Die größte WM aller Zeiten: Liebe die Kleinen wie dich selbst
Das Schönste an der anstehenden WM ist die große Teilnehmerzahl. Wer sich nicht auf Kap Verde, Curaçao oder Jordanien freut, hat ein Herz aus Stein.
Foto: News Licensing/imago
Es gibt bekanntlich viele gute Gründe, eine WM mit Fifa-Boss Gianni Infantino und seinem Kumpel Donald Trump als Gastgeber abzulehnen. Die willkürliche US-Einreisesperre für einen bislang unbescholtenen Schiedsrichter aus Somalia hat vielen Fans des fairen Fußballsports schon vor dem Eröffnungsspiel den Rest gegeben. Doch wer deshalb bereits einen persönlichen Boykott des gigantomanischen Kommerzwahnsinns beschlossen hat, sollte bitte ganz kurz die Stichworte „Torreense“, „Stopira“ und „Video“ googeln. Da kommt dann doch Vorfreude auf. Und wie.
Dicht gedrängt sitzen und stehen Spieler, Trainer und Betreuer des portugiesischen Zweitligisten SC União Torreense in einer überfüllten Umkleidekabine. Wie gebannt lauschen sie einer Durchsage, die per Lautsprecher übertragen wird. Es geht um die wichtigste Aufstellung des Jahres, nein, aller Zeiten. Ein Name nach dem anderen wird genannt. Die Spannung steigt. Als der Sprecher „Stopira“ sagt, gibt es kein Halten mehr. Alle springen auf, jubeln, schreien und umarmen sich.
Denn nun ist klar: Torreenses Linksverteidiger Ianique dos Santos Tavares, genannt Stopira, ist nominiert – als erster WM-Teilnehmer in der Vereinsgeschichte. Der 38-Jährige darf in den USA für den afrikanischen Inselstaat Kap Verde, der sich zum ersten Mal für eine WM qualifiziert hat, gegen Spanien, Saudi-Arabien und Uruguay antreten. Das macht ganz Torreense stolz.
Stopiras portugiesische Vereinskollegen erdrücken ihren Mitspieler fast vor Freude und werfen ihn am Ende mit vereinten Kräften in die Luft. Wer sich da nicht mitfreut, hat ein Herz aus Stein oder ist Rassist, was aufs Selbe hinausläuft. Doch der Jubel ist zum Glück ansteckend, der Clip aus der Kabine von Torreense geht schnell weltweit viral und wird fast so oft geteilt wie die Freudentränen des Multimillionärs Neymar bei der Nominierung für Brasilien.
Böse Motive, gutes Ergebnis
Diese herzergreifend schönen Bilder mit einem gefeierten Spieler aus Kap Verde hätte es höchstwahrscheinlich nie gegeben, wenn sich all die Kritiker durchgesetzt hätten, die gegen die „Aufblähung“ der WM protestierten. Die vehement dagegen waren, dass statt 32 Länder wie 2022 in Katar diesmal sogar 48 Länder mitspielen dürfen. Damit werde das wichtigste Fußballturnier entwertet, hieß es. Und natürlich stimmt es, dass Fifa-Chef Infantino die WM nicht aus Nächstenliebe für die Schwächeren vergrößert hat, sondern aus Geldgier und Machtkalkül.
So kann der Weltfußballherrscher noch mehr Einnahmen kreieren und scheinbar großzügig verteilen, um sich noch mehr Stimmen bei der nächsten Wahl zu sichern. Infantinos Scheinheiligkeit ist unerträglich und muss weiter angeprangert werden. Aber auch aus bösen Motiven kann manchmal Gutes entstehen.
Wenn an dieser in vieler Hinsicht kaputten WM noch irgendetwas schön ist, dann die Teilnehmerzahl. Wie eurozentristisch, ignorant und egoistisch muss man sein, um den zusätzlich qualifizierten Ländern ihre Freude nicht zu gönnen? Das geht nur, wenn man so arrogant ist wie Paul Breitner. „Die beste Weltmeisterschaft wäre eine Europameisterschaft plus Argentinien und Brasilien“, erklärte der einstige Mao-Fan und heutige Grüßonkel aller Leistungsfetischisten, der sich seit 1974 auf seinen WM-Lorbeeren ausruht, in der Zeit. „Alles andere bräuchte man für eine Weltmeisterschaft nicht.“
Dann hätte es aber leider nie so schöne WM-Highlights wie die zauberhaften Sprünge des kolumbianischen Wuschelkopf-Torwarts René Higuita oder den 1:0-Sieg für Kamerun mit Roger Milla gegen Weltmeister Argentinien im Eröffnungsspiel 1990 gegeben.
Für Paul Breitner und seine Gesinnungsgenossen, die sich nur für die immer gleichen Finalrunden mit den reichsten und stärksten Nationen interessieren, hier noch ein wichtiger Servicehinweis: Niemand, wirklich niemand ist dazu verpflichtet, sämtliche 104 Spiele der WM anzuschauen. Und Breitner darf ruhig weiter nörgeln. Alle anderen können sich auf das erste Spiel von Kap Verde gegen Europameister Spanien am 15. Juni in Atlanta freuen.
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