico zu den wichtigsten Spielern der Mannschaft.

Kampf um kulturelle Eigenständigkeit

Als Nationaltrainer bemüht sich seit 2020 Pedro Leitão Brito, bekannt als Bubista, um eine gemeinsame Identität. Er macht sich dafür stark, dass alle Spieler die kreolische Sprache erlernen, eine Mischform von portugiesischen und westafrikanischen Elementen. „In Kap Verde gilt Kreol als Symbol der kulturellen Eigenständigkeit“, sagt Victor Hugo Fortes. „Der Trainer glaubt, dass die Spieler sich damit in die Geschichte ihrer Vorfahren hineinversetzen können.“

Trotzdem sind die Kapverdischen Inseln, die ab dem 15. Jahrhundert von portugiesischen Seefahrern besetzt und lange als Zwischenstation für Sklaven genutzt wurden, noch heute mit der früheren Kolonialmacht verbunden. In Gesetzgebung, Handel, Bildung: Kap Verde orientiert sich an Portugal. Auch im Fußball.

Es waren portugiesische Händler, die das Spiel in den 1910er Jahren auf den Inseln einführten. In ihren ersten Fußballvereinen durften Schwarze Menschen, die Nachfahren von Sklaven, zunächst nicht mitspielen. Als es ihnen einige Jahrzehnte später dann doch gestattet war, wurden sie von Kolonialbeamten überwacht, aus Sorge vor einem organisierten Widerstand.

Ab den 1940er Jahren schickte das portugiesische Regime die Fußballklubs aus Lissabon auf „Pilgerreisen“ in die Kolonien, auch nach Kap Verde. „Diese Besuche sollten das Herrschaftssystem weniger streng erscheinen lassen“, sagt der Sozialwissenschaftler Nuno Domingos von der Universität Lissabon. Insbesondere Benfica Lissabon holte talentierte Spieler aus den Kolonien nach Europa. „Die Menschen in Afrika sollten den Eindruck gewinnen, dass auch sie es zu Wohlstand bringen können“, sagt Domingos. „Dafür mussten sie sich aber unterordnen und ihre Traditionen aufgeben.“

Als Portugal Kap Verde 1975 in die Unabhängigkeit entließ, lebten 75 Prozent der Menschen auf den Inseln in Armut. In den folgenden Jahren wanderten Zehntausende Menschen aus Kap Verde nach Portugal aus, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Folgen waren auch im Fußball spürbar. 2016 gewann Portugal die Europameisterschaft. Sieben der 23 Spieler hatten Wurzeln in früheren Kolonien, allein vier von ihnen in Kap Verde.

Mit Fußball gegen Traumatisierung. Und gegen Drogen

Nach dem EM-Sieg strömten auch in den früheren Kolonien Tausende auf die Straßen, viele von ihnen trugen das portugiesische Nationaltrikot. Solche Jubelbilder verleiteten Politiker aus dem rechten Lager in Portugal zu der Aussage, dass die Kolonialzeit gar nicht so schlimm gewesen sei. Und sie warnten in diesem Zusammenhang vor einer „weiteren Überfremdung“ Portugals.

Trotzdem gilt Portugal für viele Menschen in Kap Verde als das große Ziel. Auf den Inseln gibt es kaum Industrie, die Arbeitslosenquote bei jungen Erwachsenen liegt um die 25 Prozent. „Viele junge Leute, die es nicht rausschaffen, fühlen sich als Verlierer“, sagt der Sozialarbeiter Florian Wegenstein. „Mit Fußball können sie eine positive Geschichte schreiben.“

Seit 25 Jahren betreibt der Österreicher Wegenstein in der kapverdischen Kleinstadt Tarrafal ein Bildungszentrum: Delta Cultura. Von Jahr zu Jahr wuchs das Angebot. Nachhilfe, Informatikkurse, Fortbildungen für Schneiderinnen. Besonders beliebt: das Fußballtraining. Zwischen den Spielen können die Jungen und Mädchen mit einer Psychologin ins Gespräch kommen, sagt Wegenstein: „Viele der Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert.“

Was sind die Ursachen? Kap Verde gilt im internationalen Drogenschmuggel als Knotenpunkt. Auf der Transitroute von Kolumbien nach Europa wird Kokain auf den Inseln zwischengelagert. Ein Teil verbleibt als Prämien für Gangs in Kap Verde. Die Folgen in der Hauptstadt Praia: Gewalt, Raubüberfälle, Revierkämpfe. „Dem müssen wir etwas entgegensetzen“, sagt Florian Wegenstein.

Zum Beispiel den Fußball. Die Nationalmannschaft könnte nun bei der WM eine Aufmerksamkeit erzeugen, die mehr Touristen und Investoren auf die Inseln lockt. Oder wie es Mário Semedo, der Präsident des Fußballverbandes, formuliert: „Die WM ist das perfekte Nationbranding.“

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