Jazzalbum von Myra Melford: Es könnte gar nicht besser sein
Die US-Pianistin Myra Melford liefert mit dem Fire and Water Quintet Modular-Jazz in Zellenform. Ihr fulminantes Album heißt „Sure Grand Out“.
Foto: Rogue Art
Es sind nur wenige Worte und sie klingen rätselhaft und zart, fast wie Haikus. Als Kathryn Scanlan bei einer Auktion ein altes Tagebuch ersteigert, finden sich darin kalendarische, mit sorgfältiger Schrift notierte mysteriöse Kurzeinträge. Deren Poesie lässt die irische Autorin nicht los und 2019 veröffentlicht Scanlan die Sammlung schließlich als „Aug 9 – Fog“. Eine Zeile daraus lautet: „A good rain, flowers come fast, sure grand out“. (Ergiebiger Regen, Blumen sprießen rasch, draußen wirklich herrlich).
Die US-Jazzpianistin Myra Melford, die an der kalifornischen Universität von Berkeley Komposition unterrichtet, lässt sich für ihre eigenen Werke oft von solchen Vorlagen inspirieren. So auch von „Aug 9 – Fog“, das schließlich den Titel für ihr neues Album „Sure Grand Out“ lieferte.
Das gerade beim unabhängigen Pariser Jazzlabel Rogue Art erschienene Album ist der letzte Teil von Melfords Trilogie mit dem Fire and Water Quintet, bestehend – neben ihr selbst – aus den Jazzmusikerinnen Mary Halvorson (Gitarre), der Saxofonistin Ingrid Laubrock, Tomeka Reid am Cello und Drummerin Lesley Mok. Benannt sind sie nach der gleichnamigen Serie von Zeichnungen des Künstlers Cy Twombly. Die schlichte Schönheit der Tagebucheinträge korrespondiert mit den zarten Linien von Twombly.
Ironisch gemeint
„Sure Grand Out“ hat einen Subtext. Melfords Vorfahren wanderten aus Irland in die USA aus. Nach dem erneuten Wahlsieg von Donald Trump hat sich die Künstlerin vorsichtshalber einen irischen Pass ausstellen lassen. Umgangssprachlich wird „Sure Grand Out“ in Irland auch als ironisch gemeinte Versicherung eingesetzt, dass alles „okay“ sei – obwohl dem überhaupt nicht so ist.
Das Album
Myra Melford's Fire and Water Quintet: „Sure Grand Out“ (Rogue Art)
Die Musik von „Sure Grand Out“ beginnt abgehackt, nervös, sie klingt roh. Ungeduldig, beinahe blechern monoton wiederholt sich ein Klaviermotiv in rhythmisch perkussiven, minimalen Verschiebungen. Das Saxofon setzt ein, fragmentiert. Dazu kommen einzelne Schlagzeugakzente, ein gezupftes Cello und elektronisch-mäandernde Verzerrungen der E-Gitarre. Dann löst sich das Saxofon, andere Stimmen schlängeln sich an ihm entlang, eine Gitarrenmelodie setzt ein, begleitet von verästelten Klavier-Akkordstrukturen. Zuletzt nimmt das Saxofon das Anfangsmotiv wieder auf. Als abstrakte, repetitive Form, die eine harmonische Auflösung verweigert.
Beim Fire and Water Quintett kommt konzentriertes, hochvirtuoses Können der derzeit führenden Improvisatorinnen des Free Jazz zusammen. Im Unterschied zu den beiden Vorgängeralben „For the Love of Fire and Water“ und „Hear the Light Singing“ ist die Musik auf „Sure Grand Out“ nicht als Suite angelegt. Ihr gefalle zwar die Reihenfolge, erklärt Melford, aber es seien Einzelstücke. So sei es auch möglich, beim Hören an einer beliebigen Stelle einzusteigen, nicht zwingend am Anfang.
Modular gebaut
Beim ersten Album improvisierten die Musikerinnen über kompositorische Skizzen. In der Folge komponierte Melford gezielt für die einzelnen Instrumentalistinnen. Für „Sure Grand Out“ sei ihr Ansatz offener: So lösen sich aus dem Quintett immer wieder Binnenformationen als Duos und Trios heraus. Sie habe dieses Mal modular komponiert, inspiriert von Henry Threadgills Kompositionstechnik, bei dem sie als junge Musikerin lernte. Es sind musikalische Bausteine, die Melford als „Cells of Ideas“ bezeichnet. Diese zellulare Struktur zieht sich auch durch die neun Stücke auf „Sure Grand Out“.
Teilweise komponierte Melford die Stücke bereits für ihr Trio SOX 2 mit Ingrid Laubrock und Lesley Mok und erweiterte sie anschließend für das Quintett. Im Vordergrund stehen dabei für sie die künstlerischen Persönlichkeiten. Melford hatte die Musikerinnen zuerst 2015 für einen Abend ihres Engagements in John Zorns New Yorker Club „The Stone“ eingeladen.
Zu der Zeit hatte sie gerade mit der Arbeit an neuen Kompositionen begonnen, die offen angelegt waren. Danach arbeitete sie die Stücke weiter aus. Bereits Mitte der 1990er Jahre hatte Melford das Stück „Drawing in the Dark“ konzipiert, nach einer Idee Twomblys, im Dunkeln zu zeichnen, ohne Sicht, ganz intuitiv.
Energetisch stark
Sie spürte eine starke Verbundenheit zur Energie, der Gestik und der visuellen Wirkung seiner Arbeiten. Melford reiste in der Folge nach Italien, wo Twombly seine Serie „Gaeta (For the Love of Fire and Water)“ gezeichnet hatte, die sich inzwischen im Museum Brandhorst in München befindet. Auch sonst bildet Recherche eine Grundlage von Melfords Kompositionen.
Die 1957 in einem Vorort von Chicago geborene Künstlerin studiert zunächst klassische Musik von Bartók und Strawinsky, dann Umwelttechnik und kommt durch ein Konzert des Geigers Leroy Jenkins und der Pianistin Amina Claudine Myers zum Jazz. Beide gehören zur Schwarzen Chicagoer Musiker_innen-Vereinigung AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians), die ab Mitte der 1960er vorherige konventionelle Spieltechniken im Jazz radikal öffnet.
In den 1990ern zieht Melford nach New York, nimmt weiter Unterricht und besucht Workshops. Darunter fällt auch eine Fortbildung beim Komponisten und Multiinstrumentalisten Henry Threadgill, der eine auf Intervallen beruhende modulare Kompositions- und Spielweise entwickelt hatte. Später wirkt Melford auch im Ensemble des Trompeters Lawrence „Butch“ Morris mit, der seine eigene Dirigiersprache der „Conduction“ für die Musik anwendete, eine auf Gesten basierende Improvisationstechnik.
Auf „Sure Grand Out“ bilden reduzierte musikalische Teile, die Melford als „Interludes“ bezeichnet, Zwischenspiele melodischer und abstrakter Ideen. Wie die zarten Zeichnungen Twomblys und die knappen Tagebucheinträge von „Aug 9 – Fog“. Gerade in der Reduktion zeigt sich die Größe der Spielerinnen. In der Modulation einzelner Töne und melodischer Harmonien, die anschließend wieder aufgebrochen werden und sich verzweigen.
Das Album endet rhythmisch betont, beinahe tänzerisch mit „Summer Madness“ und einem verdichteten Zusammenspiel von Ingrid Laubrock und Mary Halvorson, als fliegender Dialog, unterlegt durch übereinander geschichtete rhythmische Muster von Klavier, Cello und Schlagzeug. Sanft auslaufend. In Stille.
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